Das Los ist mir auf ein liebliches Erbteil gefallen (Psalm 16,6). Fünf Frauen haben erkämpft, dass auch Frauen erben dürfen. Jedenfalls im Alten Israel. Und nur, wenn es keinen Sohn gibt.
Aber auch heute ist es nicht überall selbstverständlich, dass Frauen erben dürfen. Manchmal werden sie einfach weggeschickt. Oder sie werden weiterverheiratet, an den nächsten Sohn. Die Familie hat schließlich einen Brautpreis für sie bezahlt.
Leviratsehe nennt sich das. Und es gibt sie noch heute, in Ländern wie Kenia, wenn auch nicht mehr offiziell. Oft sind sie dann nur Zweitfrau oder Drittfrau und landen an letzter Stelle der familiaren Hierarchie.
Die Namen der fünf mutigen Frauen in der Bibel sind Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza. Im 4. Buch Mose und im Josua-Buch wird von ihnen erzählt.* Doch dazu später.
In Deutschland werden jährlich 300 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt. Genaue Zahlen gibt es nicht.** Aber die meisten Leute erben gar nichts oder wenig. Am meisten profitieren zehn Prozent der Reichsten von dieser gewaltigen Summe. An sie fließt die Hälfte. Den Rest müssen sich alle anderen teilen. Also die Mehrheit von 90 Prozent der Beschenkten. Auch sonst konzentrieren sich Geld, Aktien und Immobilien in den Händen weniger Familien und werden dort weitervererbt. „Das obere 0,1 Prozent besitzt ein Fünftel des Vermögens, die untere Hälfte nichts.“ (Stefan Reinicke. Wohlstand vom Staat für alle. taz.de 16.12.2021) Natürlich lohnt sich Arbeit. Doch Reichtum entsteht (meist) anders. Gerecht ist das nicht. Sozial auch nicht. Im Sinne Gottes schon gar nicht, finde ich.
Das Los ist mir auf ein liebliches Erbteil gefallen. Erben heute per Los – das wäre eine lustige Wirtschaft. Das Firmenimperium wird einfach verlost. Nicht etwa neu ausgeschrieben. Oder auf Börsenreife getrimmt. Frau Tochter und Herr Sohn starten wie alle anderen mit 18 oder 25 ins Berufsleben. Vielleicht gibt’s noch einen Porsche zum Abi, aber das war’s dann schon. Ade du schönes Depot! Jetzt heißt es neu anfangen. Der Vorteil ist: sie müssen nicht den Laden von Mama oder Papa übernehmen. Nicht jede will im Vorstand sitzen oder die Schraubenfabrik fortführen, die schon seit 1871 in Familienbesitz ist und inzwischen zum Konzern geworden ist. Nachfolgeregelungen können kompliziert sein. Jemand anderes freut sich über die Eigentumswohnung oder das Grundstück in bester Lage. Jemand, der oder die davon nie zu träumen gewagt hatte. Welch ein unverhofftes Glück!
Das Erbrecht muss geändert werden! Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza im Ersten Testament sind bis vors oberste Gericht gezogen. Nämlich bis zum göttlichen Gericht. Sie ziehen zum Zelt der Offenbarung, zur Stiftshütte. Dort wenden sie sich an die obersten politischen und religiösen Autoritäten, also an Mose, an den Priester Eleasar, an die Anführer des Volkes und an die ganze Gemeinde.
Die Bibel erzählt aus der Zeit, in der das Volk Israel noch durch die Wüste zieht und in Zelten wohnt und auch Gott sie in einem Zelt begleitet, dem Zelt der Offenbarung, der Stiftshütte. Noch sind sie nicht sesshaft, aber irgendwann werden sie Land besitzen. Wie soll es gerecht aufgeteilt werden? Wer soll es erben? Damals stand fest: natürlich die Söhne! Doch die fünf Schwestern Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza haben keinen Bruder. Sie sind die einzigen Kinder ihres Vaters Zelofhad. Der ist tot. Und sie sollen leer ausgehen, nur weil sie Frauen sind! Die Schwestern stellen die Erbgesetze der Tora in Frage. Sie finden sich nicht damit ab, dass das Recht Frauen benachteiligt. Ihre Forderung ist so außergewöhnlich, dass Mose nicht selbst entscheidet. Er ruft Gott an. Und Gott urteilt zugunsten der Schwestern: Frauen dürfen erben und haben Anteil am Landbesitz. Das Recht muss angepasst werden. Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza haben ein Grundsatzurteil durchgefochten, das für alle Frauen gilt. Doch damit ist der Kampf noch nicht vorbei. Der Anspruch wird wieder in Frage gestellt, als Mose gestorben ist und das Land tatsächlich verteilt wird. Aber die Schwestern geben nicht auf. Sie berufen sich auf diesen Urteilsspruch. Wieder ziehen sie vor die höchsten religiösen und politischen Instanzen, den Priester Eleasar, Josua und die Obersten. Sie bekommen das Land. Endlich. Die Schwestern und ihre Beharrlichkeit nötigen mir Respekt ab. Wie viele Menschen kämpfen wie sie dafür, dass Regeln, Gesetze, Verfassungsartikel endlich geändert werden!
Gott ist mein Gut und mein Teil, du erhältst mir mein Erbteil. Das Los ist mir auf ein liebliches Erbteil gefallen. So betet eine Person im Psalm 16. Wurde auch ihr das Erbe verweigert wie Machla, Noa und ihren Schwestern? Gehört sie zu denen, die – bis heute – systematisch benachteiligt werden, sogar von der Rechtsprechung (wie beispielsweise Regenbogenfamilien)? Oder gab es schlicht und einfach nichts zu vererben, außer Schulden? Sonst hätte sie ja etwas von der Verwandtschaft bekommen und wäre nicht auf Gott angewiesen. Die Person, die da betet, hat nichts außer Gott. Und Gott tritt für sie ein. Gott selbst ist das Erbe. Die Messschnur fiel mir auf liebliches Land, heißt es wörtlich übersetzt.
Im 21. Jahrhundert ist die Erde aufgeteilt. Immobilienunternehmen, Aktienfonds und wenige Superreiche beanspruchen den Löwenanteil für sich und bestimmen, was damit geschieht. Diese Macht- und Besitzkonzentration ist nicht nur ungerecht, sondern unchristlich. Die Erde gehört Gott, der Erdkreis und die darauf wohnen, heißt es im Psalm 24. Die Menschen sollen die Erde verwalten, bebauen und bewahren. Aber wir besitzen sie nicht. Die Erde, das Land gehört Gott.
Wer wieviel erbt, wie Besitz und Immobilien verteilt sind, diese Frage ist nicht nur für den sozialen Zusammenhalt und die Demokratie wichtig. Sie gehört in unsere Gottesdienste hinein.
* Numeri 27,1-11, Numeri 36, Josua 17,1-6
** diw.de DIW Wochenbericht 5 / 2021 S. 63-71 und Ulrike Herrmann: Heilige Familienbande. taz.de 25.8.2021
Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis zu Psalm 16,5-6: Gott ist mein Gut und mein Teil, du erhältst mir mein Erbteil. Das Los ist mir auf ein liebliches Erbteil gefallen.
Andere Predigten am 16. Sonntag nach Trinitatis:
Joh 11 Martha – die Heilige mit Kochlöffel und Drachen
Apg 12,1-11 Petrus im Gefängnis: Marias Hausgemeinde hilft Ausbrecher zur Flucht
Lk 7,11-17 Erschossene Teenager, tote Kinder, verwaiste Eltern – der junge Mann aus Nain
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