Konfirmation: Du Spasti

Du Spast, du Spasti. Ich glaube, das ist immer noch ein Schimpfwort auf Schulhöfen. Ey du Spasti, bist du denn behindert oder was. Das soll heißen: Du bist nicht ganz richtig im Kopf, du hinkst hinterher, du begreifst nicht, worum es geht, du gehörst nicht zu uns. Ein ruppiger Umgangston herrscht auf Schulhöfen oder im Internet.

Spasti, du bist ja schwul, du Penner, Assi oder Jude. Manche werfen mit Schimpfwörtern um sich und wissen oft gar nicht, was sie bedeuten und wie sie verletzen können. Es ist keine große Kunst, sich aufzuwerten  auf Kosten anderer.
Schimpfwörter machen gut deutlich, wie Leute ticken, auf wem ungestraft herumgetrampelt werden kann und welche Menschen eben doch nicht akzeptiert sind.

In eurer Gruppe gab es eine Premiere. Das erste Mal stand beim Krippenspiel hier vorne in der Jacobikirche ein Rollstuhl auf der Bühne. Das Krippenspiel am Heiligabend 2015 war sozusagen ein inklusives Krippenspiel oder der Anfang davon. Zwei Jugendliche aus dem Christlichen Jugenddorf haben mitgemacht.
Uwe hat einen König gespielt. Candy war eine Hebamme. Sie saß im Rollstuhl. Aus eurer Gruppe war Kim auch eine Hirtin, Sofie der Engel, Ulli spielte Kain und Sven Richard Kimble.

Es war das erste Mal, dass ein Rollstuhl beim Krippenspiel hier oben stand. Und genau das „oben stehen“ war das Problem. Wie kommt der Rollstuhl auf das Podest?  Eine Rampe wäre zu steil gewesen. Schließlich blieb nichts anderes übrig: Der Rollstuhl mit Candy musste hochgehoben werden. Ihr mußtet ihn mit vereinten Kräften hinaufheben, und zwar so, daß Candy nichts passiert. Ich weiß noch, wie Frau K., die Betreuerin vom Christlichen Jugenddorf, uns einschärfte: Wir haben nur eine Candy.

Es war nicht nur für das Krippenspiel in der Kirche eine Premiere. Ich glaube, es ist auch für euch das erste Mal gewesen, dass die Jungs einen Rollstuhl hin und her gehievt haben. Ihr wart unsicher, aber ihr habt euch viel Mühe gegeben, ihr habt Kraft und Behutsamkeit aufgewendet.

Ich hatte mir alles viel einfacher vorgestellt und habe gemerkt, wie die Tücken im Detail stecken. Wie der Rollstuhl einen Meter in die Höhe kommt. Wer die beiden zu den Proben begleitet vom CJD und sie danach wieder zurückbringt. Wer am Heiligabend dafür Zeit hat, wenn alle gern mit ihren Familien feiern. Am Ende hat Frau K. das ehrenamtlich übernommen, außerhalb ihres Dienstplans.
Inklusion ist mit Anstrengung verbunden, sie braucht einen starken Willen und sie erfordert Phantasie.

Letzte Woche zu eurem Vorstellungsgottesdienst habt ihr Thesen formuliert, so ähnlich wie Martin Luther 500 Jahre zuvor 95 Thesen entwickelt hat. In euren Thesen habt ihr  immer wieder Vorurteile und Intoleranz angesprochen.
Mobbing, Homophobie, dass Schüler*innen wegen ihrer Religion verspottet werden und dass auch in unserer Zeit Frauen noch nicht überall die gleichen Rechte haben, das betrifft euch und andere Jugendliche und Erwachsene. Statt dass wir uns um die wirklich wichtigen Probleme auf dieser Erde kümmern, wird Menschen völlig sinnlos das Leben schwer gemacht.

Teresa hat vor einer Woche einen Vers aus der Bibel zitiert, den sie im Internet gefunden hat. Er stammt aus einem Brief, den Paulus an Gemeinden in Galatien geschrieben hat. Ich lese ihn noch einmal im Zusammenhang vor. „Ihr alle seid Gottes Kinder in Christus Jesus durch den Glauben. Denn alle, die ihr in Christus hineingetauft seid, habt Christus angezogen wie ein Kleid. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich, denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ (Galater 3, 26 – 28)
Die Schubladen, in die wir uns und andere stecken, sind unnötig. Es ist gut, wenn wir ihnen auf die Spur kommen. Die Christ*innen damals fanden drei als besonders belastend und  ungerecht: wenn Menschen beurteilt werden nach ihrem Geschlecht (männlich und weiblich), nach ihrer Religion oder Herkunft (jüdisch und griechisch) und die Kluft zwischen Reichen und Unabhängigen auf der einen Seite und denen, die abgehängt, arm und unfrei sind (versklavt und frei).

In den frühen Gemeinden haben sie ganz bewusst ausprobiert, wie es anders geht und wie sie unsichtbare Mauern einreißen können. Wenn jemand neu zur Gemeinde dazukam und sich taufen ließ, dann haben sie diesen Satz von Teresa gesprochen. Er war ein Taufbekenntnis. Das war ihr Glaubensbekenntnis. „Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei,  da ist nicht männlich und weiblich, denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“
Dieser Satz ist viel kürzer als das Glaubensbekenntnis, das wir nachher alle miteinander sprechen werden. Ihr hättet dann also viel weniger zu lernen gehabt. Dafür steckt eine viel größere Herausforderung darin, das  im Alltag umzusetzen. Und was dabei herauskommt, könnte sich als sehr spannend herausstellen. Denn wenn behindert oder obdachlos nicht mehr als Makel gelten, wer weiß, wie sich alle die entpuppen, denen auf dem Schulhof oder anderswo Worte wie Spasti, Penner, Schwuler, Weichei, Schlampe, Looser oder Opfer nachgerufen wird.

Wir haben das Obdachlosenhaus besucht, das CJD. Ihr seid – das ist noch eine Premiere – die ersten, die in der Sangerhäuser Tafel oder im Diakonieladen ein Konfi-Praktikum gemacht haben. Ihr habt, wenn auch nur für zwei Tage, die Seiten gewechselt. Das sollte euch anregen und schmackhaft machen, auch später immer wieder auf die andere Seite zu schauen, die Seiten zu wechseln und hin und her zu pendeln.

Die ersten Christ*innen aus dem Galaterbrief hatten diesen Mut. Sie haben gemerkt, daß es sie frei macht. Ich wünsche euch, dass auch ihr euch zu einem Leben ohne Schubladen traut. Das bedeutet ja erwachsen werden. Ich wünsche euch, dass ihr nicht Vorurteile und Zwänge weitertransportiert, sondern Freiheit um euch verbreitet und schafft. Das ist im Sinn von Jesus. Gottes Welt ist eine inklusive Welt. In ihr ist für alle Platz.

Ihr werdet erwachsen und ihr sollt sie weiterträumen und mitgestalten. In dieser Welt spielt es keine Rolle, ob jemand Spasti, hetero oder Jude ist. Es ist eine Welt, zu der jede/r ungehindert dazugehören kann. Deshalb sind Uwe und Candy heute ebenfalls hier und freuen sich mit euch.

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