Unserer Berufung folgen

Eltern sollen sich frühzeitig um die Karriere ihrer Kinder kümmern. Schon in der Grundschule, ja im Kindergarten müssen die Weichen gestellt werden, bei den Fächern, die sie belegen, bei den Arbeitsgemeinschaften. Wenn später in der Schule Praktika anstehen, sollen die Jugendlichen schon in Betracht ziehen, wie diese sich günstig in der späteren Berufsbiographie ausnehmen. Und dann heißt es: zielgerichtet Baustein zu Baustein fügen. Umwege, Zeit zum Suchen und Fragen, Verzögerungen – das alles ist verlorene Zeit. Später ist wichtig, was am Ende des Monats auf dem Konto landet. Das Leben will in Angriff genommen werden – Augen zu und durch! Nach dieser Maxime leben viele Leute lange, gut und unbeschwert. Statt oder zusätzlich zu „Karriere“ könnten stehen: Geld, Haus, Freundin  oder Freund, Auto, Urlaubsreisen… Natürlich habe ich etwas karikiert.

Manchmal merken Leute, dass sie gar nicht mehr sie selbst sind und dass sie nur gelebt werden. Manchmal steigen sie aus. In der DDR waren das zuweilen sogar Kinder von Funktionären. Statt brav das Parteiabzeichen zu tragen, sind sie in die Kirche gekommen. Das gab natürlich Ärger. Aber sie fanden es ehrlicher.
So gibt es zu allen Zeiten Leute, die ihre eigenen Wege suchen und gehen. Doch was heißt ihre eigenen Wege?

Wir haben eben von Jeremia gehört. Gott hat etwas vor mit ihm. Gott hat ihn berufen. Aber er will nicht. Er fürchtet sich. Seine Worte sind bewegend: „Ich bin noch so jung.“ Wie soll er da als Prophet auftreten? Er hat ja keine Erfahrung. Und werden sie ihn akzeptieren? Die Aufgabe scheint ihm viele Nummern zu groß für ihn. Und trotzdem ist es die Aufgabe seines Lebens. Es ist die innere Berufung, die seinem Leben eingezeichnet ist.

Die Bibel erzählt immer wieder von Leuten, die sich ihrer Lebensaufgabe nicht stellen wollen, die ihrem Ruf, ihrer Berufung ausweichen möchten. Mir fallen interessanterweise ausschließlich Männer ein. Mose soll das Volk Israel aus Ägypten führen und zum Pharao gehen. Er hat Angst: Ich kann nicht reden. Jona soll nach Ninive und die Leute bewegen, ihren Lebensstil zu ändern. Er nimmt ein Schiff – in die entgegengesetzte Richtung. In anderer Weise geht es auch dem Propheten Elia so – wir sehen ihn in der Vitrine mit den Erzählfiguren. Er hat sich für Gott aufgerieben. Er hat sich selbst mit dem Königspaar angelegt. Nun ist er ausgebrannt, er hat resigniert und will sterben. Er geht in die Wüste – in den sicheren Tod. Dort findet der Engel ihn, bringt Brot und Wasser, Stärkung für Leib und Seele.

Während Karriere zu machen ziemlich attraktiv ist, scheint es weniger einfach, die eigene oder eine neue Lebensaufgabe anzugehen. Oder da ist ein Bruch, der jemanden aus der Bahn wirft. Oder ein Konflikt. Der schöne gerade Weg nach vorne oder nach oben – es kann sein, dass es da nicht mehr weitergeht. Plötzlich wird alles anders, das Gewohnte fremd, das Selbstverständliche fraglich. Der Blick verschiebt sich.
Eine Lebensaufgabe annehmen heißt, sich auf Veränderungen einzulassen, vor unbekannten Schwierigkeiten stehen, mit Neuem fertig werden. Manche Menschen sagen, dass Herausforderungen sie reizen. Andere scheuen davor eher zurück. Der gewohnte Trott mag zwar manchmal langweilig und lästig sein, aber er ist uns wenigstens vertraut.

