1917: Glocken für den Krieg

Wenn abends um sechs die Glocken läuteten, mussten wir heimkommen, erzählte mir eine alte Frau. Und wenn es nachmittags läutete, wussten wir: auf dem Friedhof wird jemand beerdigt. Glocken begleiten das Leben vieler Menschen. Wenn sie zur Taufe und zur Konfirmation, zur Hochzeit und am Grab läuten, teilen sie die schönen und die schweren Stunden einer einzelnen Familie dem ganzen Dorf oder der ganzen Stadt mit. Und umgekehrt nehmen sie die einzelnen in das hinein, was die Allgemeinheit betrifft, Frieden und Krieg, Feuer, Gefahr und Befreiung. Außerdem gab es früher noch viel mehr Glocken und Glöckchen, und schon die Kinder lernten, ihre Bedeutung zu entschlüsseln: die Ratsglocke, die Marktglocke, die Armsünderglocke, die Feuerglocke, das Pace-Läuten, die Totenglocke, das festliche Sonntagsläuten und das Alltagsgebimmel. Jeder Ort hatte seinen eigenen Klang. Und wer aus der Ferne nach Hause wanderte, den oder die begrüßte schon lange vorher auf dem Weg der vertraute Klang der Heimat.
Wo Glocken zu hören sind, da ist menschliche Nähe, sind  Haus und Hof oder Kapelle oder Dorf  nicht weit. Ihr Klang kann die Richtung weisen. Diese Erfahrung hat so manchen das Leben gerettet, wenn sie sich im Nebel oder im finsteren Wald, in Eis und Schnee verirrt haben.
Glockenguss und Glockenweihe sind große Feste und auch wir in Sangerhausen werden das in diesem Jahr erleben. Wenn umgekehrt eine Glocke zerspringt, ist das beklemmend. Wenn sie abgenommen und zerschlagen wird, kann auch im Inneren der Menschen etwas kaputtgehen.

1917 wurden in ganz Deutschland Glocken von den Kirchtürmen genommen. Sie wurden zunächst auf Glockenfriedhöfen gesammelt und dann eingeschmolzen. Metall ist kostbar im Krieg. Die wenigsten kamen zurück. Viele von denen, die verschont wurden, fielen dem 2. Weltkrieg zum Opfer. Im 1. Weltkrieg wurden schätzungsweise 65.000 Glocken eingeschmolzen, im 2. Weltkrieg allein auf dem Hamburger Glockenfriedhof 75.000. (wikipedia: Glockenfriedhof)
Wenn sie zuvor zu Gottesdiensten, zu Freude und Leid der Menschen gerufen hatten, wurden sie nun zu todbringenden Waffen, zu Kanonen, Gewehren und Munition. Vielleicht wurde aus einer Glocke sogar jene Kugel, die das Leben auslöschte, das sie einstmals am Taufbecken eingeläutet hatte.
Was den Menschen helfen und ihnen das Leben erleichtern und schön machen soll, wird dazu verwendet, sie zu verletzen, zu unterdrücken, zu foltern und zu töten. Das passiert immer wieder, auch heute. Glocken zu Kanonen.

Die Bibel träumt umgekehrt. Es wird gelingen, daß die Menschen Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Winzermessern umschmieden und nicht umgekehrt. Die Bibel lehrt uns, in den Menschen Gottes Ebenbilder zu entdecken und keine Feinde. Sie bestärkt uns, an Gottes neuer Welt mitzubauen. Sie ermutigt uns, Frieden und Versöhnung zu suchen.
Christus ist unser Friede. Die getrennt waren, hat er zusammengebracht. Abgebrochen hat er den Zaun der Feindschaft. Durch seinen Tod hat er uns versöhnt, versöhnt mit Gott in einem Leib. Der Gewalt hat er eine Grenze gesetzt. Frieden hat er verkündet denen, die ferne waren, und denen, die nahe waren. Darum kehrt um und lasst euch ein auf den Weg des Friedens! Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen. (nach Eph. 2,14 und Jes. 52,7)

Im 1. Weltkrieg verlor die Ulrichkirche nur diese eine Glocke von 1696. Jedoch schon 5 Jahre später war ihr Geläut wieder komplett. Die Jacobusglocke von 1452 aus der Jacobikirche wurde 1922 aufgehängt und in einem Festgottesdienst eingeweiht.
Aber schon im 1942  musste sie die wieder abgeben und die kleinste, die älteste Glocke von 1326 auch. Beide Glocken wurden abtransportiert. Im Nachhinein stellte sich heraus: die Ulrichgemeinde hatte großes Glück. Nach dem Krieg fanden sich beide Glocken auf dem Glockenfriedhof in Ilsenburg an.
So rufen uns jeden Sonntag drei jahrhundertealte Sangerhäuser Glocken: die Trinitatis- oder Dreifaltigkeitsglocke von 1636 aus dem 30-jährigen Krieg, die Jacobusglocke von 1452 und die  Maria-Glocke von 1326.

