Goldene Konfirmation: Last und Chance der Kriegskinder

Predigt zur Goldenen und Diamantenen Konfirmation über Ezechiel 18: Die Eltern haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden

Zehn Jahre Unterschied trennen Sie, aber im Grunde gehören Sie zwei Generationen an. Die einen sind die Kriegskinder, die anderen die Nachkriegskinder. Die Diamantenen Konfirmand_innen sind um 1940, 1941 geboren. Als kleine Kinder, also in den prägenden ersten Lebensjahren, kannten sie nichts anderes als den Krieg. Abends wird verdunkelt. Wenn die Sirenen heulen, geht es schnell in den Keller. Viele wuchsen ohne Väter auf. Sie stützten ihre Mütter in der Nachkriegszeit und trugen Verantwortung für die kleineren Geschwister.
Die Goldenen Konfirmand_innen gehören zur ersten Generation, die im Frieden aufgewachsen ist. Als sie 1949, 1950 geboren wurden, waren die schlimmsten Hungerwinter vorbei. Die Lebensmittelkarten wurden langsam abgeschafft. Fliegeralarm kennen sie nur aus Erzählungen. Es wurde aufgebaut und nicht zurückgeschaut.
Noch etwas unterscheidet Sie: die Mauer. 1965, als Sie konfirmiert wurden, stand sie schon ein paar Jahre. Die Diamantenen hätten noch nach der Lehre, nach dem Abitur in den Westen gehen können. Manche haben es auch getan. Jedenfalls hätten sie sich entscheiden können. Für die Goldenen gab es diese Möglichkeit nicht mehr. Sie mußten hierbleiben, ob sie wollten oder nicht.

Die Generation der Kriegskinder ist in den letzten Jahren in den Blickpunkt gerückt. „Als der 2. Weltkrieg zu Ende war, da war der großen Mehrzahl dieser Kinder nicht anzumerken, was ihnen für ihren Start ins Leben als Gepäck auf die Seelen geladen worden war. Im Gegenteil. Sie gingen auf in ihren Berufen, waren zuverlässig, nicht wenige erfolgreich. Sie machten ihren Weg. Klaglos funktionierten sie auch im privaten Leben. Sie hatten ihre Marotten: Sie achteten darauf, dass die Teller immer leer gegessen wurden. Sie konnten nichts weg werfen. Sie kauften mehr ein als für den Tag nötig. Und nachts, da konnten sie nicht durchschlafen. Sie taten viel für ein harmonisches Zusammenleben. Aber es gelang nicht immer. Sie engagierten sich nahezu selbstlos für die Familie, für die Freunde und für die Kollegen. Der Krieg tobt in den Seelen weiter. Ins Rentenalter gekommen holt der Krieg diese Kriegskinder wieder ein. …Dunkle Schatten aus der Kindheit legen sich über ihre Tage.“ (www.kriegskinder-verein.de).
Die Goldenen Konfirmand_nnen haben all das nicht selbst erlebt. Aber vieles von dem gilt auch für sie. Verletzungen werden oft unausgesprochen an die Nachgeborenen weitergegeben. Wir wissen das aus der Behandlung von Nachkommen von Holocaust-Opfern. Die Nachkriegskinder tragen ihre ganz eigene Last. Ihre Mütter und Väter haben ihre Ängste mitgegeben, auch wenn sie nie darüber geredet haben. Die Traumata wirken weiter.

„Die Eltern haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“, heißt es zur Zeit des Propheten Ezechiel im alten Israel.
Geht es so auch den Kriegskindern, den Nachkriegskindern? Ihre Eltern haben Hitler gewählt oder zugelassen, waren bei der Hitlerjugend oder beim BDM. Sie haben am Straßenrand gestanden und gewinkt, gerufen, gejubelt. Sind in den Krieg gezogen, haben unendliches Leid angerichtet (und viele sind selbst daran zugrunde gegangen). Die Last tragen die Kinder und Enkel weiter. Wie tief sich die Wunden in den Seelen eingraben, wird erst jetzt, 70 Jahre später, deutlich. „Die Eltern haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“.

Ezechiel hat selbst die Heimat verloren und wurde verschleppt. Für die meisten gab es damals nur ein Gesprächsthema: die Heimat. Zurück in die Heimat. Wenigstens die Kinder, die mit unseren Fehlern nichts zu tun haben. Gesprächsthema war interessanterweise auch die eigene Mitschuld. Anders als bei uns haben die Leute damals darüber reflektiert, was ihr Anteil daran ist, daß sie deportiert wurden: Ungerechtigkeit, Mißachtung der Regeln für ein gutes Miteinander, die Gott gegeben hat.
Daß die Verletzungen sich über Generationen fortpflanzen, kann ein Ende haben, wenn sie selbst anders miteinander umgehen, sagt Ezechiel, und wird ziemlich konkret (Ez 18,7+8):
„Eine gerechte Person beutet niemanden aus. Das Pfand gibt sie denjenigen zurück, die ihr etwas schulden. Sie reißt nichts an sich, was ihr nicht gehört. Vom eigenen Brot gibt sie den Hungrigen. Nackte bekleidet sie. Sie verleiht nicht gegen Zins und nimmt keine Wucherpreise. Von Unrecht hält sie sich fern.“ Kehrt um und lebt.
Die Schuld der Eltern wird den Kindern nicht zum Verhängnis, wenn sie deren Unrecht nicht fortsetzen. Indem sie es nicht verharmlosen, sondern für sich neu beginnen, verantwortlich, solidarisch, in Gerechtigkeit und engagiert für Arme, Abhängige, Ausgebeutete. So kann die Geschichte anders weitergehen. „Warum wird das Kind nicht für die Schuld der Eltern verantwortlich gemacht“, fragen die Heimatvertriebenen von damals: „Weil Sohn oder Tochter Recht und Gerechtigkeit verwirklicht haben.“

