Der verlorene Sohn – eine Initiationsgeschichte. Konfirmationspredigt

Es war einmal ein Vater, der hatte zwei Söhne. Der eine nahm seinen Abschied und zog in die weite Welt. So beginnen viele Märchen. Aber bei euch dreien ist es wirklich so. Ihr habt alle einen Bruder, Andreas einen kleinen, die anderen einen großen. Und es kommt die Zeit, dass ihr euch verabschiedet von euren Eltern und in eure eigene Welt zieht, die innere , die eurer Gedanken und Träume, aber auch die äußere, materielle, dass ihr euch für einen Beruf entscheidet, euer eigenes Geld verdient.
Zwei von euch haben damit schon angefangen, jedenfalls äußerlich. Tim ist nach Berlin gezogen, geht dort in die Schule und ins Internat. Andreas ist vor einem Vierteljahr hierher gekommen. Bei Tim haben es die Eltern mit ihm zusammen überlegt, Andreas hat sich eher selbst entschieden.
Es war einmal ein Vater, der hatte zwei Söhne. Der jüngere sprach zu seinem Vater: Gib mir das Erbe, das mir zusteht. Damit machte er sich auf und zog in ein fernes Land. So erzählt es Jesus.
Es ist gut, dass dieser Junge sich aufmacht, dass er den Absprung wagt und nicht im Hotel Mama (oder Papa) hocken bleibt. Das ist gar nicht so einfach.
Dazu gehören zwei: Jugendliche, die den Absprung schaffen, und Mütter und Väter, die ihre Kinder loslassen. Beides ist nicht so selbstverständlich.
Für die Eltern kann es sogar schmerzlicher sein, während die Kinder unbekümmert losziehen und locker angehen, wo Eltern tausend Hürden sehen.
Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein. Stock und Hut steht ihm gut, er ist wohlgemut. Doch die Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr. Das Kinderlied erzählt von den Ängsten der Eltern. Auch Eltern sind auf ihre Kinder angewiesen sein und klammern, manchmal mehr, als es gut ist. Die Lösung, die das Lied anbietet, ist eher eine Kapitulation: Da besinnt sich das Kind, kommt nach Haus geschwind.
Da ist der Junge aus der Bibel schon mutiger: Er zieht fort. Und auch ihr drei: Ihr müsst fort, müsst eure eigenen Ziele finden, euch entscheiden, eure Träume ausmalen, euren eigenen Glauben finden, nicht das Leben der Eltern weiter leben, sondern euer eigenes.
Gib mir das Erbe, das mir zusteht, verlangt der Sohn von seinem Vater. Es steht ihm zu, und in der Geschichte von Jesus bekommt er es auch.
Wir Erwachsenen sind euch Heranwachsenden etwas schuldig, ein Erbe, das mehr ist als Haus und Auto und Konto. Ihr nehmt die Welt in Besitz, die wir euch hinterlassen. Ihr habt ein Recht darauf, dass wir euch Auskunft geben, was für eine Welt das ist und in welchem Zustand wir sie euch übergeben, wie wir für Gerechtigkeit gesorgt haben, wie wir mit ihren Ressourcen umgegangen sind, mit Erde, Luft und Wasser. Es steht euch zu und es gehört zum Erwachsenwerden, dass ihr unsere Verantwortlichkeit einklagt.
Eltern geben ihren Kindern nicht nur Materielles mit, sondern ihre Werte, ihre Stärken, wofür sie sich begeistern, was ihnen egal ist, was sie gut können, wo ihr euch etwas abgucken könnt. Bei den Gesprächen am Abendbrottisch schnappt ihr das automatisch auf oder wenn ihr eure Eltern auf Arbeit  begleitet. Andreas war neulich mit im CJD, bei Dölgners geht es zum Fußball. So haben sich ja Handwerker-, Ärzte- und Landwirtsfamilien herausgebildet, in denen die Erwachsenen ihre Erfahrungen und ihr Wissen an die Kinder weitergeben über Generationen hinweg.
