Goldene Konfirmation 2017: Keine 68er

Unter den Talaren ein Muff von tausend Jahren. Vor einem halben Jahrhundert schickten sich junge Leute an, unser Land gründlich durchzuwirbeln. Sie hatten genug davon, wie zuhause, an den Universitäten und in den Ministerien geschwiegen wurde über die Zeit vor 1945. Sie wehrten sich gegen autoritäre Erziehung und hatten genug von Kriegen in Vietnam und anderswo. Sie mahnten  Solidarität  mit den Ländern des Südens an. Sie flochten sich Blumen ins Haar, hörten Beatles. Sie träumten von Freiheit. Sie veranstalteten sit-ins und sleep-ins. Die Zeitungen beschimpften sie als wildgewordene Bande oder Asoziale. Aber sie trotzten den Autoritäten, und nach und nach wandelte sich dieses Land tatsächlich. Daß heute jedes Kind ein Recht auf gewaltfreie Erziehung hat, daß nirgendwo, selbst in der Bundeswehr, Befehle einfach befolgt werden müssen, wenn sie die Würde anderer mißachten oder gegen das Recht verstoßen, daß Werte wie Umweltschutz, Meinungsvielfalt oder das Recht auf Protest selbstverständlich geworden sind, das verdanken wir letztendlich den jungen Leuten von damals, den 68ern.

1967 war kein 1968. Vor allem bei uns im Osten nicht. Die goldenen Konfirmand*innen von 1967 sind keine 68er. Sie waren nicht zur zu jung. 68 hieß bei uns: Einmarsch der Sowjetarmee in die Tschechoslowakei und Niederschlagung des Prager Frühlings. In  der DDR wurde 1968 in der Verfassung die führende Rolle der SED festgeschrieben.

Die Goldenen von 1967 sind keine 68er. Aber ihre Kinder, die haben als Teenager miterlebt, wie die Mauer fiel. Und die Kinder der Diamantenen, sie haben die Maueröffnung mit vorbereitet. Die Kinder der Diamantenen gehörten zur Generation von jungen Leuten, die sich immer weniger einschüchtern ließen von FDJ-Sekretären und Partei-Genossen. Sie trampten zu Rockkonzerten quer durch die Republik. Sie bevölkerten bei Bluesmessen die Kirchen und verschafften Orgelkonzerten ungewohnten Zulauf. Sie gingen zu den Bausoldaten. Sie trugen den Bibelvers „Schwerter zu Pflugscharen“ aus der Jungen Gemeinde in die Schulen und Betriebe. Sie radelten zu Umweltgottesdiensten ins Gründe und verabredeten sich zu ungenehmigten Baumpflanzaktionen. Sie erschienen am Abend des 7. Mai 1989 in den Wahllokalen, um die Stimmauszählung zu beobachten, und wiesen nach, daß die Kommunalwahlen gefälscht waren. Die Kinder der diamantenen Konfirmand*innen gehören zur Generation, die die Friedliche Revolution 1989 vorbereitet und getragen hat.
Sie verzichteten auf die vorgegebenen Lebenswege von Vater Staat. Wahrhaftigkeit und ein Leben ohne Lügen und Phrasen waren ihnen wichtiger als die materielle Sicherheit ihrer Eltern. In der Kirche fanden sie Freiräume, wo sie offen sprechen konnten. Sie beherzigten den Satz von Jesus: Sammelt keine Schätze, die die Motten und der Rost fressen. Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Sucht zuerst Gottes Reich und seine Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. (Mt 6,33)

Der Tag heute ist Anlaß, zurückzublicken und zu fragen: Was macht (m)ein Leben reich und wertvoll? Es sind selten die Dinge. Es sind eher die Beziehungen. Und es ist das, wofür wir uns einsetzen. Wo es um uns herum freier wird. Wo wir dazu beitragen, daß Fesseln sich lösen. Wo Liebe, Schönheit, Wahrheit zu leuchten beginnen, wo es ehrlicher zugeht, gerechter und solidarischer.