Sie sitzen heute hier als die letzte Kriegs- und die erste Friedensgeneration. Sie sind zugleich die Generation der 68-er, die ihre Eltern kritisch nach ihrer Verantwortung befragt haben. Die aufmüpfigen 68-er haben im Westen dafür gesorgt, daß das Schweigen gebrochen und Geschichte aufgearbeitet wurde. Karrieren konnten nicht mehr ungebrochen fortgesetzt werden.
Eine ganze Generation ist gegen Verdrängung und Verlogenheit und Doppelmoral auf die Straße gegangen, hat die geltenden Werte auf den Prüfstand gestellt und neue entwickelt: Reformpädagogik, Widerstand gegen den Vietnamkrieg, Eine-Welt-Bewegung, Sexualmoral. Die 68-er haben die großen Fragen angepackt und haben einen Wandel der Gesellschaft in Gang gesetzt, der tiefer reicht als in zwei oder fünf Jahrhunderten vorher.

In der DDR gab es kein 68. Der Prager Frühling wurde mit Panzern beendet, aber wir haben davon profitiert, was im Westen vorgedacht und ausprobiert wurde.
So sind Sie als eine Generation herangewachsen, die vieles anders gemacht hat als die Vorhergehenden. Und aber diese Generation hat auch ihre eigenen Verstrickungen, die in das System der DDR. Sie hat mitgemacht, die Augen zugemacht, hat sich angepasst und vom Nichtwissenwollen profitiert.

Recht und Gerechtigkeit als Voraussetzung dafür, daß es wirklich anders weitergeht – gilt das auch für uns? Da gibt es viel zu tun. Recht und Gerechtigkeit meint in der Bibel immer Gerechtigkeit für die Schwachen, für die Unterdrückten und Hilflosen.

Welche Welt unsere Kinder von uns erben, liegt in unserer Hand. Daß wir ihnen Verletzungen, Schulden und ungelöste Probleme hinterlassen, ist kein Naturgesetz. Daß den Kindern die Zähne stumpf werden, weil die Eltern saure Trauben gegessen haben, soll nach Gottes Willen ein Ende haben, sagt Ezechiel, und Veränderung ist möglich. Wir können uns immer wieder dafür entscheiden, daß wir in Offenheit und Wahrheit leben. Es lohnt sich, wenn wir Gutes um uns verbreiten, in jedem Alter. Jesus lädt uns ein, daß wir solidarisch leben, Junge und Alte, Familie und Fremde, bei uns und weltweit.

Predigt am 31. Mai 2015 (Trinitatis) zur Goldenen und Diamantenen Konfirmation

hier zu einer anderen Predigt über den Ezechiel 18

Ezechiel 18,1-5.7-9.18-19.31-32, Bibel in gerechter Sprache (leicht verändert)
Gottes Wort erreichte mich: Was habt ihr unter euch im Land Israel für ein Sprichwort: »Die Eltern haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? So wahr ich lebe, spricht Gott, dieses Sprichwort soll bei euch in Israel nicht mehr in den Mund genommen werden!
Denn siehe, jedes Menschenleben gehört mir, das Leben der Eltern wie das Leben der Kinder – mir gehört es.
Jeder, der sich verfehlt, wird sterben. Ein gerechter Mensch ist, wer Recht und Gerechtigkeit verwirklicht:
Eine gerechte Person beutet niemanden aus. Das Pfand gibt sie denjenigen zurück, die ihr etwas schulden. Sie reißt nichts an sich, was ihr nicht gehört. Vom eigenen Brot gibt sie den Hungrigen. Nackte bekleidet sie. Sie verleiht nicht gegen Zins und nimmt keine Wucherpreise. Vom Unrecht hält sie sich fern. Zuverlässig schafft sie Recht zwischen den Menschen. Aber sein Vater, der Gewalt und Unrecht geübt habt, wird sterben um seiner Schuld willen.
Ihr fragt: »Warum wird das Kind nicht für die Schuld der Eltern verantwortlich gemacht?« Weil Sohn oder Tochter Recht und Gerechtigkeit verwirklicht haben! Sie haben alle meine Bestimmungen bewahrt und ihnen entsprechend gehandelt. Sie werden lebendig bleiben.
Werft alle Rechtsbrüche von euch, die ihr begangen habt habt, und schafft euch ein neues Herz und neue Geistkraft! Warum wollt ihr zugrunde gehen, Haus Israel? Ich habe kein Gefallen am Tod derer, die dem Tod verfallen sind. Kehrt um und lebt!

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