Easy Rider – Auf dem Rummel

Wir waren schon mal gucken. In Eisleben. Auf der „Wiese“, dem großen Rummel. Vor ein paar Tagen, als die Geisterbahn gerade aufgebaut wurde. Denn heute nachmittag wird, wenn das Wetter mitspielt, kein Durchkommen mehr sein. Vom Kleinkind bis zur Großmutter drängt sich alles zwischen Karussells und Buden hindurch.
Aber abends, wenn es etwas ruhiger wird und eher die jüngeren Leute zurückbleiben und die Betrunkenen, gehe ich gern auf den Rummel. Mich zieht es zu den Karussells, den superschnellen, die mich richtig durchwirbeln. Da hüpfen Herz und Körper, und es kribbelt mächtig im Bauch.

 

Turm der Jacobikirche
Turm der Jacobikirche

Das sind auch die Karussells, an denen sich die Jugendlichen den letzten Kick holen. Dann hängen sie an der Brüstung ab, kichern und beobachten die anderen. Halbe Kinder noch, unbekümmert, unbefangen und voller Lebenslust.
Für einige aber ist es wohl wie eine Droge. Mit geschlossenen Augen, halb stehend, lassen sie sich herumschleudern und von den Techno-Bässen zudröhnen. Ohne auszusteigen, zücken sie lässig den nächsten Chip, von Runde zu Runde. Und wenn das letzte Geld alle ist, bleiben sie dennoch, bis die Lichter langsam verlöschen. Dann schlingen auch sie
fröstelnd ihre Jacken enger um sich und sind auf einmal verschwunden. Wohin gehören sie?
In ihre Teenager-Zimmer, vollgestopft mit Schulbüchern und Klamotten, wo die Poster nach dem Rauschen und Flimmern des Rummels leblos und öde von den Wänden blicken?
Das Glitzern des Jahrmarktes weckt die Sehnsucht.
Auch wenn sie ein Zuhause haben, wirken sie so heimatlos und verloren, so unbehaust. Manchmal denke ich, diese Jugendlichen kommen von einem anderen Stern.
Es hat sie in unsere Welt verschlagen, eine Alltagswelt mit Aufgaben und Schulbüchern.
Tag für Tag müssen sie lernen, aufräumen, sich mit sich und ihresgleichen auseinandersetzen, sollen langsam erwachsen werden. Das ist ein anstrengender Alltag, in dem Träume wenig Platz haben. Nicht wenige haben davor kapituliert, manche haben sogar vergessen, wie und wovon sie träumen können.
Manchmal denke ich, sie kommen von einem anderen Stern, die Jugendlichen, die so abwesend und verloren auf dem Rummel herumhängen und überhaupt nicht ausdrücken können, wer sie sind und was sie eigentlich wollen.
Im Glänzen der tausend bunten Lichter ahnen sie, dass sie woanders hin gehören. Sie kommen vom Stern der Liebe und der Träume, von dem Stern, auf dem unsere Sehnsüchte ein Zuhause haben.
Wenn sie sich besinnungslos herumwirbeln lassen in jenen Karussells, in denen die Älteren nicht mehr zu finden sind, dann spüren sie endlich sich selbst. Dass sie leben. Dass es Momente von Glück gibt. Und sie spüren es ganz intensiv. So intensiv, wie wir Erwachsenen es oft nur noch erleben, wenn wir uns lieben. Sie spüren jene andere Seite, die sie offensichtlich zu wenig erfahren können in der Welt des Alltags, in die es sie verschlagen hat.
Am Montag gehen die Lichter aus. Der Rummel zieht weiter. Ein wenig Sehnsucht bleibt zurück. Und das ist gut so. Es verbindet, wenn die Jugendlichen merken, dass auch die Erwachsenen von jenem Stern träumen, mitten im Alltagsgeschäft. „Die Alten“ haben keineswegs abgeschlossen mit sich und der Welt, sondern wir sind verletzlich und unfertig und voller Lebenshunger. Und überhaupt: Wäre es für junge Leute nicht eine große Hilfe zu erleben, dass Erwachsene (noch) Träume haben und versuchen, diese Träume zu leben? Ganz intensiv?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s