Sangerhäuser Trinitatislager und Trinität heute

Trinitatis und Trinität, was ist das eigentlich? Das fragen nicht nur Leute, die wenig Verbindung zu Kirche haben. Auch Gemeindemitglieder haben damit ihre Schwierigkeiten. Weihnachten feiern wir, daß Jesus geboren wird. Am Karfreitag wurde er umgebracht. Zu Ostern feiern wir Auferstehung und Pfingsten ,daß Gottes Geistkraft zu den Menschen kam. Aber Trinitatis?
Dabei ist es gar nicht so schwierig. Trinitatis ist lateinisch und heißt Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit. Die Trinität, das ist Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, so sagen viele. Gott besteht sozusagen aus drei Personen. Dabei gab es die Trinitätslehre nicht schon immer. Sie hat sich erst ab dem 2. Jahrhundert entwickelt. Selbst Jesus hat sie nicht gekannt. Die mittelalterliche Scholastik hat sie zum komplizierten Gedankengebäude ausgebaut. Das Trinitatisfest gibt es erst seit dem 14. Jahrhundert. Nach der Reformation hat die Trinitätslehre erfahren, wie es vielen anderen Idealen, wie es klugen anregenden oder revolutionären Gedanken der Menschheitsgeschichte immer wieder ergangen ist: Worte wie Freiheit oder Fortschritt oder Gemeinschaft wurden zur Phrase oder zum Spielball von ganz anderen Interessen. Auch die Trinität wurde zur Waffe. Herzog Christian hielt um 1700 den Gedanken der Trinität für besonders evangelisch –  was nicht stimmt – ;  er hat die Sangerhäuser Schloßkapelle zur heiligen Dreieinigkeit genannt und wollte sich damit abheben vom katholischen Glauben und vom Vorrang des sächsischen Königs, der katholisch geworden war. Das ist nun lange her. Wie können wir Trinitatis heute interpretieren?

Von dem klugen Stauferkönig Friedrich dem II, der im 13. Jahrhundert lebte, dem Engel des großen Königs Barbarossa, der immer noch im Kyffhäuser sitzen soll, wird folgende Legende erzählt: Der wißbegierige König Friedrich wollte herausfinden, welche Ursprache den Menschen angeboren ist: lateinisch, deutsch, hebräisch – oder doch eine ganz andere Sprache? Er ließ Neugeborene zu sich bringen und stellte Ammen ein, die sie nährten und wickelten und reichlich mit allem versorgten, was sie brauchten. Nur eins untersagte er ihnen streng: Mit den Kindern zu sprechen. Sie sollten sie nicht beeinflussen. Das Experiment, heißt es, scheiterte schrecklich. Kein Kind sprach je ein Wort. Alle Kinder starben. Sie starben aus Mangel an Zuwendung.

Ob Friedrich tatsächlich solch einen Versuch angestellt hat, ist umstritten. Aber wahr ist, daß wir zum Leben Beziehungen brauchen. Wir brauchen andere Menschen, ihre Zuwendung und ihre Korrektur, ihre Ratschläge und Hilfe. Wir reiben uns aneinander und wachsen daran, hoffentlich. Die frühesten Beziehungen prägen uns am intensivsten, ein Leben lang. Indem wir anderen begegnen, mit ihnen in Kontakt treten, auf sie reagieren und auf sie einwirken, entwickeln wir uns. Wir sind keine unbeschriebenen Blätter, sondern ständig in Bewegung. Das schlägt sich sogar körperlich nieder. Die Hirnforschung sagt, daß sich im Gehirn ständig neue Verbindungen bilden, neue Synapsen, je aktiver wir sind. Also wir sind nicht, sondern wir werden, bis an unser Lebensende. Und wer nichts mehr dazulernt, stirbt langsam ab. Beziehungen sind unser Lebenselixier, zu uns selbst, zu anderen, zu unserer Umwelt.

Und auch Gott ist nicht ewig und unveränderlich, ein für allemal gleich. Gott ist viele, hat viele Gesichter; und Vater, Sohn, heilige Geistkraft sind nur einige ihrer Namen oder Weisheit, wie in der Lesung heute.
Gott trägt in sich mehrere Personen, sagt die klassische Trinitätslehre, ist also in sich schon ständig in Begegnung und Bewegung. Also wäre Beziehung als Urprinzip des Lebens schon in Gott angelegt.

