Friedenstaube und Pfingstfenster von Wilhelm Schmied

Die Taube ist das erste Hoffnungszeichen für Noah und die Seinen in der Arche. Sie ist das Hoffnungszeichen nach einer furchtbaren Naturkatastrophe, nach einer langen Irrfahrt, einer unsanften Landung und nach Wochen des Wartens. Sie haben überlebt, als einzige, ja. Aber werden sie auch weiterleben können? Denn noch ist nicht sicher, ob die verwüstete Erde überhaupt noch Lebensraum bietet oder ob sie nicht unwirtlich bleibt, ob sie so zerstört und verpestet ist wie in diesen Wochen die Küsten im Golf von Mexiko durch das Öl aus dem Bohrloch.

Pfingstfenster von Wilhelm Schmied
Pfingstfenster von Wilhelm Schmied

Die Taube ist das Hoffnungszeichen. Sie kehrt zurück, nicht mit verklebtem Gefieder, sondern mit einem Olivenzweig im Schnabel. Die Erde bringt Leben hervor. Gott sei Dank. Die Überlebenden haben eine Zukunft. Sie können die Welt neu bebauen, bewahren und gestalten.

1950 liegt der Krieg gerade fünf Jahre zurück. Da bekommt der 40-jährige Malermeister Wilhelm Schmied den Auftrag, drei Fenster zum Kirchenjahr im Altarraum zu entwerfen: rechts Weihnachten, links Karfreitag und vorn Pfingsten. Schmied, ein Dresdner, war seit 1935 in Sangerhausen ansässig. 1940 wird er in den Krieg eingezogen, wird gefangen, 1946 kommt er zurück. Was mag er gesehen und erlebt haben in den 6 Jahren als Teil einer Armee, die folternd und mordend durch Europa zieht und alles in Schutt und Asche legt? Kann er darüber sprechen, als er aus der Gefangenschaft zurückkehrt? Oder geht es ihm so wie den meisten unserer Väter und Großväter: vom Grauen und von der eigenen Mitschuld sind sie traumatisiert, und das Ausmaß dieser kollektiven Traumatisierung geht uns erst jetzt, 65 Jahre nach Kriegsende, annähernd auf?

Wilhelm Schmied wählt für das Pfingstfenster rot, die Farbe der Kirche. Von oben bis unten zieht es sich als Hintergrund. Es erinnert an das Blut, das geflossen ist Diesmal ist es nicht das Blut des Krieges, sondern das von Menschen, die im Namen Jesu für Gewaltlosigkeit und Wahrheit eingetreten sind und mutig an eine andere Welt erinnert haben. Aber das Rot reißt auf. Ein Streifen Himmel fällt herab, windet sich in blauen Ringen bis zur Erde, breit genug für den goldenen Strahl des Göttlichen. Ganz oben setzt Schmied die Taube hinein, das Symbol von Gottes Geist, der zu Pfingsten zu den Menschen kommt. Und hier weicht Wilhelm Schmied von der Tradition ab. Er gibt ihr einen Ölzweig in den Schnabel. Er nimmt Picasso auf, der im selben Jahr für den Weltfriedenskongreß in Paris seine Friedenstaube gestaltet hat. Schmied verbindet die Symbole, die Hoffnungstaube Noahs und die von Gottes Geist. Gottes Geistkraft bewegt die Erde.

1950 sind in Sangerhausen die Wunden des Krieges noch spürbar. Das Fenster erzählt den Leuten: die Taube bringt den Ölzweig. Sie bringt Frieden. Aber sie weist auch nach vorn, verheißt Versöhnung und Neuanfang. Wie damals bei Noah bekommen die Menschen wieder festen Boden unter den Füßen, sie können aufatmen und vorwärts schauen. Gottes Geist gibt Mut und Kraft, die Trümmer zu beseitigen und die Gesellschaft neu aufzubauen, wie einst die Überlebenden aus der Arche.

Pfingsten begehen wir den Geburtstag der Kirche. Doch Gottes Geist wirkt weit über die Kirche hinaus. „Du machst neu die Gestalt der Erde“, das bekennen wir zu Pfingsten und das glauben und darum bitten wir auch für uns. Der Umbruch, in dem wir stecken, Weltwirtschaftskrise, Finanzkrise, das sprudelnde Öl vor Amerikas Küsten, Folge des Raubbaus an der Natur – das alles zeigt uns: mit grenzenlosem Wachstum ruinieren wir uns selbst. Globalisierung, demographischer Wandel, ökologische Herausforderung, weltweite Gerechtigkeit – das entscheidet sich auch in unserer Stadt.

Beim ersten Pfingstfest in Jerusalem ist die Gemeinde in die Öffentlichkeit getreten. Gottes Geist lockt auch uns ins Freie, heraus aus den Kirchenmauern, in unsere Stadt, ruft uns mitzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Gottes Vision für die Menschheit am Ende der Zeiten wird in der Bibel als Stadt beschrieben, als neues Jerusalem. Gott wohnt inmitten der Menschen, alle Zerrissenheit und Entfremdung haben ein Ende. Das ist unsere Hoffnung und diese Hoffnung färbt jetzt schon ab und bewegt uns. Wie wird die kommende Stadt, eine Stadt nach göttlichem Vorbild, aussehen? Was bedeutet das für unsere Städte, für den Stadtumbau bei uns? Gottes Geistkraft bringt Menschen über alle kulturellen und religiösen Traditionen hinweg ins Gespräch; sie macht sie kreativ; sie zeigt Wege, wie wir so leben können, daß Gerechtigkeit und Güte in dieser Schöpfung Raum finden. So wie die Überlebenden aus der Arche und die Menschen nach dem Krieg ihr Zusammenleben neu ordnen mußten, so sind wir heute gefragt, in Gottes Namen und Verheißung in die Zukunft aufzubrechen. Die Herausforderung, das Miteinander zu gestalten, steht immer wieder neu, hier und weltweit.

Gottes Geistkraft bewegt die Erde, stärkt und inspiriert Menschen. Auch wir sind Überlebende, mancher Katastrophe sind wir knapp entronnen, zukünftige haben wir vor Augen. Ja, wir sind Überlebende, sind Nachfahrinnen und Nachfahren Noahs, und wir wissen: es nicht selbstverständlich, daß die Erde noch Lebensraum bietet. Die Taube ist das Hoffnungszeichen. Sie bringt auch uns den Ölzweig. Sie bringt ihn, damit wir ihn weitergeben.

Ökumenischer Gottesdienst am Pfingstmontag 2010

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