1917: Glocken für den Krieg

Wenn abends um sechs die Glocken läuteten, mussten wir heimkommen, erzählte mir eine alte Frau. Und wenn es nachmittags läutete, wussten wir: auf dem Friedhof wird jemand beerdigt. Glocken begleiten das Leben vieler Menschen. Wenn sie zur Taufe und zur Konfirmation, zur Hochzeit und am Grab läuten, teilen sie die schönen und die schweren Stunden einer einzelnen Familie dem ganzen Dorf oder der ganzen Stadt mit. Und umgekehrt nehmen sie die einzelnen in das hinein, was die Allgemeinheit betrifft, Frieden und Krieg, Feuer, Gefahr und Befreiung. Weiterlesen

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Goldene Konfirmation 2017: Keine 68er

Unter den Talaren ein Muff von tausend Jahren. Vor einem halben Jahrhundert schickten sich junge Leute an, unser Land gründlich durchzuwirbeln. Sie hatten genug davon, wie zuhause, an den Universitäten und in den Ministerien geschwiegen wurde über die Zeit vor 1945. Sie wehrten sich gegen autoritäre Erziehung und hatten genug von Kriegen in Vietnam und anderswo. Sie mahnten  Solidarität  mit den Ländern des Südens an. Sie flochten sich Blumen ins Haar, hörten Beatles. Weiterlesen

Syrien-Rundschau

Rekordverschuldung: 10.000 Talente! Land bankrott. Drohen nun Praktiken wie in Alexandria?
Solche Sorgen haben Gemeindemitglieder umgetrieben, an die das Matthäusevangelium gerichtet war. Die Bibelwoche 2017 beschäftigt sich mit dem Matthäusevangelium. Die fiktive „Syrien-Rundschau“ wirft einen Blick auf die sozialgeschichtlichen Hintergründe. Weiterlesen

Der schwarze Engel

Der Engel war schwarz. Ein schwarzes kleines Kind, vielleicht zwei Jahre alt. Sie begegnete ihm, als sie 27 war. Und das kam so: Bärbel – so heißt sie – war damals eine junge Lehrerin, engagiert für Entwicklungshilfe, und wollte Afrika mit eigenen Augen sehen. In Ghana besichtigte die Gruppe Hilfsprojekte. Vor einer Krankenstation warteten die Menschen in langen Schlangen. „Da saß auch ein Kind mit dick aufgeblähtem Bauch, ausfallenden rötlichen Haaren, in seiner eigenen Pfütze.“ Als es die weißen Leute sah, begann es zu weinen. Es litt an Unterernährung und Eiweißmangel. Es wird wohl kaum überleben, erklärte die Krankenschwester den Gästen, so sieht Ungerechtigkeit aus. * Weiterlesen

Der Heiden Heiland – Liedpredigt im Reformationsjahr

Gerade einmal 30 Jahre war es her, dass Christoph Kolumbus weit im Westen des Atlantiks auf Land gestoßen war: Amerika. Seit 1492 segelten Schiffe über die Meere. Dort lebten die Indianer, die Wilden, die Heiden, und Europa glaubte, sie „entdeckt“ zu haben – auch wenn  die Menschen dort schon lange wohnten und es gar nicht nötig hatten, „entdeckt“ zu werden.
Die Eroberung Amerikas bedeutete auch den Beginn der sogenannten Heidenmission. Damit begann zugleich eine beispiellose Geschichte voller Gewalt, Blut und Tränen. Völker wurden versklavt, ihre Kulturen zerstört, ihr Eigentum ausgebeutet und ausgeplündert.
Von sagenhaften Reichtümern drang die Kunde über den Atlantik, von Goldschätzen, von einem wahren El Dorado, als Luther 1524 sein Lied schrieb. Oder besser gesagt aus dem Lateinischen übersetzte.

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Jutta verläßt die Familie

Hier in der Ulrichkirche fing alles an mit Jutta von Sangerhausen. 800 Jahre ist das jetzt her. Ich stelle mir vor, wie die Kirche damals aussah. 100 Jahre stand sie ja schon. Die mächtigen Mauern überragten die Holzhütten und Lehmhäuser, aus denen Sangerhausen damals bestand. Dicke steinerne Mauern hatten Bestand für die Ewigkeit. Sie versprachen den Menschen Schutz und Stärke in Zeiten, in denen ein Funke leicht die strohernen Dächer wie Zunder entflammen und die ganze Stadt in Schutt und Asche legen konnte. Weiterlesen

Ein mutiger Sklave unterwandert das Finanzsystem

Predigt zu Matthäus 25,14-30 („Die anvertrauten Talente“) *
In dieser Beispielgeschichte hören wir bei den „Talenten“ im Hinterkopf vor allem „Fähigkeiten“. Du hast ein Talent. Wir verstehen es sofort im übertragenen Sinne.  Doch die Leute, denen Jesus diese Geschichte ursprünglich erzählt hat, wußten, was ein Talent wirklich ist: ein riesiger Barren Silber, so viel, wie ein Mensch gerade noch tragen kann, 30 bis 40 Kilogramm. Ein Talent, das sind  17 Jahreseinkommen einer armen Familie (á 350 Denare). Und die 8 Talente eines Investors, die investiert werden, entsprechen 140 bis 160 Jahreseinkommen. Wenn eine Familie an der Armutsgrenze heute 20.000 Euro zur Verfügung hat, entspräche das 2,8 Millionen Euro. **
Der Sklavenbesitzer verfügt über weit mehr. Denn er braucht diese 8 Talente nicht für den laufenden Betrieb, sondern hat sie zusätzlich zur freien Verfügung und kann sie  investieren, ohne seine sonstigen Geschäfte zu beeinträchtigen. Solche Vermögen lassen sich nicht mit eigener Hände Arbeit aufbauen.  Das ist auch heute so. Geld gebiert Geld. Der größte Gewinn wird heute nicht durch Produktion erwirtschaftet, sondern durch Kapital selbst. Geld wird angelegt und verzinst und wird als Aktien an den Börsen durch die Welt geschoben. Weiterlesen