Caspar Tryller zieht nach Sangerhausen

Wir schreiben das Jahr 1571. Die Sangerhäuser gucken neugierig, als ein Pferdewagen mit Umzugskisten durch das Stadttor rumpelt. Ein winziger Junge klettert herunter und plappert stolz über die lange Fahrt. Caspar ist 2 Jahre alt; sein kleiner Bruder Heinrich nuckelt friedlich an der Brust von Mutter Catharina. Noch kennt niemand Familie Tryller aus Neustadt / Orla in Thüringen. Das soll sich schnell ändern. Das ist der neue Amtsschösser, tuscheln die Leute, er kassiert jetzt unsere Steuern.

Mit 28 Jahren wird Caspar Tryller (sein Sohn heißt genauso wie er) der oberste Beamte im Landkreis. Er ist der verlängerte Arm des sächsischen Kurfürsten. Er setzt die Anordnungen aus Dresden durch und schickt dem Kurfürsten die Steuern. Bald weiß er in Sangerhausen genau Bescheid. Und er bringt seine eigenen Leute in einflußreiche Stellen.

Gleich im Herbst holt er seinen Bruder Michael Tryller nach Sangerhausen. Der wird mit 20 Jahren zum Sangerhäuser Amtsschreiber berufen, arbeitet also im Büro von Caspar Tryller. Eine Schwester heiratet später einen Bürgermeister.

Nach 5 Jahren – 1576 – zieht die Familie um. Sie kauft ein Eckhaus an der Ulrichstraße. Von hier aus stromern die Jungs durch die Gassen von Sangerhausen. Als der Große 14 wird, schicken die Eltern ihn nach Schulpforta, zwei Jahre später kommt Heinrich hinterher. Und das Haus verkaufen sie bald – an Michael Tryller. Die wichtigste Veränderung: Caspar Tryller wird sächsischer Finanzminister (damals hieß das Landesrentmeister). Seinen Posten als Amtsschösser in Sangerhausen übernimmt sein Bruder Michael Tryller. Michael läßt das Haus abreißen und baut es völlig neu, mit hohen Räumen und sehr modern. „Wie in Italien“, staunen die Leute, „vor allem der Erker“. Seitdem heißt das Haus „Trillerei“.

Caspar Tryller bleibt auch von Dresden aus der einflußreichste Mann in Sangerhausen. Er verteilt Posten und besitzt viele Grundstücke und Mühlen. Für seine Söhne – der Große ist inzwischen Jurist und hat einen Doktortitel – sucht er Frauen aus reichen Unternehmer-Familien. Trotzdem wird er nie Enkelkinder haben. Caspar, Heinrich und ihre jungen Frauen – sie sterben alle nacheinander, auch Mutter Catharina. Caspar Tryller läßt für sie in der Jacobikirche prächtige Grabstätten anfertigen.

Als alter Mann baut er noch einmal ganz groß. Er errichtet das Neue Schloß gegenüber dem Rathaus (heute Amtsgericht). Der Erker reicht sogar über 2 Stockwerke und ist noch kunstvoller verziert als der an der Trillerei. Im Treppenhaus steht das Kobermännchen.

Caspar und Catharina Tryller hatten keine Nachkommen, denen sie ihren Reichtum vererben konnten. Aber sie haben großzügig für die Stadt und die Kirchen gespendet. Und sie haben in Sangerhausen viele Spuren hinterlassen.

 

Klatsch und Tratsch  vor 400 Jahren in Sangerhausen
Caspar Tryller
Der reichste Mann von Sangerhausen?
„ist gar armselig auf einem Karren hergekommen“

Sohn Caspar?
„ein trauriger, melancholischer Mensch, der selten geredet hat“
(seine Frau ist 4 Wochen nach der Hochzeit gestorben)

Sohn Heinrich?
„hat nichts gekonnt“

Bruder Michael – der neue Amtsschösser?
„hat machen müssen nicht wie er, sondern der Bruder gewollt“

Das Neue Schloss?
Als Wohnhaus zu groß und für einen Fürsten zu klein

So schreibt der Stadtchronist Samuel Müller im 17. Jahrhundert über die Familie

 

Die Trillerei wurde im Frühjahr 2014 abgerissen.

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