Berufung

Jesus beruft Matthäus. * Wie können Menschen heute ihre Berufung entdecken? Wie können sie den richtigen Weg für sich selbst finden? Wir bekommen das nicht beigebracht. Die meisten lernen im Gegenteil von klein auf, dass sie sich an anderen orientieren sollen. Schon im Kindergarten wird den Kindern gesagt: hör auf die Erzieherin, die Tante, die Erwachsenen. In der Schule sollen sie lernen, sich an den Lehrer:innen zu orientieren oder an Kindern, die „besser“ sind. Jugendliche sollen sich Vorbilder suchen. Immer andere. Sie sollen lernen, so zu werden und es so zu machen wie andere. Ihnen wird versprochen: Wenn du dich wirklich anstrengst, schaffst du es auch. Du musst nur richtig wollen. Bei den anderen klappt es ja auch. Also reiß dich zusammen. Sei konsequent. Dann wirst du Erfolg haben.
Doch sind sie das wirklich? Wer bringt ihnen bei, sie selbst zu sein? Wer lehrt sie darauf zu hören, was in ihnen steckt? In jedem Leben ist etwas eingezeichnet. Welche Fähigkeiten stecken in mir? Was kommt mir aus dem Herzen, was ist mir ein Anliegen? Unsere Stärken können ein Schlüssel sein. Sie können uns etwas erzählen über unsere unverwechselbare Aufgabe, über die Richtung  in unserem Leben. Manche wissen einfach deshalb nicht, was ihre größte Stärke ist, weil sie ihnen so selbstverständlich erscheint.

Aber auch unsere Grenzen sind wichtig. Viele Menschen verschwenden ihre Kräfte an dem, was sie überfordert. Was kann ich nicht, worin bin ich hilflos, wo reibe ich meine Kräfte regelmäßig sinnlos auf und brenne aus? Vielleicht ist das ein Signal, solche Situationen, Aufgaben oder Positionen zu vermeiden. Stattdessen können wir uns auf das konzentrieren, was uns gut gelingt. Womit ich selbst ungeschickt bin, das können andere oftmals besser, weil da ihre Stärken liegen.  Es führt weiter, wenn alle mit ihren Gaben wuchern und sie zum Leuchten bringen.

Komm und folge mir nach, sagt Jesus zu Matthäus. Matthäus erfährt seine Berufung. Drei Dinge fallen mir auf:
1. Es scheint wie selbstverständlich, als ob er nur darauf gewartet hätte: „Matthäus stand auf und folgte Jesus“, heißt es im nächsten Satz. Manchmal tut sich eine Tür auf im Leben. Es fällt wie Schuppen von den Augen. Was vorher im Dunkeln lag, ist auf einmal klar. Alles fügt sich wie selbstverständlich. Wie ein Fingerzeig kann das sein.
2. Matthäus der Zöllner war Jude im Dienste der Römer. Er war ein Vertreter der Besatzer gegenüber den Unterdrückten, seinen eigenen Landsleuten. Er musste jährlich eine Festsumme an die römische Obrigkeit abführen. Das musste natürlich wieder hereinkommen, durch überhöhten Zoll und ungleiche Preise. Matthäus war Teil eines Systems von Ausbeutung und Korruption. Er hat also ziemlich gespalten gelebt. Hat er schon lange unter diesem Zwiespalt gelitten? Oder wurde es ihm schlagartig klar, als Jesus ihn angesprochen hat? Jedenfalls: Jesus ruft ihn heraus aus der Entfremdung. Matthäus kann die Chance ergreifen, dass er echt und authentisch wird. Er kann endlich er selbst sein. Berufung – das bürdet Menschen nicht etwas auf, was sie überfordert. Sondern sie hilft ihnen, dass sie das leben können, worin sie selbst sein können, eins mit sich.
3. Jesus sitzt, sehr zum Missfallen der Strenggläubigen, mit Zöllnern und Sünder:innen am Tisch, und er verteidigt das auch. Das heißt, Jesus hat seinen Platz – mindestens auch – draußen. Er sitzt bei denen, die angeblich nicht glauben oder nicht „richtig“ glauben. Mit Enge und Kleingeistigkeit machen Menschen sich und anderen das Leben schwer. Berufung weitet den Horizont und lockt nach draußen. Sie ist eine Chance und sorgt für frischen Wind.
In jedes Leben ist etwas Besonderes hineingelegt. Wenn wir unsere Fähigkeit schulen, es zu sehen, zu hören, zu erspüren, kann es sein, dass Gott zu uns spricht.

Predigt zu Septuagesimae über Matthäus 9,9-13
Andere Predigt  zu Septuagesimae über 1. Korinther 9,24-27: Paulus rennt. Schöne neue Fitnesswelt
Andere Predigt zu Septuagesimae über Mt 20,1-16  Zeitarbeiter und Grundeinkommen – die Arbeiter im Weinberg
Andere Predigten in der Passionszeit und Vorpassionszeit
Zu den Predigten im Jahreslauf

*Matthäus 9,9-13
Als Jesus von Kafarnaum aus weiterging, sah er einen Menschen beim Zoll sitzen, der hieß Matthäus. Jesus sagt zu ihm: »Folge mir!« Und Matthäus stand auf und folgte Jesus. Und nun geschah es, als Jesus im Haus zu Tisch lag, seht, da kamen viele, die sich als Zollbedienstete bereichert, und viele, die Unrecht getan hatten. Sie kamen, um mit Jesus und seinen Jüngerinnen und Jüngern zusammen zu essen. Das sahen einige aus der pharisäischen Bewegung und sagten zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Warum isst euer Lehrer mit Leuten, die betrügen und Unrecht tun?« Jesus hörte es aber und sagte: »Nicht die Gesunden brauchen ärztliche Hilfe, sondern die Kranken! Geht nun weiter und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): Erbarmen möchte ich, kein Opfer. Denn ich kam nicht, um die zu berufen, die gerecht handeln, sondern die, die Unrecht tun.«  BigS

 

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