Das war auch bei Jeremia, Mose, Jona und Elia nicht anders. Wir kennen sie als wichtige Gestalten, als Propheten, sie haben in der Bibel sozusagen Karriere gemacht. Aber am Anfang wollten sie alle nicht. Sie haben gezögert und sich gewehrt. Doch sie haben sich auf ihren Ruf eingelassen. Sie haben Mut aufgebraucht. So hat ihr Leben Gesicht bekommen. Dadurch sind sie unverwechselbar geworden, Menschen, die in ihrer Zeit zu Gottes Stimme wurden.
Sie haben das Wort mit ihrem Mund ausgesprochen, sie haben sich getraut, das nach außen zu zeigen, was Gott in sie hineingelegt hat. Das ist Gabe und Aufgabe zugleich. Diese Gabe haben sie nicht verkümmern lassen oder versteckt – aus Angst, dass sie abgelehnt werden. Das ist ja auch unsere Angst. Wir möchten gerne, dass die anderen uns zustimmen. Oder wenigstens nicht widersprechen. Manche – und das sind oft nicht die Lautesten, sondern die Feinsten und die Besten – manche sind lieber still und behalten für sich, was in ihnen steckt. Dabei gibt gerade das unserem Leben Profil und macht uns unverwechselbar.

Tief in uns hat Gott etwas Besonderes angelegt. Wir alle haben eine besondere Gabe, eine besondere Lebensaufgabe, ein besonderes Talent. Oder sogar mehrere. Was ist das, was in uns schlummert? Kennen wir es? Oder verwechseln wir es mit dem, was wir uns wünschen zu sein, zu können, zu denken, zu glauben? Verwirklichen wir es – oder laufen wir davon, weil es uns weniger eine Gabe zu sein scheint als vielmehr eine Last? Verstecken wir es, weil wir uns dessen schämen und weil wir für so unüblich, so ungewöhnlich halten, was wir denken und was uns bewegt?

Was ist mein Ruf, Berufung, Vision, Gabe? Jeremia, Mose, Jona, Elia wussten es. Gott selbst hat es ihnen gesagt. Aber sie sind anfangs davor davongelaufen, weil es ihnen gar nicht so einfach erschien.
Ist das bei uns auch so, dass wir es im Grunde wissen und doch ganz weit wegschieben? Nehmen wir die Stimme wahr, die in unserm Leben spricht? Von Kindesbeinen an wird uns beigebracht, dass wir nicht in uns hineinhören, sondern auf andere hören sollen: auf die Eltern, die Kindergärtnerinnen, die Lehrer, die Kirche. Wir sollen uns daran orientieren, was die Leute so sagen. Wir sind gewöhnt, auf andere zu hören und sie als Autoritäten zu nehmen.

Aber wollen, können wir uns wirklich von anderen sagen lassen, worum es in unserem Leben geht? Sollen wir nicht eher anfangen, die Zeichen wahrzunehmen, die in unserem Leben schon verborgen sind? Kann es sein, dass hinter unserer größten Stärke, hinter unserer größten Herausforderung / Last und hinter unserer größten Angst Gott selbst wartet – mit dem, was unsere Gabe und Aufgabe ist?

Natürlich sind Leute, die in solcher inneren Freiheit leben, zu allen Zeiten auf Widerstände gestoßen, waren umstritten, wurden ausgebremst, mussten leiden. Doch die Welt lebt von Menschen, die authentisch sind. Erneuerung und Veränderung sind niemals von denen gekommen, die nacherzählen oder nachbeten, was alle dahersagen. Wirklich vorangekommen ist eine Gesellschaft, eine Gruppe immer dann, wenn Menschen dem gefolgt sind, was sie sind und denken – und klug dran waren Gemeinschaften, die Leuten mit Ideen und Persönlichkeit Raum geben.

Was Jeremia erlebt hat, gehört nicht in eine ferne Zeit. Das gilt für uns heute: Gottes Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich (zum Propheten für die Völker) – und hier kommen wir ins Spiel… Amen.

Predigt am 13.8.2006 (9. Sonntag nach Trinitatis) zu Jeremia 1, 4-10

 

4 Gottes Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Gott, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Gott sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten. 9 Und Gott streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

 

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