Fette Kuh. Über Dicksein und Gerechtigkeit

Der Prophet würde sich sehr wundern, wenn er bei uns nach den fetten Kühen von Samaria Ausschau hielte.** Die Schönen und Reichen räkeln sich heute keineswegs auf samtenen Ruhebetten mit Elfenbeinschnitzereien. Nein, sie strampeln sich im Fitnessstudio ab und trainieren sich das letzte Gramm Fett von den Rippen. Die Schönen und Reichen heute sind keineswegs fett, sondern gertenschlank mit Maßen von 90-60-90. Sie lassen auch keine Flötenspieler aufspielen, sondern genießen mittels Ohrstöpseln und I-Phone ihre Musik ganz individuell.
Beleibt sein ist kein Zeichen von Luxus, von Leuten, die sich Müßiggang gönnen und sich ein Polster für schlechte Zeiten zulegen können im Gegensatz zu Leuten, die von früh bis abends körperlich hart ran müssen, um nicht den Hungertod zu sterben. Die Polster liegen heute anderswo, in Depots, in Aktien, Investmentfonds und stillen Beteiligungen, in Eigentumswohnungen und edlen Wagen. Für die anderen Pölsterchen gibt’s notfalls die Schönheits-OP, Fettabsaugen inklusive. Beleibt – das ist eher die Unterschicht.

Dick sein ist heute nicht mehr angesagt. Dicke im Fernsehen illustrieren eher das Milieu, sozial schwache Familien. Selbst der Staat soll schlank sein. Dick – welche Redewendungen fallen uns ein, wenn wir dieses Wort hören, welche Bilder kommen uns in den Sinn? Gemütlich, mit dickem Fell, er oder sie kann viel aushalten. Es sind Klischees. Wie hat es sich eingenistet, daß wir vom Äußeren auf das Innere schließen? Vielleicht steckt eine sehr sensible Seele in diesem Körper, sehr verletzlich und keineswegs dickfellig und stumpf?
Mit Bildern von Dicken assoziieren viele auch, daß sie sich nicht beherrschen können und triebgesteuert sind. Sie ernähren sich von Chips und Cola, weil sie zu faul sind zum Kochen und zu faul, zu arbeiten und an sich zu arbeiten. Dicke sind ungebildet und fläzen auf dem Sofa vor dem Fernseher.

Manches davon stimmt ja auch. Der Anteil der Übergewichtigen steigt, je geringer der Bildungsgrad ist. Dass wir in die Breite gehen, ist ein weltweites Phänomen mit einem Bündel an Ursachen und Auswirkungen. Die Lösung jedoch wird individualisiert. Die Dicken sollen sich mal kümmern. Sie sollen gefälligst in Bewegung kommen, weniger essen, sich bei den Wight Watchers oder im Sportclub anmelden. Sie sollen für sich selbst sorgen, denn wir leben schließlich in einer freien Welt und schreiben Selbstbestimmung und Selbstverantwortung ganz groß.
Ein Großteil der Ursachen ist gesellschaftlich. Die Symptome sollen die einzelnen bei sich ausbügeln. Kann das gehen? Und ist das gerecht?
Alles soll wachsen. Die Wirtschaft. Die Gewinne. Die Kühe sollen mehr Milch geben, das Getreide schneller wachsen, die Küken  in 30 Tagen geschlachtet werden. Und gesät, geerntet und verarbeitet wird möglichst mit Maschinen, um die Personalkosten zu sparen. Produziert wird, was die Nahrungsmittelindustrie mit wenig Personaleinsatz herstellen kann, aufgepeppt mit Geschmacksverstärkern, viel Zucker und künstlichen Aromen. So sieht es bunt aus und soll den Appetit anregen. Davon abgesehen, dass solche Nahrung gar nicht mehr gesund sein kann – wo soll denn das ganze Wachstum hin? Da wird die Verbraucherlaune angekurbelt und die Kauflust soll steigen. Doch was produziert wurde, muss auch konsumiert werden, damit es Gewinn erwirtschaftet.
Eine Überfluss- und Wegwerfgesellschaft braucht die, die billig produzierte Massenware und Massenlebensmittel in sich hineinstopfen. Sie ist auf Menschen angewiesen, die immer mehr konsumieren und kaufen und den Kreislauf von Konsumieren und Kaufen in Gang halten. Sollten wir dabei nicht dick und krank werden, während sich unsere Ressourcen erschöpfen? Die Gewinne werden privatisiert, die Belastungen auf die Allgemeinheit verteilt. Sind Trimm-dich-Ratschläge und Ernährungstipps das einzige Rezept gegen diese weltweite Entwicklung?

