Über den Mut, Nein zu sagen. Predigt zu Mt 21,28-31

Liebe Gemeinde, so etwas ist Ihnen allen sicher schon passiert: Sie haben mit jemandem etwas verabredet und dann werden Sie versetzt. Das ist ärgerlich. Da hat Ihnen jemand versprochen, in der Wohnung etwas zu reparieren: „das kriegen wir schon hin“, oder Sie in einer kniffligen Angelegenheit bei einem Amt zu unterstützen: „Ja, ja, das machen wir“, hat großspurig alle Zweifel vom Tisch gewischt. Und wer war nicht da, als es konkret wurde?? Aber vielleicht haben Sie’s auch schon andersherum erlebt: Sie haben um Hilfe gebeten und eine glatte Absage geerntet: Nein, da führt kein Weg hinein, auf keinen Fall. Und als Sie sich schon damit abgefunden hatten – was bleibt anderes übrig – kommt genau dieser Mensch und sagt: ich hab was für Sie. Oder: füllen Sie mal den Antrag aus. Das gibt’s auch, zugegebenermaßen seltener.

Den Ja-Sager will ich den ersten nennen, den Nein-Sager den zweiten. Der Ja-Sager, der erst viel Wind macht und große Versprechungen: ja, ja, ja, und von dem am Ende nicht mehr viel zu sehen ist. Und der Nein-Sager, der erst ablehnt, sich verweigert, zurückhält und querschießt und am Ende doch zur Stelle ist, wo er gebraucht wird und damit dreimal mehr weiterhilft als der Ja-Sager mit vielen Worten.
Der Typ des Ja-Sagers kann uns überall begegnen, in blauer Arbeitskluft wie mit Anzug und Aktentasche, in Dorf und Stadt, Kirche und Rathaus bis in die höchsten Spitzen der Politik. Denn zweifelsohne macht es einen guten Eindruck, wenn Leute sich zu Wort melden, die Vieles und Gutes versprechen. Wir sind ja froh, wen endlich jemand laut ausspricht, daß jene Straße dringend saniert werden muß oder diesem Menschen geholfen werden muß. Wir freuen uns, wenn jemand dazukommt und Maßnahmen zum Umweltschutz einfordert oder gegen Ausländerhaß oder Antisemitismus in land und Stadt – was es im einzelnen auch sei. Wenn ein neuer Helfer auftaucht und so viel Energie verbreitet, macht das erst einmal einen guten Eindruck. Wir finden ja selbst, daß endlich die Initiative ergriffen werden muß. Der Ja-Sager will genau das, was wir auch wollen, was alle wollen, und er weiß auch genau, wie das zu verwirklichen ist. Ein Retter in der Not! Deshalb ist der Ja-Sager allgemein beliebt.

Aber wehe, wenn es konkret wird. Wenn eine Schaufel angefaßt werden muß, Briefe geschrieben, Entscheidungen gefällt, Gesetze geändert oder Gelder locker gemacht werden müssen, Arbeit und Kleinarbeit und Einschränkungen nötig sind. Da sitzen dann die Leute, die sich zuvor ohne solchen Wirbel um die kaputte Straße oder die alte Frau gekümmert haben oder sich für die bedrohte Umwelt, gegen Ausländerhaß eingesetzt haben – dann sitzen die Leute, die das schon lange getan haben, wieder allein und machen die Kleinarbeit wie zuvor.

Das ist etwas karikiert und macht doch über-deutlich: den Ja-Sager kennen wir alle. Und ein wenig von ihm steckt auch in allen von uns drin: etwa daß jeder Mensch einmal von den anderen beachtet und geehrt werden möchte. Wir wollen Gutes tun, helfen, uneigennützig sein. Und doch reichen unsere Kräfte und Möglichkeiten einfach nicht aus für all unsere heeren Ziele. So lassen wir angefangene Sachen liegen und andere bringen zu Ende, was uns üb er den Kopf wächst.

