Wasser hat keine Balken

Bis zu ihrem Lebensende soll meine Urgroßmutter, Tante Marta aus Kontopp, sich beharrlich geweigert haben, ein Boot zu betreten. Wasser hat keine Balken, sagte sie. Das nasse Element war ihr zu unsicher, wo sie nicht auf ihre eigenen Füße und Körperkräfte vertrauen und sich notfalls retten konnte. Sie soll auch eine sehr praktische Frau gewesen sein. Vielleicht – es war um 1930 – steckte ihr auch noch der Untergang der Titanic im Hintergrund und der Schreck, dass auch modernste und teuerste Technik den Naturgewalten nicht gewachsen sein kann. Außerdem war man im bodenständigen, bäuerlichen Schlesien.
Der Junge soll was Richtiges werden, hieß es auch, als mein Vater, ihr Enkel, musikalische Interessen zeigte. Es war schon viel, dass er Klavierunterricht bekam, und das auch nur im Sommer. Im Winter wurde die gute Stube nicht geheizt, in welcher das Instrument stand und regelmäßig abgestaubt wurde.
Der Junge soll was Richtiges werden, und Musik ist eine brotlose Kunst. Also lieber Beamter in der Stadtverwaltung, da biste sicher bis ins Alter – auch wenn der Junge weder Ambitionen noch Geschick auf Verwaltung zeigte. Da biste sicher, am sicheren Ufer, geschützt vor feindlichen Stürmen wie Arbeitslosigkeit und kriegst am Ende noch Pension. Lieber am sicheren Ufer bleiben. Wasser hat keine Balken.

Am Ende kam alles ganz anders: der Junge mußte zum Arbeitsdienst und kurz vor Kriegsende noch in den Krieg. Und dann wurden sie in einen Zug verfrachtet. Nicht heimwärts ging’s, sondern nach Osten. Tagelang, zu Orten, von denen sie nicht einmal genau wußten, wo sie lagen. Dawai, dawai, rabota. Wer das nicht verstand, lernte es schnell. Ob sie je wieder die Heimat wiedersehen würden, der Gedanke schwand mit jedem Monat und jedem Jahr. Und als der Junge, inzwischen 24, aus Rußland heimkam, war die Heimat weg und ein Abschluß bei der Stadtverwaltung kein Pfifferling mehr wert.

Kein sicheres Ufer mehr, sondern Stürme im Meer des Lebens. Fragst du nicht danach, dass wir umkommen – so haben die jungen, halbverhungerten Männer in der Gefangenschaft an Gott und der Welt gezweifelt. Was konnte da schon Halt bieten, fern der Heimat, wenn die Hoffnung mit den Jahren verdorrte, die Hoffnung, jemals wieder nach Hause zu kommen. Zigaretten die einen, ein Stück Brot, wenn man hatte. In einigen, so hat mir mein Vater erzählt, wachten die alten Bibelworte und Liedverse wieder auf, die sie früher gelernt hatten in der Kirche. Jetzt suchten sie die Gedächtnisfetzen zusammen. Jetzt brauchten sie Worte zum Festhalten und Aufbegehren, jetzt waren sie kostbar wie das Brot – Worte, die ihnen hier, wo alles aussichtslos war, einen Sinn gaben und sie tragen konnten.

Fragst du nicht, dass wir verderben, Gott. Wasser hat keine Balken. Da kann man sich noch so schön absichern wie Tante Marta, solide Zukunftsperspektiven aufbauen, der Junge soll was werden, jede Veränderung scheuen, am sicheren Ufer bleiben wollen: Stürme im Leben kommen von alleine, auch bei uns. Dann wird das Lebensschifflein losgerissen und aufs Meer hinausgetrieben. In der Schule gibt’s Probleme oder mit der Arbeit, eine Beziehung geht in die Brüche, jemand wird krank oder stürbt. Wie soll es weitergehen? Wohin wird es uns verschlagen? Da sind die Wellen auf einmal da und türmen sich hoch auf wie die Angst.

