Traumhaus und Diensthaus – Konfirmationspredigt 2013

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Angehörige, liebe Gemeinde! Auf einem der letzten Konfirmandentage haben wir darüber nachgedacht, wie ein Haus aussehen könnte, in dem ihr gern wohnen würdet. Deshalb lade ich alle ein, daß sie sich jetzt einmal ein Haus vorstellen, das gut zu ihnen paßt, ein Haus, in dem sie sich wohlfühlen und in das sie gern einziehen würden. Wie sieht Ihr Traumhaus aus? Ist es ein altes Haus, mit dicken Wänden oder Fachwerk, mit Ziegelsteinen und Stuckdecken? Ist es ein ganz modernes? Viele von euch Konfirmandinnen und Konfirmanden fanden wichtig, daß es groß und hell ist. Es bietet soviel Platz, daß ihr alle einen Raum für euch habt. Schön soll es sein, freundlich, haben manche gesagt, oder gemütlich, zum Wohlfühlen. Einige haben noch weitergesponnen. Sie haben geträumt von einem kleinen Garten mit alten Mauern, vom Balkon oder vom Pool.
Und dann habt ihr noch beschrieben, was nicht zu sehen ist, aber zu spüren. Ihr habt euch Gedanken gemacht, wie es innen, in dem Haus, zugeht, was das Klima in diesem Haus ausmacht und wie ihr euch darin fühlt. Harmonie soll darin wohnen und Frieden. Für die meisten war wichtig, daß es euch schützen soll, damit ihr euch darin sicher und geborgen fühlt. Ein Haus soll Schutz bieten.
Das ist nicht selbstverständlich. Familien zerbrechen, es wird gestritten und geschimpft. Hinter manchen Wohnungstüren wohnt die Sucht. Hinter anderen die Gewalt. Oder da steht ein liebenswertes, einladendes Haus; und es kann trotzdem zum Klotz am Bein werden. Die Liebe verschlägt euch weit weg oder die Älteren die Arbeit. Aber der Kredit läuft weiter, und verkaufen läßt es sich auch nicht so leicht. Ein Haus kann auch zur Falle werden.
In den letzten Jahren haben manche von euch erlebt, wie gebaut oder angebaut wird. Ihr wißt inzwischen, daß von außen niemand sehen kann, was sich hinter der Fassade verbirgt. Wohnt hier das Glück oder ist es unbemerkt ausgezogen?

Die Bibel kennt solche Häuser, in denen die Hoffnungslosigkeit wohnt. Sklavenhaus nennt sie sie oder Diensthaus in ganz alten Übersetzungen. Diensthaus, das ist, wenn Menschen überhaupt nicht mehr so leben können, wie sie es möchten. Wenn sie eingeengt sind und andere pausenlos über sie bestimmen. Wenn sie keinen Spielraum haben, über ihr Leben zu entscheiden. Wenn sie Gewalt erfahren und sich ducken müssen. Wenn ihr Wille nicht respektiert und ihre Würde mißachtet wird.
Selbst ein ganzes Volk kann da hineingeraten wie vor langer Zeit die Israelitinnen und Israeliten, als sie in Ägypten wohnten. Sie wurden als Ausländer schief angesehen. Sie mußten Zwangsarbeit für den Pharao leisten. Jeder Schritt wurde kontrolliert. Die neugeborenen Jungs wurden totgeschlagen. Dieses Land war für sie ein Alptraum, ein einziges großes Diensthaus, in dem sie zur Arbeit gezwungen wurden.
Gott hat ihnen geholfen, sich zu befreien. In den zehn Geboten erinnern sich die Israeliten daran. Das erste Gebot lautet ursprünglich in der Bibel: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Diensthause, geführt hat (2. Mose 20,2).
Wo werdet ihr im Leben einmal landen? Was wird aus eurem Traumhaus einmal werden? Ein Diensthaus oder ein Haus, in dem ihr frei atmen könnt?

