Der Esel erzählt

Könnt ihr mich alle sehen? Ihr wundert euch sicher, warum ich heute hierher ans Pult gekommen bin und zu euch spreche.
Obwohl ihr mich für dumm haltet und gar nicht mögt – oder? Alter Esel, sagt ihr zu mir. Und wenn die Kinder eine Seite im Buch umknicken, nennt ihr das Eselsecken . Oder ihr droht ihnen an, die Ohren langzuziehen, die Eselsohren natürlich. Dabei sind meine Ohren so wundervoll lang und weich und samtig.
Vielleicht habt ihr dabei an den König Midas gedacht, der so geldgierig war, dass er wünschte, alles möge zu Gold werden, was seine Hand berüht. Als ob viele von euch Menschen das nicht auch wünschen würden, alles, was ihr beginnt und schafft, möge sich unter euren Händen in Gold und bare Münze verwandeln. Aber ich hab es in meinem armseligen Eselseleben gemerkt, so geht es nicht zu im Leben, und auch König Midas hat gemerkt, dass man Besitz und Gold nicht essen kann. Ein Denkzettel tat ihm ganz gut – aber mußten es ausgerechnet meine schönen Eselsohren sein, die ihm wuchsen? Wenigstens verstecken hätte er sie nicht müssen.
Heute sehe ich auf euren Straßen nur noch viele Autos, schicke und stolze Schlitten und kleine rumpelige Gefährte; aber früher, da lebten viele meiner Gattung auch in Sangerhausen. In den Bergwerken haben wir gearbeitet.
Und wir mußten die Getreidesäcke zu euren vielen Mühlen hier in Sangerhausen schleppen und nachher durch die schmalen Gassen die vollen Mehlsäcke zum Schloß oder in die Vorratskammern der Bürgersleute. Schwere Lasten waren das, und die Müllerburschen haben uns unbarmherzig angetrieben. Kein Wunder, dass manche von uns auch einmal gebockt haben. Wo wir doch so genügsam sind, eine schöne Distel reicht uns aus. Wir sind eben so rechte Packesel, und manchmal denke ich, wir sind ganz schön dumm.Ja, heute habt ihr dafür eure vielen Autos. Und die fressen nicht nur Disteln und machen Mist, der immer noch nützlich ist zum Düngen oer sogar zum Feuermachen, wenn ihr kochen wollt oder euch wärmen.
Aber in anderen Ländern, da werden wir gebraucht, und es ist so wie eh und je mit Schleppen und Tragen – Mann und Maus, Frau und Kind, und unser Lohn sind manchmal nur ein paar Tritte.

Dabei sind wir doch unentbehrlich in eurer Bibel: Abraham saß auf unserem Rücken, und vielen der Urväter und Urmütter haben wir gedient. An eine Begebenheit erinnere ich mich noch jetzt mit Grausen: Als Abraham sein einziges Kind, den Isaak, opfern sollte, hat er einen Esel gesattelt und bepackt. Auch wenn das noch einmal gut ausging, denke ich nicht gern daran zurück.

Was ich sagen wollte: Wir sind wichtig in der Bibel, besonders wenn es um Könige geht. An uns wurde nämlich der erste König von Israel erkannt: Saul war es, der mit einer Herde Eselinnen unterwegs war, und daran hat ihn der Prophet Samuel erkannt und zum König gesalbt. Und der legendäre Friedenskönig Salomo durfte zu seiner Salbung und Krönung nicht etwa mit einem stolzen Pferd kommen oder auf einem prächtigen Kamelsattel, sondern mußte auf einen Esel steigen.

Manchmal wissen wir sogar mehr als ihr Menschen und erkennnen sogar Gott, und das sogar eher als weise Leute. Der Prophet Bileam etwa war auf seiner Eselin unterwegs. Doch Gottes Engel versperrte ihm mit dem Schwert den Weg. Es war die Eselin und nicht Bileam, die Gottes Boten sah und ihm auswich, dreimal, doch Bileam schlug sie sogar dafür. Aber die Eselin hatte den Engel bemerkt, und erst später gingen Bileam die Augen auf und er hörte auf Gottes Wort. Und das bei eihem Propheten! So hat Gott uns gewürdigt, uns dumme Esel.

Nun wißt ihr es hoffentlich, dass wir in der Bibel unentbehrlich sind und wie wichtig wir sind. Aber warum ich gerade heute zu euch gekommen bin?

Ihr denkt vielleicht an Weihnachten, an eure schöne Krippe, an Maria und Josef, wie sie auf dem Weg nach Betlehem waren, an den Stall mit Ochs und Esel, und wie sie später mit dem Jesuskind fliehen mußten nach Ägypten.