Das ist die zweite Dimension in der Geschichte vom Ja-Sager und Nein-Sager. Wir wollen gern anerkannt und gelobt sein, von Freunden, Kolleginnen, in der Familie und in der Gesellschaft, als gute, brave Kinder, engagierte Bürgerinnen und Mitarbeiter. Das erreichen wir scheinbar am schnellsten, wenn wir nicken und ja sagen. Ja vor 70 Jahren, ja in der DDR 40 Jahre lang. Manchmal befürchte ich, wir würden jetzt schon wieder zu schnell ja sagen, auch wenn wir im Herzen murren. Aber das hört bekanntlich niemand. Zu hören ist ur das, das wir laut sagen. Ja-Sager. Haben wir das wirklich nötig?

Nein-sagen kann viel schwerer sein. Wer nein sagt, wird schnell abgetan als Außenseiterin oder als ein Querulant, über den die Leute den Kopf schütteln und die Nase rümpfen. Ein Kind, das nein sagt, wird als bockig hingestellt. Wer eine Meinung vertritt, die nicht in ist, ist out und wird vielleicht sogar geschnitten. Wer in der DDR nicht zur Wahl ging, wurde bedroht. Wer den Wehrdienst verweigert, muß länger Zivildienst leisten oder wird mit Gefängnis bestraft. Der Nein-Sager läßt sich nicht gern einordnen, unterordnen, vereinnahmen. Er paßt sich nicht so leicht an oder ein. Er macht sich eigenen Gedanken und hat einen eigenen Kopf, bleibt eine eigene Persönlichkeit. Nein-Sagen steht nicht so hoch im Kurs. Es stört die Eintracht, wenn jemand Bedenken anmeldet, wo vorher alles so schön klar schien in der Gruppe, in der Kirche, im Staat. Wenn sich jemand nicht so anpasst, wird oft unterstellt, er oder sie wäre an den allgemeinen Anliegen im Grunde nicht interessiert, sondern wolle Unruhe stiften und es ginge nur um eigene Profilierung.

Nein-Sagen ist gar nicht so leicht. Natürlich ist es kein Selbstzweck. Aber wer gewohnt ist, in den Chor der Ja-Sager einzustimmen und dort mitzuhoppeln, wo die anderen hoppeln, muß erst noch lernen: Freiheit gewinnen wir unabhängig von der Bewunderung und Anerkennung der anderen. Nein-Sagen und eine eigene Meinung zu haben kann frei machen.

In unserer Geschichte gibt es eine dritte Ebene. Ja-Sager und Nein-Sager sind Brüder. Sie gehören zusammen, so unterschiedlich sie sind. Der Ja-Sager gibt sich als braver Sohn, tut aber nicht, was der Vater verlangt. Der Nein-Sager verweigert sich, hilft aber schließlich doch mit. Ja-Sager und Nein-Sager sind Brüder, denn beide tun genau das Gegenteil von dem, was ihre Worte sagen. Vielleicht sind beide, von dieser Warte her betrachtet, in der Geschichte noch nicht am Ende angelangt. Das Ende wäre: eindeutig sein und zu Menschen reifen, die, wenn sie etwas sagen, das auch meinen und tun.

Wer ja sagt und sich dann doch davon zurückzieht, ist in sich uneins, gespalten und wetterwendisch. Was will er eigentlich, könnten wir fragen, dieses oder jenes. Die Brüder haben beide einen Weg vor sich, auf dem sie je auf ihre Weise reif werden. Sie reifen zu Menschen, die in sich eins sind und bei denen ja ja ist und nein nein. Dieser Weg dauert ein ganzes Leben lang und bringt viele Chancen und Überraschungen mit sich, bevor er bis zum Ende abgeschritten sein wird. Überall aber bietet er neu die Chance, anders zu werden und die Richtung zu ändern. Er bietet bis zum Ende die Chance, bisherige Meinungen zu korrigieren und andere Handlungsweisen zu erproben. Davon erzählt unsere Geschichte auch: wie ein Mensch, ja wie ein Bruder sich ändern kann. Er verkündet eine bestimmte Absicht und handelt dann völlig überraschend anders – sowohl der erste als auch der zweite.

Und überraschend wird auch sein, was am Ende herauskommen wird, wer Gottes neuer Welt am nächsten kommt neben den Zollbeamten und Prostituierten und Neinsagern aus Jesu Zeit. Amen.

 Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis 2011 zu Matthäus 21,28-31

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