Das Trinitatisfest könnte für uns heute Gelegenheit sein, daß wir uns fragen, wie wir unsere Beziehungen leben, wie wir unser Miteinander gestalten, wie es um unsere innere Lebendigkeit bestellt ist.
Auch wir tragen verschiedene Personen in uns, Schichten unserer Persönlichkeit. Unser Ich besteht aus vielen Facetten. Stimmen aus der Kindheit, Forderungen der Eltern, Bemerkungen aus der Schulzeit, Erwartungen von Vorgesetzten , Stimmen der Sehnsucht. Manche domieren, andere überhören wir, manche engen uns ein.
Wer sind diese Stimmen, wie spielen sie in uns zusammen, welche brauchen mehr Raum? Lebendig sind wir nicht ein für allemal, sondern dafür können immer wieder sorgen.

Wenn Gott Beziehung ist, können wir darüber nachdenken, wie es mit unseren Beziehungen aussieht, in der Familie und in unserer Umgebung, aber auch in unserer Gesellschaft, darüber, wie sich Kommunikation heute gestaltet und was das Miteinander gefährdet. Wie können wir für Beziehungen sorgen, die uns gut tun, und wo werden sie zur Fessel? Wo wachsen neue Formen von Beziehungen?
Wir sind in vielerlei Hinsicht Teil von Netzwerken, Das Handy, mit dem wir telefonieren, hat eine Frau in Malaysia zusammengesetzt, die damit ihre Kinder durchbringen will. Wir sind auf sichtbare und unsichtbare Weise mit Menschen auf der anderen Seite der Welt verbunden. Welche Rolle spielen wir in diesen Netzwerken und wie beeinflussen wir sie? Wie tragen wir durch unsere Lebensweise zu Verhältnissen bei, in denen Menschen sich wohlfühlen und Beziehungen gedeihen können?

Im 18. Jahrhundert und sicher auch in Christians Selbstverständnis galt: Die Welt ist klar geordnet von oben nach unten, und alle haben ihren unveränderlichen Platz im Weltgefüge, spielen die Rollen, die ihnen im Welttheater zugewiesen wurden. So wie, unsichtbar, Gott steht für alle sichtbar der König, Herzog, Fürst an der Spitze, ja er vertritt Gott auf der Erde. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Doch Trinität als Beziehung, ins Heute übersetzt, ist keine hierarchische Ordnung, an den Himmel projiziert, und dient nicht dazu, Herrschaft zu legitimieren. Gott mit vielen Gesichtern, Gott in Gespräch mit sich selbst, in Beziehung mit Menschen – das unterwandert das Bild einer statischen Weltordnung, in der alles so bleiben muß, wie es war. Beziehungen haben immer etwas Anarchistisches, so wie das Leben überhaupt, denn sie lassen sich nicht einsperren, sie lassen sich nicht für die Zukunft vorhersagen, sie bringen die erstaunlichsten Wendungen im Leben zustande. Gott in Beziehung wandelt sich, Gott tritt aus der Rolle heraus, überschreitet Grenzen, sich selbst, Und auch den Menschen tut es gut, wenn starre Rollen durchlässig werden. „Wir treten aus unseren Rollen heraus“ – diese Erklärung haben Schauspielerinnen und Schauspieler in Dresden ab 6. Oktober 1989 bei jeder Erklärung verlesen und ihre Stadt verändert.
Wir feiern Trinitatis als Fest göttlicher Beziehung und Lebendigkeit, und wir mögen göttliche Beziehungen und Lebendigkeit bei uns erleben. Wir mögen sie nicht nur zur Hochzeit zelebrieren, sondern immer wieder praktizieren und leben, mit Gottes Segen.

Predigt am 26.5.2013 (Trinitatis) zum Sangerhäuser Trinitatislager anläßlich der Einweihung der Schloßkapelle St. Trinitatis vor 300 Jahren

Lesung aus dem Buch der Sprichwörter
Die Weisheit spricht:
Gott schuf mich als Anfang ihrer Wege.
In frühester Zeit wurde ich gebildet,
am Anfang, ehe die Erde war.
Bevor es das Urmeer gab,
bevor die Berge verankert wurden,
wurde ich geboren.
Als Gott den Himmel ausspannte, war ich dabei.
Als Gott die Fundamente der Erde einsenkte, war ich der Liebling an ihrer Seite.
Ich spielte vor Gott allezeit
und hatte meine Freude an den Menschen.
Aus: Sprüche 8, 22-31

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