Zum Erbe gehört auch, wie in einer Familie miteinander umgegangen wird, die Art, wie eure Familie mit Konflikten umgeht, mit Krankheit, mit Belastungen und Enttäuschungen. Das kann abschreckend sein, zerstörerisch. Manche leiden noch nach Jahrzehnten an ihrem Elternhaus, dass sie als Kinder nicht geachtet und gefördert wurden, vielleicht sogar misshandelt. Was Kinder bei ihren Eltern erleben, kann aber auch beispielhaft sein, Kraftquelle, und ihnen ein Leben lang Halt und Wärme geben.
Zum Erbe gehören schließlich auch die Verletzungen. Ihr Jugendlichen habt ein Recht zu fragen: Warum machst du das so? Wie kommt es, dass es bei uns so oder so zugeht, und auch: Was habt ihr mir vorenthalten.
Ihr wisst, wie die Geschichte von dem Jungen und seinem Bruder weitergeht. Er geht ins Ausland, macht sich ein schönes Leben, bringt sein Geld durch und er fällt jämmerlich auf die Nase. Ja, er kommt auf den Hund, ist vor die Hunde gegangen. In Israel haben sie gesagt: vor die Schweine gegangen. Denn er muss Schweine hüten und die haben es besser als er. Schließlich besinnt er sich auf sein Elternhaus und kehrt reumütig zurück. Doch der Vater wartet schon auf ihn. Er läuft ihm entgegen und schließt seinen Sprössling in die Arme. Er lässt das Mastkalb schlachten und veranstaltet gleich ein großes Fest, auch wenn sich der ältere Bruder ärgert, weil für ihn wurde nie eine Feier ausgerichtet wurde. Doch der Vater freut sich: Mein Sohn war tot und ist wieder lebendig, er ist verloren und ist gefunden.
Manche sagen zu dieser Geschichte: Der verlorene Sohn ist wieder in den Schoß der Familie – oder der Kirche – zurückgekehrt. Es ist noch einmal gut ausgegangen, doch es war abzusehen, dass so einer scheitert. Besser, wenn er daheimgeblieben wäre.
Mir gefällt nicht, wenn so der Zeigefinger erhoben wird nach dem Motto: Wir haben es gleich gewusst. Das nimmt den Mut, etwas Ungewohntes und Neues zu wagen, und fördert Annpassung und Feigheit. Außerdem stimmt es nicht, dass die Alten immer recht haben. Natürlich wünsche ich euch, dass ihr bei euren Eltern immer eine offene Tür und ein offenes Ohr findet. Und ich wünsche mir auch, dass unsere Gesellschaft sich all der verlorenen und gescheiterten Jugendlichen annimmt, die an den Rand geraten sind, und ich wünsche mir, dass sie die protestierenden, unangepassten Menschen, die kritische Fragen stellen, als ihre Söhne und Töchter anerkennt.
Doch ich glaube, es gibt noch eine andere Ebene in dieser Geschichte. Sie hat nichts mit euren Eltern zu tun, mit Gehorsam und Ungehorsam. Sie hat nur mit euch selbst zu tun. Sie erzählt, was passieren muss, dass ein Junge erwachsen wird. Er muss an seine Grenzen kommen. Er muss lernen, schwach zu werden und zu scheitern. Er muss dem Tod begegnen.
An die Grenzen kommen, Schwieriges bewältigen – das alles gehört zum Leben, aber es passt nicht in unser Idealbild. Wir drücken uns gern davor. In anderen Kulturen mussten Jungen in der Pubertät eine schwierige Aufgabe erledigen, wenn sie erwachsen werden. Allein sein, fasten, einen schlimmen Schmerz aushalten, bis an die Grenze kommen, ja dem Tod ins Auge schauen. Am Ende einer solchen Initiation wird ein Fest gefeiert. Solche Riten gab es in vielen Kulturen und Zeiten.
Der Junge in der Geschichte von Jesus hat etwas Ähnliches erlebt: Er war tot und ist wieder lebendig, er ist verloren und ist gefunden, heißt es am Schluss über ihn. So ist er gereift und am Ende wird ein Fest gefeiert.
Jesus erzählt symbolisch von zwei verschiedenen Möglichkeiten, wie Jungen – es ist eine Jungsgeschichte – damit umgehen, dass sie zu jungen Männern reifen. Wir könnten sie sogar als Inititationsgeschichte interpretieren, die verschlüsselt im Bild der Reise den Übergang von einer Lebensetappe zur anderen beschreibt.