Aber erstens ist ja noch nicht Weihnachten, sondern erst 1. Advent, und zweitens – ja in der Bibel steht davon gar nichts. Und das kränkt mich. In der Weihnachtsgeschichte kommen wir einfach nicht vor – wenn es nach denen ginge, die die Bibel geschrieben haben. Aber jedes Kind weiß es besser, schaut es euch nur an, wenn eure Kinder ein Weihnachtsbild malen. Nun ja, manche von euren Theolog*innen meinen, es wäre alles ganz anders gewesen damals in Betlehem oder dass Jesus sogar überhaupt nicht dort geboren wurde. – Ich weiß ja, dass es mit eurer Bibel manchmal sehr kompliziert ist, dass manches später dazugeschrieben wurde oder dass die einen eine Geschichte so und die anderen dieselbe Geschichte ganz anders erzählen.  Aber dass wir zu Weihnachten überhaupt nicht dabei gewesen wären, das verbietet mir allein schon meine Eselsehre zu glauben. Oder habt ihr je gehört, dass Maria und Josef reiche Leute gewesen wären? Nein, und zu den armen Leuten gehört nun einmal – ein Esel.

Aber wir haben ja erst den 1. Advent. Und deshalb bin ich hier. Habt ihr vorhin richtig zugehört, als die Geschichte von Jesus vorgelesen wurde? Als er am Palmsonntag nach Jerusalem kam und die Leute ihm wie einem König zujubelten, Palmzweige und ihre Kleider vor ihm ausbreiteten? Kein Pferd, kein Kamel, keine Kutsche – auf einer Eselin ist er geritten, und das steht nun wirklich in der Bibel, gleich mehrmals. Auf einer Eselin, weil er so sein wollte wie die einfachen und armen Leute, ein König für das Volk, wie Saul und Salomo von Gott erwählt und auf einer Eselin reitend, ein König der einfachen Menschen, der zu ihnen gehört, ihre Sorgen teilt und ihre Lasten trägt. Einer, der nicht mit Prunk und Gloria daherkommt oder mit Säbelrasseln und Waffengeklirr. Denn wir sind ja sanftmütige und friedfertige Tiere. So haben wir den Friedenskönig getragen, auf den die Leute schon lange sehnsüchtig gewartet hatten: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf dem Füllen der Eselin.“ ( Sacharja 9,9)

Also dieser Jesus hatte Geduld mit den Langsamen und war sich nicht zu fein für die Dummen. Er war ein König, der sich mit den Lasten anderer abschleppt – so wie wir es tun.
Begreift ihr jetzt, warum Jesus auf dem Rücken einer Eselin daherkam? Im übrigen war er auch gut zu ihr und hat ihr zärtlich ins Ohr geflüstert und das Fell geklopft, so wie wir es mögen.

Wißt ihr, was mir wichtig ist: Wir haben ihn am Anfang seines Lebens getragen, als er ein Baby war und doch schon bedroht und auf der Flucht nach Ägypten, und wir sind das Tier, auf dem er am Ende geritten ist, eben jetzt nach Jerusalem. So sind wir es, die sein Leben sozusagen umrahmen. Am Anfang – ein Esel, und am Ende wieder eine Eselin. Und auch in der Mitte – als er nämlich von einem barmherzigen Mann erzählt, der einen Zusammengeschlagenen und Ausgeraubten verbindet und aufhebt und auf seinem Esel der Hilfe zuführt.

Wir waren das erste Reittier von diesem Jesus und auch sein letztes, und da hat es mir dann auch nichts mehr ausgemacht, als ich später einmal ein Spottbild mit einem Esel entdeckt habe. Ein römischer Soldat hat es an die Kasernenwand seiner Legion gekritzelt: ein Kreuz – manche von euch sagen, es sei das älteste Kreuzesbild überhaupt – also ein Kreuz, an dem – nicht Jesus, sondern – ein Esel hing. Davor ein kniender Kamerad und die Schmiererei: Alexamenos betet seinen Gott an. Jesus sollte also ein Esel sein, und damit sollte der Alexamenos verspotte werden. Nun ja, erst habe ich mich schon geärgert, aber dann habe ich gedacht: Wir haben diesen Jesus das erste Mal getragen und das letzte, er war sich nicht zu schade, auf einem Esel zu sitzen, ein König anders als all die anderen – so will ich dort auch gern gemalt sein.

Ich habe euch auch etwas mitgebracht, worüber ich mich unheimlich gefreut habe: nämlich ein Gebet nur für uns Esel. An so etwas denkt nämlich sonst niemand. Dieses Gebet spreche ich manchmal abends, wenn ich müde im Stall steh und mir die Rippen wehtun, und das will ich jetzt mit euch beten.

Mein Gott, du hast mich geschaffen, dass ich über die Straße ziehe immerzu und dass ich schwere Packen trage immerzu und dass ich Schläge kriege immerzu. Gib mir viel guten Mut und Sanft-Mut. Mach, dass man mich eines Tages versteht und ich nicht mehr immer weinen möchte, weil ich mich so schlecht ausdrücken kann und man sich über mich lustig macht. Mach, dass ich eine schöne Distel finde und dass man mir Zeit lässt, sie zu pflücken. Mach, dass ich eines Tages meinen kleinen Bruder von der Krippe wiederfinde. Amen. (Carmen Bernos de Gasztold: Jedes nach seiner Art)

Predigt am 1. Advent über Matthäus 19,1-9 (Einzug in Jerusalem)

Weitere Predigten in der Advents- und Weihnachtszeit: hier

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