Jesus spricht darüber, was die Menschen davon abhält: Sie haben Angst und  machen sich Sorgen. Was werden wir essen und trinken und anziehen. Für die diamantenen Konfirmand*innen – und für Millionen Menschen heute – war das noch existenziell, als sie kleine Kinder waren. In der Nachkriegszeit waren ihre Mütter dankbar für ein Stück Brot, ein Glas Milch, eine Kohle, einen Wintermantel. In den Jahren danach waren die Wohnungen noch klein, zu klein meist, die Kleider wurden geflickt und weitergegeben, das Budget war bescheiden. Doch um ein Stück Brot, um das nackte Überleben gegen Hunger und Kälte mußten sich die wenigsten sorgen.
Eher ging es um eine größere Wohnung, eine eigene Wohnung überhaupt für junge Leute, später um eine Neubauwohnung. Es ging um mehr Geld im Portemonnaie, um Waschmaschine und Kühlschrank, Auto und Fernseher. Und darum, wie weit Anpassung gehen mußte: Jugendweihe, zur Armee gehen, im Betrieb mitmachen. Gerade in Ihren Jahrgängen wurden die erbitterten Kämpfe um Jugendweihe und Konfirmation ausgetragen.
Und dann sind da die privaten Ängste: wenn eine Beziehung zerbricht, oder wenn der Körper sich meldet. Ein großer Einschnitt war für viele 1990, als es um die Arbeitsstelle ging und im Osten alles ganz anders wurde. Niemand hätte damals voraussagen können, wo manche Leute gelandet sind und was aus ihnen geworden ist.

Gründe, sich zu sorgen und im Bett hin und her zu wälzen, gibt es immer, auch für jede*n von Ihnen im Laufe der Jahre. Doch im Nachhinein betrachtet: was haben die schlaflosen Nächte tatsächlich verändert? Was haben sie besser, leichter gemacht? Oder, wie es Jesus sagt, könnt ihr euer Leben auch nur um eine kurze Spanne verlängern, wenn ihr euch Sorgen macht (Mt 6,27)?
Jesus rät uns: Macht euch frei, sammelt keine Schätze, die verrotten oder gestohlen werden können. Konzentriert euch auf das, was wichtig ist. Seid solidarisch. Zieht Kreise.

Die jungen Leute von damals haben es den Älteren vorgemacht, und viele der Goldenen und Diamantenen Konfirmand*innen haben es selbst ausprobiert und versucht: Sucht zuerst Gottes Reich und seine Gerechtigkeit. Das geht in jeder Lebensphase. Träumt von einer anderen Welt. Schaut hin, wo das Unrecht wohnt. Laßt nicht locker, um Gerechtigkeit zu kämpfen. Schützt die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Feld.
Gott hat das Leben und die Schönheit in uns hineingelegt. Wir können es zum Strahlen bringen, jeden Tag neu, jeden Tag, jedes Jahr anders. Dafür gebe uns Gott Kraft und Mut.

Predigt zur Goldenen und Diamantenen Konfirmation 2017

Predigttext: aus Matthäus 6, 19-21. 26-31. 33-34
Sammelt keine Schätze hier auf der Erde, wo sie die Motten und der Rost fressen, wo eingebrochen und gestohlen wird. Sammelt lieber Schätze bei Gott, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.
Seht euch die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht und ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen – und Gott ernährt sie doch. Sollte es bei euch so viel anders sein?
Könnt ihr euer Leben auch nur um eine kurze Spanne verlängern, wenn ihr euch Sorgen macht?
Und was sorgt ihr euch um Kleidung? Betrachtet die Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen. Sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht. Und ich sage euch: Nicht einmal  König Salomo in all seiner Pracht war schöner gekleidet als eine dieser Feldblumen. Wenn aber Gott selbst die Gräser auf dem Feld so kleidet, die heute da sind und morgen in den Ofen geworfen werden – wird Gott sich nicht erst recht um euch kümmern?
So hört nun auf, euch zu sorgen und zu fragen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Was werden wir anziehen? Gott weiß ja, dass ihr dies alles braucht.
Sucht zuerst Gottes Reich und seine Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.
Darum sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Es reicht, daß jeder Tag seine eigene Last hat.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s