Weihnachten: die Flüchtlingsfamilie

Am Eingang haben Sie ein Bild bekommen. Legen Sie es jetzt vor sich auf die Kirchenbank, und wenn nicht alle eins haben, dann schauen Sie zu zweit darauf. Es ist ein Weihnachtsbild. Maria und Josef mit dem Jesuskind. Die Mutter sitzt auf einem Esel, sie sind auf dem Weg. Das Kind schmiegt sich an Maria an, die Mutter hält es sicher im Arm und betrachtet es, es fühlt sich geborgen. Josef führt ihn, in der einen Hand die Zügel, in der anderen den Wanderstab. Ein Engel hält schützend seine Hand über die drei und begleitet sie.
Ein Bild des Friedens – wenn es nicht das Bild einer Flucht wäre, der Flucht vor dem Tod, der Flucht vor tödlicher Bedrohung, der Flucht in eine ungewisse Zukunft.

König Herodes in Jerusalem befürchtet, daß dieses Kind ihm den Königsthron streitig machen könnte. Denn wenn dieses Kind tatsächlich der Befreier der Juden ist, den Gott sendet und auf den das Volk schon so lange gewartet hat – was anderes sollte dies bedeuten, als daß Jesus einst mit Waffengeklirr und Siegesgeschrei nach Jerusalem kommen und Herodes die Macht aus den Händen reißen würde. Das befürchtet Herodes, dem will er vorbauen. Er schickt seine Soldaten aus, dieses Kind sofort mit Stumpf und Stiel zu beseitigen. Doch ein Engel warnt Josef im Traum, und so flieht die Familie nach Ägypten und bleibt dort, bis Herodes stirbt und die Gefahr vorüber ist. Die Flucht nach Ägypten.
So ist das mit Weihnachten: Kein Platz für Idylle. Kaum daß ein Stall gefunden ist in Betlehem, kaum daß Maria einen Platz gefunden hat zu gebären, kaum daß den Ärmsten der Armen, den Hirten, ein Lichtblick wurde, ein Licht aufgegangen ist, ein Engel, und sie in dem Kind den Retter erkannt haben, kaum daß fernen Magiern im Osten ein Stern erschienen ist und sie ihm die Schätze des Lebens zu Füßen gelegt haben, trachtet der König Herodes diesem Kind nach dem Leben – in völliger Verkennung der Tatsachen. Oder hat sein Wahn tief in ihm die Ahnung, die Einsicht aufdämmern lassen, daß dieses Kind tatsächlich seinen Thron, seine Herrschaft in Frage stellt: Freilich anders, als ein waffenstarrender Herodes denkt, denken kann, einer, der sich mit Spitzeln umgibt und selbst davor nicht haltmacht, die eigenen Familienmitglieder zu beseitigen.
Dieses Kind wird nie eine Waffe anfassen, es wird wehrlos bleiben, entwaffnend wehrlos, unbequem wehrlos. Es wird mit bloßen Händen denen entgegengehen, die ihn verraten, fangen, töten wollen. Es wird sich nie vereinnahmen lassen, sich nie den Mund verbieten lassen und die Fragen. Es wird von einer anderen Welt nach Gottes Vorstellungen reden und mit seiner Freiheit alle anstecken, die sich darauf einlassen, ihm zu begegnen. Indem dieses Kind sich nicht auf die Spielregeln der Macht einläßt, wird es die Herrschaft von allen Herodes & Co in Frage stellen, und zwar viel tiefer, nämlich grundsätzlich, prinzipiell. Ob diese Einsicht dem Herodes in seinem Wahn gedämmert hat?
Jedenfalls – Josef, Maria und das Kind müssen fliehen. Die ersten Jahre seines Lebens verbringt Jesus in Ägypten, als Flüchtling, Asylant, Ausländer. Das ist anstößig und unbequem.
Auf welchen Wegen werden sie dorthin gekommen sein? Es waren immerhin mehrere hundert Kilometer. Mußten sie die zweifelhafte Hilfe eines Schleppers in Anspruch nehmen? Wie werden sie über die Grenze gekommen sein? Legal? Wurde ihnen Asyl gewährt? Oder waren sie Illegale? Mußten sie Angst haben, abgeschoben zu werden? Und wie haben sie sich durchgeschlagen im fremden Land? Konnten sie sich verständlich machen? Wovon haben sie gelebt? Haben Maria und Josef Arbeit gefunden? Wo wohnten sie? War jemand freundlich zu ihnen, zu der fremden Familie mit Kind? Durften die anderen Kinder mit dem kleinen Jesus spielen? Oder wurden sie beschimpft?
Weihnachten und was danach passierte, die Geschichte dieses Kindes ist anstößig, zum Hinausgehen, zum Wegrennen, zum Widersprechen. Diese Geschichte ist so unangenehm, weil sich in ihr widerspiegelt, was täglich, bis heute, auf unserer Welt passiert. Das geht uns an, das regt uns auf. Wo stehen wir in dieser Geschichte?
Die evangelische Kirche betreibt Beratungsstellen und Anlaufstellen für Asylbewerber und für andere AusländerInnen. Sie kümmert sich um sie, gibt rechtliche Hilfe und praktische. Dafür gibt sie Geld, dafür sammeln wir Geld.
Manchmal fragen mich die Leute: Warum macht die Kirche das gerade für die Ausländer. Und es gibt doch auch bei uns so viel Not.
Darum. Wegen diesem Bild hier. Wegen Weihnachten. Wegen dem Kind. Wegen Jesus. Er ist unser erster Asylant.
Was wäre geschehen, wenn die Flucht nicht geglückt wäre? Was wäre geschehen, wenn sie an der Grenze zurückgeschickt worden wären, zurück geradewegs in die Arme der Soldaten? Was wäre geschehen, wenn sie wieder abgeschoben worden wären: Asylantrag offensichtlich unbegründet?
Auf dem Bild hält ein Engel schützend seine Hände über die Familie. So geht die Geschichte vorerst gut aus. Sie sind behütet geblieben, behütet wieder zurückgekommen. Der Engel war da, zum Glück.
Aber das Kind ist ja wieder auf der Flucht, hunderttausendfach, in Indonesien und im Kongo, Afghanistan und Iran, das Kind ist Kurde, Roma, Sinti, kommt zu uns aus Syrien oder dem Irak.
Es braucht auch heute Schutz und Begleitung, Menschen, die sich seiner freundlich annehmen, braucht Fürsprecher und Hände, die es begleiten. Ohne Engel ist das Kind ausgeliefert. Engel, die das bedrohte Kind beschirmen und beschützen – das können wir sein, Sie, ich, alle wir, die wir heute, zur Weihnacht, in dieser Kirche sitzen. Engel für das Kind in der Krippe. Dann wird Weihnachten, so wie es der Engel den Hirten verkündet hat: Friede auf Erden.

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