Angespuckt

Anfang Mai neben dem Ratskeller.  Ein Jugendlicher fährt auf dem Rad an mir vorbei. Plötzlich spuckt er aus. Kräftig. Aber er zielt nicht auf die Erde. Er spuckt auf die Judengedenktafel, blitzschnell und voller Verachtung. Fassungslos starre ich auf die Tafel am Rathaus. Sie soll an die jüdischen Bewohner erinnern, die aus Sangerhausen vertrieben wurden. Zäh glänzt jetzt Schleim darauf. Er hat die Leute bespuckt, denke ich.Der Junge im Ringelpulli ist weg, bevor ich mich fassen kann. Woher kommt der Haß, mit dem er die verfolgten Juden symbolisch herabgewürdigt? Was wird bei ihm zuhause geredet über Hitler und die Deutschen? Wie reagieren die Lehrer auf einen Schüler, der in aller Öffentlichkeit zum Ausdruck bringt, auf welcher Seite er steht?
Er sah nicht aus wie ein typischer Nazi. Kein Stein ist geflogen, kein Schimpfwort gefallen. Kein Fall für den Staatsanwalt. Trotzdem ist etwas passiert. Er hat die Opfer erneut herabgewürdigt.
Der Regen hat die Spuren auf der Tafel längst abgewaschen. Neulich bin ich wieder vorbeigegangen. Ich habe Wachsspuren gesehen. Leute haben Kerzen angezündet für die verfolgten Juden. Wie gut, dass es in Sangerhausen auch solche Leute gibt.
Trotzdem, wer redet mit dem Jungen? Wer kümmert sich darum, dass bei uns niemand angespuckt, ausgegrenzt und vertrieben wird – weder mit Worte noch auf der Straße? Dafür sind wir alle verantwortlich.

Predigten in der Passions- und Vorpassionszeit: hier
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