Realität ist: Daß Mädchen, die eure Klassenkameradinnen sein könnten, in ein Sklavenhaus geraten, das gibt es selbst in Deutschland. Sie stammen nur meistens aus Osteuropa. Und wir haben auch heute unsere Diensthäuser, auch wenn sie so weit weg sind, daß sie uns erst auffallen, wenn es ein Unglück gibt. Vor einem Jahr stürzte ein Fabrikgebäude in Bangladesch ein, in dem T-Shirts genäht wurden, die wir bei KiK billig einkaufen. Über 1100 Näherinnen und Näher starben. Sie wollten am 24. April 2013, dem Unglückstag, nicht hineingehen, aber die Aufseher haben sie zur Arbeit gezwungen, aus Gier und Gewinnsucht.
Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Diensthause, geführt hat, heißt es im 1. Gebot. Ja, Kinder, Jugendliche, Erwachsene werden ausgenutzt und ihre Rechte mit Füßen getreten. Immer wieder lösen sich Luftschlösser in Luftblasen auf. Aber das soll nicht Endstation sein. Gott macht uns stark. Gott schürt wie ein Feuer die Sehnsucht in uns, daß es anders wird und daß wir frei leben können. Die Sehnsucht läßt uns nicht zur Ruhe kommen, bis wir herausgekriegt haben, was nicht stimmt, und aufmüpfig werden. Gott will uns den Rücken stärken, wenn wir gegen Kummer und Unrecht aufbegehren. Gott zieht vorneweg, wenn sich Jugendliche und Erwachsene gegen Fesseln wehren und nach Freiheit suchen, nach Liebe, nach Glück, nach gerechten Verhältnissen. Ich bin dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Diensthaus, führt.

Ein Haus ist ein Bild für unser Leben. Das perfekte Haus, das perfekte Leben gibt es nicht. Und überhaupt: jedes ist anders. Das macht erst den Reiz aus. Wenn alle gleich wären, wäre es furchtbar langweilig. Jesus sagt: In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen (Joh 14,2). In Gottes Haus sind viele Wohnungen, so unterschiedlich wie unsere Gesichter.
Werden wir im Haus unserer Träume ankommen? Jesus ist sich sicher: Wer meine Worte hört, gleicht einem klugen Mann, einer klugen Frau, die ein Haus auf festen Felsengrund baut. Unwetter und Katastrophen können ihm nichts anhaben, es wird nicht weggeschwemmt von Sturm und Regen (Mt 7, 24f).  Ein Lebenshaus hat ein stabiles Fundament, wenn es nicht gegründet ist auf dem Leid anderer, darauf, daß für andere das Leben zum Diensthaus wird.
Eine Theologin hat einmal von ihren Träumen erzählt. Sie wünschte sich offene „Türen gerade für die Fremden, die anders sprechen, essen, riechen. Mein Haus wünsche ich mir nicht als eine für andere unbetretbare Festung, sondern mit vielen Türen. Heimat, die wir nur selber besitzen, macht uns eng und muffig. Jeder Gast bringt etwas mit ins Haus, das wir selber nicht haben. Heimat und Exil gehören zusammen, weil wir ganz zu Hause auch im schönsten Haus nicht sind.“ (Dorothee Sölle) Sie hat das auch auf die Kirche bezogen.
Ich wünsche euch heute, daß es euch immer wieder gelingt, aus den Diensthäusern auszuziehen. Ihr mögt sie hinter euch lassen und mögt überwinden, was eure Lebenskräfte abschnürt und eure Phantasie verkümmern läßt.
Ich wünsche euch schöne Lebenshäuser, in denen eure Träume wachsen können und Gestalt gewinnen. Ihr könnt entfalten, was in euch steckt und was Gott in euch hineingelegt hat. Aber ich wünsche euch auch, daß ihr hungrig bleibt. Ihr sollt euch niemals ganz fest einrichten, sondern euch immer wieder ein bißchen heimatlos fühlen, damit eure Sehnsucht nie versiegt.
Ich wünsche mir und uns, daß sich unsere Träume verbinden mit den Träumen von Freundinnen und Freunden, mit den großen Menschheitsträumen von Frieden und Gerechtigkeit. Gott möge euch segnen und möge in eurem Lebenshaus zu Gast sein. Amen.

Liedvorschlag: Komm, bau ein Haus, das uns beschützt

Weitere Predigten zur Konfirmation: hier
Predigten zu Himmelfahrt, Pfingsten und Trinitatis: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

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