Emerentia geht zur Schule

Vielleicht war die 8-jährige  Emerentia dabei, als die neue Mädchenschule eingeweiht wurde, im Jahr 1582. Der komplette Stadtrat, die Eltern und alle Schülerinnen trafen sich in der Jacobikirche zum Gottesdienst. Superintendent Seidler hielt eine lange Predigt. Dann zogen alle mit der Lehrerin – der Mädchenschulmeisterin – zur neuen Schule und hatten ihre erste Stunde: Religion. Die Mädchenschulmeisterin nahm die 10 Gebote durch. Viele konnten sie fehlerfrei aufsagen, denn sie hatten sie schon  in der alten Schule gelernt. Das zweite Fach war Lesen. Mehr Fächer gab es für Mädchen nicht. Nur die Jungs durften auch schreiben, rechnen und Latein lernen.

Ehemalige Mädchenschule in Sangerhausen
Ehemalige Mädchenschule in Sangerhausen

Trotzdem: Emerentia war stolz, daß die Mädchen in Sangerhausen überhaupt zur Schule gehen konnten. Und nun hatten sie noch dazu eine niegelnagelneue, mit geschnitzten und bemalten Balken!
Am meisten freute sich Emerentia auf den Gregorius-Tag, den 12. März. Da begann das neue Schuljahr. Von zu Hause brachten die Mädchen Geld, Wurst, Milch, Butter und Mehl mit. Davon kochten sie ein leckeres Essen. Sie feierten mit der Lehrerin. Auch die Jungs wurden eingeladen und tanzten vor der Schule.

Knapp hundert Jahre später, 1672,  zählte die Mädchenschulmeisterin Anna Maria Fritsche 56 Kinder. Die Älteste war elf Jahre alt, die vier jüngsten vier. Alle gingen in eine Klasse. Ungefähr 20 Mädchen lernten noch das ABC oder buchstabierten. Die anderen konnten schon in der Bibel lesen oder lernten Psalmen auswendig.

Noch einmal hundert Jahre später platzte die Schule aus allen Nähten. Einige mußten während des Unterrichts sogar stehen, weil die Bänke nicht ausreichten. Viele Eltern schickten deshalb ihre Töchter gar nicht mehr zur Schule; andere fehlten monatelang. Immerhin lernten sie inzwischen auch schreiben und rechnen. Aber eine Lehrerin hatten sie nicht mehr. Nur noch Männer durften Unterricht erteilen.

Weitere hundert Jahre mußten vergehen, bis alle Mädchen endlich in vernünftigen Räumen lernen konnten. Und dafür wurde wieder neu gebaut. 1885 wurde die öffentliche Mädchenschule in Sangerhausen eingeweiht. Die meisten Kinder in Sangerhausen kennen sie gut: es ist die Goetheschule in der Alten Promenade. Emerentia hätte trotzdem noch kein Abitur machen können. Erst 1896 wurden sechs junge Frauen in Berlin zum Abitur zugelassen.

Mädchenschule Inschrift
Mädchenschule Inschrift

Hintergrund
1582 wurde eine neue Mädchenschule gebaut. Im Gebäude Markt 24 wohnten seit 1768 auch die Kantoren von St. Jacobi, die zugleich dort unterrichten mußten. Das Haus trägt die Inschrift „Ista puellari studio feliciter aedes constructa est duce Christo et procurante senatu. A 1582.“

Mädchenschulmeisterinnen in Sangerhausen
1564 Anna Heune, Frau des Schneiders Hans Heune
1565 Agnes Schlackentreiber, Frau von David Schlackentreiber
Als sie 1565 mit ihrem vierten Kind hochschwanger war, starb ihr Mann an der Pest. Agnes Schlackentreiber brachte das Baby allein  zur Welt und taufte es selbst, weil weder Priester noch Hebamme zur Verfügung standen. Drei Stunden nach der Geburt starb sie selbst. Sie wurde am 5. September 1565 zusammen  mit ihrem neugeborenen Sohn Johannes begraben.
1577 war eine Schulmeisterin 14 Jahre im Dienst, deren Name unbekannt ist
Magdalena Saul. Sie heiratete den Kantor  Johann Knopf, der späteren Pfarrer in Nienstedt wurde.
Regina Niedling geb. Nürnberg
Ihr Vater Christian Nürnberg war Stadtschreiber in Quedlinburg. 1540 oder früher zog die Familie nach Sangerhausen. Reginas Mutter starb im Pestjahr 1565, einige Jahre später auch ihr Vater. Regina heiratete 1579 den Reitschmied Hans (oder Jacob) Niedling. Sie brachte zwischen 1581 und 1602 mindestens fünf Kinder zur Welt , von denen zwei starben. Bekannt wurde ihr Sohn Johann Niedling,  der mit 24 Jahren  Lehrer in Altenburg wurde und wahrscheinlich das  Pfingstlied „O Heiliger Geist, o heiliger Gott“ (EG 131) gedichtet hat. Im Alter zog sie zu ihm nach Altenburg.
Frau Streiber. Nachdem sie verwitwet war, starb 1626 ihre Tochter.
1627 Magdalena Heubel, Frau des Böttchers Christoph Heubel
1634 bis 1636 Barbara Harder, Witwe von SIegfried Harder.
1638 Katharina  …  Witwe eines Bildschnitzers aus Magdeburg. Sie verhungerte.
1641 Anna Bone, Witwe des Schneiders Hans Bone. Sie war vorher schon in Querfurt Mädchenschulmeisterin gewesen und starb 1656.
1660 Maria Seidler geb. Semmler. Sie stammte aus Naumburg und heiratete den Diakon Georg Seidler in Schloßheldrungen, bevor sie am 1.1.1660 in Sangerhausen Mädchenschulmeisterin wurde. Sie bekam  mindestens zwei Söhne und eine Tochter. In ihrem Testament stiftete sie viele Legate. Dagegen klagten ihre beiden Söhne und erstritten einen Vergleich.
1670 bis 1696 (?) Anna Maria Fritsche, Witwe des Musikanten Christoph Fritsche.
1697 bis 1709 Sophia Renner. Sie bewarb sich als verarmte Witwe um die Anstellung.
Sophia Renner war die letzte Mädchenschulmeisterin in Sangerhausen. Nach ihr wurden nur noch Männer als Lehrer eingesetzt.

Leichenpredigt
Agnes Schlackentreiber

(Angaben zu den Schulmeisterinnen nach Friedrich Schmidt, Geschichte der Stadt Sangerhausen II, 9f.  und  Samuel Müller, 91, sowie der Leichenpredigt für Agnes Schlackentreiber bei Heinrich Rothe, 1581)

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