Jesus aber lag im Boot und schlief. Halt und Sicherheit in der Fremde haben einige der jungen Männer an dem gefunden, was sie gelernt hatten und auswendig wußten: Gebete, Lieder, Worte, die sie von früher kannten. Als sie sie lernen mußten in der Schule oder im Konfirmandenunterricht, werden sie sich nichts dabei gedacht haben. Aber jetzt kam es ihnen zugute. Sonst hatten sie ja nichts, nicht einmal ein Buch. Aber das, was sie in sich trugen, in ihrem Gedächtnis, das konnte ihnen niemand nehmen. Es gehörte zu dem wenigen Vertrauten, was sie auch hier in der Ferne hatten, und jetzt tröstete es sie.

Wo bist du, Gott, fragst du nicht?
Jesus aber lag im Boot und schlief. Jesus ist schon da. Er war bei den Gefangenen, wenn sie sich an den Bibelworten und Liedversen aufrichteten. Jesus ist schon da, auch heute. Er fährt mit ihm Lebensboot, er ist bei uns, und das kann uns niemand wegnehmen, wie hoch sich die Wellen von Gefahr und Angst auch auftürmen. Er ist da.

Will uns das die Geschichte erzählen: Wenn wir in Bedrängnis sind, sitzt Jesus mit im Boot, ist Stille inmitten des Sturms?
In mehreren großen Neubauvierteln durften in den letzten Jahren der DDR auch einige Kirchen gebaut werden. Auffällig viele Gemeinden haben sich für eine ungewöhnliche Form entschieden: Ihre Kirche sieht aus wie ein Boot, wie eine Arche. In der Kirche haben sie sich geborgen und beschützt gefühlt wie im Bauch eines Schiffes. Denn so haben die Menschen die Gemeinde erlebt: als Zufluchtsstätte, in der Menschen Schutz finden, wenn sie angegriffen worden sind, weil sie Christinnen und Christen waren. Hier aber konnten sie zusammenkommen und offen reden, worüber sonst zu reden verboten war. Hierher konnten sie sich flüchten, wenn sie entmutigt waren, konnten auftanken und neue Kraft schöpfen. Obwohl viele immer wieder Angst hatten und resigniert waren – Wasser hat keine Balken – , haben sie sich nicht auf sicheres Terrain zurückgezogen und sich angepasst. Sondern hier haben sie sich gegenseitig aufgerichtet und Mut bekommen und darüber nachgedacht, wo die Gemeinde Jesu Christi Flagge zeigen soll und wie der Weg aussieht über das Meer der Zeit und in der Gesellschaft der DDR. Schwerter zu Pflugscharen, Mobil ohne Auto, Eine-Welt-Gruppen, Umweltbewegung, sie sind im Bauch der Kirche entstanden und haben aus ihr hinaus in die Öffentlichkeit gewirkt.
Hier haben sie erfahren, wie gut es tut, zusammen in einem Boot zu sitzen, und haben gemerkt: Gott ist bei uns, in unserem Boot.

Diese beiden Erfahrung wünsche ich uns allen: wenn die Wellen hochschlagen und unser Lebensschiff hinaustreiben aufs raue Meer, dass wir da einen Halt finden. In Worten aus der Bibel, die uns einfallen und eine Hilfe sein können, durch Freund_inne, die für uns da sind, oder wenn jemand einfach nur zuhört.
Und dass wir als Gemeinden und immer wieder neu aufbrechen, unterwegs mit anderen und für andere. Dass wir ein Rettungsboot sind für Menschen, die stranden, ein Schiff, das Flagge zeigt auf dem Meer der Zeit, damit Menschen entdecken können: Gott ist da.

Lied: Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit

Predigt am 2.2.2003 ( 4. Sonntag nach Epiphanias) über Markus 4, 35-41

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