Die Glocken unserer Kirchen rufen zum Gebet. Sie läuten die Liebe ein. Sie läuten gegen den Tod an. Sie mahnen für Menschenrechte. So loben sie Gott.

Weitere Predigten zu Frieden und zu Friedensdekade: hier


Zeitungsbericht über die Glockenabschiedsfeier in St. Ulrici am 15.7.1917
„Auch in der Gemeinde St. Ulrich fand am Sonntag der Abschied der jüngeren, mittleren Glocke statt.  … Die Abschiedsrede hielt Herr Pastor Nittschalk auf Grund des Psalmistenworts (39,10): „Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun, denn du hast’s getan“, nach der Glockeninschrift: „Jesus wird’s wohlmachen, hoffe auf ihn.“ Nach dem Gottesdienst läuteten alle drei Glocken nochmals zusammen, nachdem die mittlere, gleichsam zum Abschied, allein ihre Stimme hatte ertönen lassen. Auch hier übermannte die Feier manche christliche Seele und die Tränen flossen.“ Sangerhäuser Zeitung, 17. Juli 1917
„In der Folge wurde eine Glocke, die mittlere, im Kirchturm zerschlagen. Das Zerschlagen des Glockenkörpers war weithin zu hören. Vielen Sangerhäusern drehte sich das Herz im Leib um.“ Mathias Köhler, Helmuth Loth (Hrsg): Faszination Glocke. Sangerhausen 2017, S. 32

 

Zwei Lieder aus der Glockenabschiedsfeier von Hohenstein-Ernstthal am 9.7.1917 (mitgeteilt von Gabriele Berger):

  1. Wie schön klingt unsrer Glocke Klang, die schon manch Menschenalter lang in Freud und Leid erklungen! Laßt hören nun zum letzten Mal den schönen, wohlvertrauten Schall der lieben ehrnen Zungen. Singen, klinget hell und mächtig, schön und prächtig, tief und reine weithin über die Gemeine.
  2. Auch ihr müßt nun vom Heimatturm heruntersteigen, um dem Sturm des Krieges mit zu wehren. Bald ruft ihr nicht mehr zum Gebet, nicht, wenns zum Traualtare geht, ans Grab mit bittern Zähren. Schweigt ihr, steigt ihr nun hernieder, tönt nie wieder – wie wird quälen dieses Schweigen viele Seelen.
  3. Nun opfern wir die Glocken gern! Damit den Feind sie halten fern, in andre Form gegossen, damit das viele teure Blut, das schon geopfert uns zugut nicht sei umsonst geflossen. Neue Treue lasst uns schwören auch dem leeren Turm der Glocken! Kommt auch, wenn sie nicht mehr locken!
  4. Ja, kommt zum Gotteshause jetzt, wo kein Geläut uns mehr ergötzt, nur alle umso treuer! Glaubt’s: Durch des Vaterlandes Not will nur entzünden unser Gott ein neues Glaubensfeuer. Bleibt ihr, treibt ihr jetzt auch breiter Bahn noch weiter sündig Wesen, seid ihr Gottes Volk – gewesen.
    Wilibald Hase, Chemnitz   (Melodie: Wie schön leuchtet der Morgenstern)

Zieht hinaus zum schweren Kriege, Gott helfe uns durch euch zum Siege, zum Sieg ob aller Feinde Macht! Grüßt der Heimat tapfre Söhne und haltet in dem Kampfgedröhne mit ihnen eure treue Wacht! Wir bleiben betend hier, indes erstreitet ihr Heil und Frieden. Gott sei mit euch und auch zugleich durch euch mit deutschem Volk und Reich!
P. Franke, Reichenbach i. Vogtland (Melodie: Wachet auf, ruft uns die Stimme)

 

Lesung: Die apokalyptischen Reiter (Offenbarung 6,1-8)
Ich sah, dass das Lamm das erste der sieben Siegel öffnete, und hörte eines der vier Wesen wie mit Donnerstimme sagen: »Komm!« Ich sah ein weißes Pferd. Der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Ihm wurde ein Kranz gegeben, und er zog aus, um zu siegen. Als es das zweite Siegel geöffnet hatte, hörte ich das zweite Wesen sagen: »Komm!« Ein anderes Pferd ging hinaus, ein feuerrotes. Der, der auf ihm saß, durfte den Frieden von der Erde nehmen, so dass man einander abschlachte. Ihm wurde ein großes Schwert gegeben. Und als es das dritte Siegel geöffnet hatte, hörte ich das dritte Wesen sagen: »Komm!« Ich sah ein schwarzes Pferd. Der auf ihm saß, hielt eine Waage in seiner Hand. Und ich hörte etwas wie eine Stimme mitten unter den vier Wesen sagen: » Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar. Aber Öl und Wein taste nicht an!« Als es das vierte Siegel geöffnet hatte, hörte ich die Stimme des vierten Wesens sagen: »Komm!« Ich sah ein fahles Pferd. Der auf ihm saß, hieß „der Tod“. Das Totenreich folgte ihm. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die wilden Tiere der Erde.   Offb 6,1-8

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