Kinder gehen weg – Predigt über den „verlorenen Sohn“

Manchmal geht ein Kind einfach weg. Aus Neugier. Weil da etwas ist, was es fasziniert und anzieht, etwas, von dem es merkt: dem muß ich jetzt nachgehen. Manchmal kommen Kinder auf diese Weise Geheimnissen auf die Spur, erstaunlichen oder auch schrecklichen. Meistens kommen sie mit tausend Fragen von ihren Ausflügen zurück, erfüllt oder verwirrt. Was sie erlebt haben, verändert sie ein klein wenig und läßt sie wachsen.

Manchmal geht ein Kind einfach weg, weil es es zuhause nicht länger aushält. Weil sich niemand dafür interessiert, wie es ihm geht, was es denkt und fühlt, was es braucht. Weil es mißbraucht wird, weil es vor Gewalt flieht, vor körperlicher und seelischer. Manchmal müßte ein Kind besser weggehen und schafft es nicht. In den letzten drei Jahren haben etwa 100 Kinder und Jugendliche in unserem Landkreis beim Jugendamt um Inobhutnahme gebeten.
Oder sie versuchen anderswo unterzukommen, bei Großeltern, Geschwistern, Verwandten, Freundinnen oder Freunden. Andere landen auf der Straße, als eins von 80 Millionen Straßenkindern weltweit. Manche Jugendliche brechen aus, weil sie sich nach echtem Leben sehnen, nach Wahrheit und Glück. Sie sind enttäuscht von Erwachsenen, die ihre Träume vom Leben verkaufen, im Alltagstrott aufgehen und nur noch die Fassade aufrecht erhalten. Sie fliehen lieber ihre Familien, steigen aus der Gesellschaft aus und nehmen Armut in Kauf nehmen als so zu werden.
Manchmal geht ein Kind verloren, gerät an schlechte Freunde, wird in der Schule gehänselt und gemobbt, verletzt sich selbst und andere, betäubt sich mit Drogen, kotzt sich das Essen aus dem Leib, gerät unter die Räder, wird mißbraucht, abgezogen oder ausgenutzt wie in unserem Musical. Verlorene Söhne und Töchter.

Was den Jungen in der Geschichte von Jesus bewogen hat, von zuhause fortzugehen, wissen wir nicht. War es eine patriarchalische Familie, ohne Wärme, wo eine Mutter nicht einmal einer Erwähnung wert ist? Hat er unter seinem älteren Bruder gelitten? War es die wirtschaftliche Aussicht, daß der Landbesitz langfristig nicht zwei Familien ernähren könnte, trotz Personal? Seine Träume zerschlagen sich schnell. Jungen Leuten heute oder ihren Eltern in ärmeren Ländern wird für eine bessere Perspektive das Blaue vom Himmel versprochen, und wenn sie weggelockt sind, landen sie in der Prostitution oder müssen Schuldenberge für Vermittlung und Transfer abarbeiten. Mondsummen, die moderne Sklaverei für die einen nach sich ziehen und Millionengeschäfte für die anderen.

Der Junge aus der Bibel arbeitet in der Schweinemast. Nach Angaben von UNICEF arbeiten heute 190  Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren, die meisten davon in der Landwirtschaft, in kleinen Werkstätten, in Steinbrüchen, als Straßenverkäufer oder Dienstmädchen. Besonders viel Kinderarbeit gibt es dabei in Asien, im Pazifikraum und in Afrika südlich der Sahara. (wikipedia)

Der Junge hat Glück. Er findet tatsächlich eine Möglichkeit, aus Armut und Ausweglosigkeit auszusteigen. Es gelingt ihm, denn er ist nicht vergessen und weggeworfen, sondern sein Vater läuft ihm mit offenen Armen entgegen. Der Junge findet den Weg nach Hause und zu einem neuen Anfang. Gott sei Dank.
Im wirklichen Leben müssen die Kinder irgendwann aus dem Haus. Nur die Kleinen träumen noch, ewig bei Mama und Papa zu sein. Aber ein Dach über dem Kopf brauchen alle, ein Zuhause, das uns schützt und in dem wir uns wohlfühlen.

Manchmal gehen Kinder einfach weg, und manchmal merkt es nicht einmal jemand. Mit ihren Körper sind sie noch da, aber ihre Seelen sind schon lange verschwunden. Sie brauchen Menschen, die für sie eintreten und kämpfen, die sie auffangen und trösten, die ihnen helfen, sich aus Verstrickung und Elend zu lösen. Jesus hat immer wieder von seiner Vision einer neuen Familie erzählt, wo herkömmliche Beziehungen zerbrechen oder zu Fesseln werden. Die neue Familie, das sind die Freundinnen und Freunde Gottes. Die verlorenen Kinder dieser Welt, sie finden unzählige Ersatzmüttern und –vätern, -brüdern und –schwestern werden, können von uns hören, was den Junge in der Geschichte rettet: Ich warte auf dich. Du bist willkommen. Hier kannst du dich ausruhen, bevor du weiterziehst. Hier kann deine verletzte Seele heilen. Hier kannst du zuhause sein, im Namen Gottes. Amen.

Predigt am 28.4.2013 zum Kindermusical vom Verlorenen Sohn

Predigten in der Trinitatiszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

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