Familiengottesdienst mit Pyramide

Die Postkutsche aus Berlin hatte kaum angehalten, da flog die Tür schon mit Schwung auf und ein Mädchen hopste heraus. Fast wäre Luise in einer riesigen Schneewehe gelandet. Aber ihr Vater erwartete sie schon mit ausgebreiteten Armen: Willkommen daheim im verschneiten Erzgebirge. Luise plapperte sofort los und hörte erst an der Haustür auf. „Der Weihnachtsmarkt in Berlin! Die Bescherung am Heiligabend! Und das Schönste habe ich euch aufgemalt.“ Aus ihrer Manteltasche zog sie ein zusammengefaltetes Blatt und streckte es ihrer Mutter entgegen. Die schaute sich die Zeichnung aufmerksam an und murmelte dann: Das wird ein Lichtergestell sein. Ich habe davon gehört. Richtig, jubelte Luise. Auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin werden sie verkauft. Und zu Heiligabend brennen daran richtige Kerzen.
Vier Holzstäbe waren oben zusammengebunden und mit Zweigen umwickelt. Daran war allerlei Glitzer befestigt und Kerzen. Luise hüpfte mit dem Bild in der Küche hin und her. Bitte, schenkt mir nächstes Weihnachten auch so ein Lichtergestell, eine Perjamide.

Am Abend zündeten die Eltern eine Rüböl-Lampe an und berieten sich leise miteinander. Die Tannenzweige nadeln bestimmt, fand die Mutter. Könnten wir nicht etwas Stabileres bauen, das mehrere Jahre hält? Im Spreewald stellen sie Figuren in solche Gestelle, erzählte der Vater, sogar auf mehreren Etagen. Noch schöner wäre es, träumte die Mutter, wenn es sich bewegt. In den Bergwerken drehen sich bei uns doch auch so viele Gestänge und Räder. So etwas in klein …

Wie viele Erzgebirgler tüftelte auch Luises Vater gerne. Ein Pferdegöpel brachte ihm schließlich die entscheidende Idee. Eine Stange in der Mitte dreht sich im Kreis. Aber nicht Pferde laufen im Kreis, sondern die Wärme der Kerzen setzt ein Flügelrad in Bewegung. Den ganzen Sommer lang sägte, drehte, leimte und schnitzte der Vater. An den Adventsabenden dekorierten die Eltern das Kunstwerk schließlich weihnachtlich. Maria und Josef, die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland. Am Ende bauten sie einen Spielzeugzaun darum. Dort hinein setzten sie bemalte Holztiere und Bäumchen.

Am Heiligabend drehte sich in einem einfachen erzgebirgischen Haus die erste Weihnachtspyramide der Welt. Luise konnte sich gar nicht sattsehen. Das Flügelrad zauberte Licht und Schatten auf die Zimmerdecke. Auch die niedlichen Tiere und Bäume, die um den Fuß der Pyramide aufgestellt waren, hatten es ihr angetan. Das ist ein richtiger kleiner Paradiesgarten, schwärmte sie.

Liebe Kinder, liebe Erwachsene, so ähnlich könnten unsere Pyramiden entstanden sein. Lichtergestelle waren im 18. und 19. Jahrhundert in Berlin und im Spreewald verbreitet. Im Erzgebirge tauchen vor vielleicht 200 Jahren die ersten Pyramiden auf. Lange noch standen sie in Paradiesgärten. Als Kerzen billiger wurden, weil sie nicht mehr aus teurem Wachs hergestellt wurden, trat die Pyramide ihren Siegeszug durch Deutschland und in die Welt an.

In diesem Jahr steht auch in unserer Kirche eine Pyramide. Sie hat elektrische Kerzen. Unten sind Maria, Josef und das Jesuskind zu sehen, darüber Hirten, Schafe und Weise. Die Pyramide  wurde von Bewohner*innen eines Wohnheims gebaut. Einige sitzen heute mit im Gottesdienst. Wir freuen uns und bedanken uns herzlich.

Kurzpredigt
Wer hat zu Hause eine Pyramide? Und wer hat eine Pyramide mit richtigen Kerzen?
In unserer Pyramide können wir Maria, Josef und das Baby Jesus sehen, darüber Hirten und Weise. Immer wieder laufen die Figuren an uns vorbei. Die Pyramide erzählt uns, warum wir Weihnachten feiern. Ein Kind ist geboren, und um dieses Kind, um diese Geschichte dreht sich alles.

In manchen Familien gibt es Streß, weil alle besucht werden müssen. Für viele geht es zu Weihnachten nur um Geschenke. Bekomme ich das Neuste, das Schönste, das, worauf andere neidisch sind. Bei Erwachsenen dreht sich manchmal alles um das Geld. Oder sie möchten Karriere machen oder alle übertrumpfen.

Die Pyramide kann uns daran erinnern, was wesentlich ist zu Weihnachten und im Leben. Im Mittelpunkt steht ein Kind. Es geht um Menschen, nicht um Gewinn, um Wettbewerb, um Wirtschaftswachstum oder die neuesten technischen Spielereien. Die Weihnachtsgeschichte lenkt unseren Blick auf die Menschen. Eine Familie sucht ein Dach über dem Kopf. So geht es vielen Familien auf der Erde. Sie sind arm oder auf der Flucht. Sie sind unterwegs und hoffen, daß es ein Bethlehem für sie gibt, in dem sie unterschlüpfen können und sicher sind.

Wenn wir auf eine Pyramide schauen, kommen die Gedanken zur Ruhe. Licht und Schatten wechseln sich ab. So ist es ja im Leben: es gibt auch viel Schatten. Nur: die Schatten sehen wir oft nicht. Von außen sehen wir eine schöne Wohnung oder das neue Spielzeug. Daß hinter der Wohnungstür aber Gewalt wohnt, daß Eltern trinken, daß Schulden und Streit das Leben vergiften, fällt von außen niemandem auf. Manche stehen ihr ganzes Leben lang im Schatten. Niemand beachtet sie. Nur Gott sieht ihr Leid.

Die Pyramide wirft Licht in die Schatten. Sie bringt ein wenig Glanz in unsere Wohnstuben. Wenn die Kerzen leuchten, vergessen wir für einen Moment den Alltag. Wir träumen von Weihnachten. Davon, daß wir uns freuen. Wir sehnen uns danach, daß alles gut wird.  Das Kind wird geboren. Die Familie kommt in Betlehem an. In dem jämmerlichen  Stall singen Engel. Und Gott kommt bis in unsere Straße.

Andere Predigten in der Advents- und Weihnachtszeit: hier

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