Zwei Wege also:  Der Ältere bleibt daheim, sein Bruder zieht weg. Das ist nicht anmaßend oder leichtsinnig oder verwerflich. Es ist im Gegenteil notwendig, damit er erwachsen werden kann. Natürlich hat er gedacht, es geht so weiter wie bisher. Es geht darum, viel Geld zu haben, Freunde oder Mädchen. Damit geht er jämmerlich vor die Hunde, auf die Schweine. Er hätte versuchen können, das zu kaschieren und weiter einen coolen Typen zu spielen. Doch er schiebt es nicht weg. Er gesteht sich ein, dass er ganz einsam ist, kein toller Kerl, sondern ganz unten. Das ist eine Mutprobe anderer Art. Er lässt es an sich heran, „er ging in sich“, heißt es in der Bibel. Und so kann sich in ihm etwas wandeln. Er erlebt, dass er verloren ist, und er erlebt  zu finden und  gefunden zu werden. Als Erwachsener weiß er nun:  Im Tod ist das Leben verborgen, doch dazu musste er erst den Tod kennen lernen.
Sein Bruder geht nicht weg. Er macht nicht die Erfahrung zu scheitern, er geht nicht verloren. Deshalb kann er auch nicht finden. Er hat sich nicht auf den Weg, sich abzulösen und erwachsen zu werden, begeben. Er hat diese Lebensetappe nicht bewältigt, und deshalb ist für ihn noch nicht die Zeit  zu feiern. Er ist der Ältere. Eigentlich hätte er sich zuerst von seinen Eltern verabschieden und auf die innere Reise gehen müssen. Es geschieht also nicht automatisch, ist nicht selbstverständlich, dass aus den Jungen Männer werden. Statt erwachsen zu werden, haben sie ihre Spiele, ihre „Puppen“, führen ihre „Wagen“ vor und ihre Machtspiele.  Junge Männer ruinieren sich mit Komasaufen und rasen in den Tod, weil sie Angst haben, den Weg ins eigene Innere zu wagen.
Echte Stärke zeigt sich darin, wie wir mit uns selbst umgehen, wie wir damit klarkommen, wenn wir scheitern, Niederlagen erleben und verlieren. Das ist viel schwieriger, als mit Muskeln zu spielen. Jesus war so ein unkonventioneller Mann, hat sich – ungewöhnlich für die damalige Zeit – mit Kindern, mit Frauen abgegeben, von Lilien erzählt, hat geweint, hat sich schlagen lassen, ist lieber gestorben, als seine Überzeugungen zu verraten.
Es war einmal ein Vater, der hatte zwei Söhne. Der eine nahm seinen Abschied und zog in die weite Welt. Wir feiern heute Konfirmation. Der Tag heute markiert einen äußeren Einschnitt. Vielleicht wird er für euch gleichzeitig ein innerer Übergang. Vielleicht kommt dieser innere Übergang für euch aber auch zu einer anderen Zeit. Es ist gut, wenn ihr Menschen habt, die euch begleiten, heute und an jedem Tag eures Lebens. Doch manche Wege müsst ihr ganz allein zurücklegen. Dann sollt ihr wissen: Gott ist da und hält euch. Und wenn ihr etwas erlebt von diesem Sterben und Lebendigwerden, Verlieren und Finden, und wenn es euch verwirrt und verunsichert: es ist eine göttliche Erfahrung. Jesus hat den Menschen davon erzählt, damit sie wissen, dass sie Gott darin entdecken können.
Jesus hat diese Erfahrung selbst gemacht, ist sogar in den Tod hineingegangen. Er war tot und ist wieder lebendig, er ist verloren und ist gefunden.  Wir können ihm hinterher gehen und brauchen keine Angst haben, sondern sollen leben. Amen.

Der Predigttext wird nicht vorgelesen. Alle Namen wurden geändert
Konfirmationspredigt am 5.6.2011

Weitere Predigten zu Lukas 15:
Die verlorene Tochter (Antitext)
Verlorene Geschwister

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