Fasten spielt in vielen Religionen eine Rolle, auch in den drei monotheistischen Religionen Judentum, Islam und Christentum, jedenfalls in der katholischen Tradition. Auf Jesus kann sie sich kaum berufen. Warum fasten die Jünger des Johannes und der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht, wurde er gefragt (Markus 2,18).
Für Arme, die Tag um Tag darum kämpfen, dass ihre Kinder überhaupt etwas zu beißen haben, sind religiöse Auflagen zum Fasten absurd. Als seine Freunde vor Hunger Ähren aus einem Getreidefeld ausraufen und die Körner kauen, nimmt er sie in Schutz (Markus 2,23-28).
Jesus steht in der Tradition der Prophet_innen des Ersten Testaments. Die hinterfragen die Rituale einer übersättigten Oberschicht in einer tief gespaltenen Gesellschaft und verknüpfen sie mit der Forderung nach Gerechtigkeit.
Ich bin euren Gottesdiensten gram. Tut weg von mir das Geplärr deiner Lieder. Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,21+24) Sucht Gerechtigkeit. Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast. Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg. (Jes 58,6)

Amos bringt die Frage nach dem Essen und Fasten mit der Frage nach Gerechtigkeit zusammen. Heute erleben wir ähnlich wie in den Tempeln und elfenbeingeschmückten Ruhebetten Samarias einen Kult der Reichen und Schönen. Nur heißt sein Ideal heute, vor allem für Frauen: schlank, makellos, jugendlich geglättet. Seinem Einfluss kann sich kaum jemand entziehen. Plakatwände, Filme, Modeprospekte sorgen dafür, dass wir es nicht aus den Augen verlieren, Junge Mädchen stehen ihm am schutzlosesten gegenüber. Sie verzweifeln oft im Glauben, dass sie dieser Norm nicht genügen. Körperbehaarung, der Geruch von Lust, von Arbeit und Schweiß, die Spuren, die das Leben eingegraben hat – das alles soll sorgfältig verborgen werden. Es gilt als unanständig, so unanständig wie dick zu sein. Fette Kuh.

Die Passionszeit regt auch an, unsere Körperbilder zu hinterfragen, wo sie herkommen, wem sie nützen, was sie verschleiern. Sie regt an, in biblischer Tradition gegen Diskriminierung und Unrecht anzugehen, wegen Aussehen, wegen Armut. Den Propheten würde wohl eher ein Hungerstreik entsprechen. Bei Amos sagt Gott » Es kommen Tage, da schicke ich Hunger ins Land, nicht Hunger nach Brot und nicht Durst nach Wasser, sondern Hunger und Durst danach, das Wort Gottes zu hören. (8,11)
Gott hat uns gut und schön geschaffen. Idealmaße gibt es nicht, sondern nur wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut. Schönheit leuchtet von innen. Oder, wie es Jesaja sagt: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast. Gib frei, die du bedrückst. Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte (aus Jes 58,6-8).

 

Predigt in der Passionszeit zum Propheten Amos (siehe unten)
Weitere Lesungen im Gottesdienst: Jesaja 58,3-12; Markus 2,18-20

** Amos 4,1-2
Hört dies Wort, ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samarias seid und den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Männern: Bringt her, lasst uns saufen! Gott hat geschworen bei seiner Heiligkeit: Siehe, es kommt die Zeit über euch, dass man euch herausziehen wird mit Angeln und, was von euch übrig bleibt, mit Fischhaken.
Amos 6,1.4-7
Weh den Sorglosen zu Zion, die ihr schlaft auf elfenbeingeschmückten Lagern und euch streckt auf euren Ruhebetten. Ihr esst die Lämmer aus der Herde und die gemästeten Kälber  und spielt auf der Harfe und erdichtet euch Lieder wie David und trinkt Wein aus Schalen und salbt euch mit dem besten Öl, aber bekümmert euch nicht um den Schaden Josefs. Darum sollen sie nun vorangehen unter denen, die gefangen weggeführt werden, und soll das Schlemmen der Übermütigen aufhören.
Amos 8,4-8a. 10a.11
Höret dies, die ihr die Armen unterdrückt und die Elenden im Lande zugrunde richtet und sprecht: Wann will denn der Neumond ein Ende haben, dass wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, dass wir Korn feilhalten können und das Maß verringern und den Preis steigern und die Waage fälschen, damit wir die Armen um Geld und die Geringen um ein Paar Schuhe in unsere Gewalt bringen und Spreu für Korn verkaufen?
Gott hat bei sich, dem Ruhm Jakobs, geschworen: Niemals werde ich diese ihre Taten vergessen! Sollte nicht um solcher Taten willen das Land erbeben müssen und alle Bewohner trauern? Ich will eure Feiertage in Trauer und alle eure Lieder in Wehklagen verwandeln. Ich will über alle Lenden den Sack bringen und alle Köpfe kahl machen und will ein Trauern schaffen, wie man trauert über den einzigen Sohn, und sie sollen ein bitteres Ende nehmen.Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort Gottes, es zu hören.
Amos 5,21-24
Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

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