Das Licht der Reichen – die im Dunkeln sieht man nicht.

Packen Sie unbedingt eine Taschenlampe ein, heißt es, wenn man nach Sri Lanka fährt, jener Insel südlich von Indien, die früher Ceylon hieß und wo heute noch unser Tee herkommt. Abends zwischen 8 und 10 ist hier meistens Stromsperre. Schon beim ersten Abendbrot im Hotel wurde es zappenduster. Die Cleveren hatten natürlich ihre Taschenlampe parat. Aber auch die Kellner waren auf den abendlichen Stromausfall eingestellt. Wenige Augenblicke später standen Petroleumlampen und Kerzen auf den Tischen, es wurde richtig stimmungsvoll und festlich. Aber schon 5 Minuten später flackerte das Licht. Die Lampen gingen wieder an. Der Zauber war zu Ende, der Strom wieder da.

Freilich nur im Hotel. In den Häusern ringsum blieb es dunkel. Das Hotel hatte ein eigenes Stromaggregat. Solchen Luxus können sich die meisten Leute in Sri Lanka nicht leisten. Sie sitzen dann im Finstern, und das fast jeden Abend. Wenn man aus dem Fenster schaut, leuchten nur wenige helle Punkte im Stockdustern. Am Licht kann man dann genau sehen, wo in einem Ort die Grenze zwischen Arm und Reich verläuft.    Bertolt Brecht hat in der Dreigroschenoper gesagt:
Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.

Genau so war es dort. Die im Dunkeln sieht man nicht. Ihre Häuser bleiben finster, ganze Straßenzüge, ganze Stadtviertel. Das Licht ist das Licht der Reichen und der Hotels mit ausländischen Touristen.

Heute abend zünden wir bei uns die Kerzen an. Wir feiern die Geburt Jesu, jenes Kindes, von dem schon damals viele gesagt haben: es ist das Licht der Welt.
Licht der Welt – wenn ich an die Menschen denke, wo unser Tee herkommt oder wo der Pfeffer wächst, ahne ich, was das bedeutet: dass es hell wird in den Vierteln der Armen, damit auch die im Dunkeln Zugang zu Strom haben, zu sauberem Wasser und zu Gesundheitsversorgung. Licht der Welt – Brot für die Welt – dafür sammeln wir ja heute auch.

Die im Dunkel sieht man nicht. Wir leben auf der andren Seite, der dauerbeleuchteten, blinkenden, buntflimmernden, schillernden, laserbestrahlten. Vor lauter Helligkeit vermögen wir nachts nicht einmal mehr die Sterne richtig zu erkennen. Nur manchmal, im Urlaub, erleben wir, dass sich der klare Himmel über uns wölbt. Dann ahnen wir, dass wir zu satt, zu reich, zu abgefüttert, zu laut sind und wie weit wir uns von unseren Ursprüngen, unserer Natur entfernt haben.
In solchen Momenten ahnen wir etwas vom Dunkel, von der Stille, von den Dimensionen unseres Daseins, die wir vergessen, überhört, übertönt haben. und die doch da sind.
Ohne Dunkel keine Helligkeit. Nur wo es dunkel ist, kann ein Lichtstrahl überhaupt bemerkt werden. Und je tiefer die Finsternis, umso heller erscheint uns jeder Leuchtpunkt. Hunderte Meter weit kann dann ein Streichholz noch zu sehen sein. Wo es selbstverständlich ist, dass es hell ist, brauchen wir kein Licht. Wir würden nicht einmal bemerken, dass es fehlt. Nach Licht sehnen wir uns nur, erst, wenn es dunkel ist.

So war es schon damals, als dieses Kind geboren wurde. Es sind zuerst die gekommen, die selbst auf der Schattenseite standen. Weil sie das Dunkel nur zu gut kannten, war das Kind für sie ein Hoffnungsschimmer.

Die ersten waren die Hirten – Leute, die fremder Menschen Herden und Besitz hüten, weil sie nichts eigenes haben. Hirten müssen draußen sein in Nacht und Kälte, müssen auf dem Feld bleiben, fernab der Behausungen, die Schutz und Heimat bieten, wo sich das abspielt, was wir Leben nennen, Trubel, Freude, Gemeinschaft. Wer je erlebt hat, was es heißt, draußen zu stehen, out zu sein, abgeschrieben, wird ermessen, was Licht, Wärme und Geborgenheit bedeuten. In der Krippe haben die Hirten das gefunden, was sonst an ihnen vorbeilief: das Leben.
Die Hirten besaßen nichts eigenes. Die Herden gehörten anderen. Was sie taten, das Hüten, kam anderen zugute, nicht ihnen selbst – so wenig wie den Frauen in Fernost, die unsere Markenturnschuhe zusammennähen oder was wir sonst so brauchen. Also ein entfremdetes Dasein.

Wer je vor der Situation gestanden hat, nichts zu haben – oder nichts mehr zu haben, nichts Eigenes – , wem je im Leben etwas zerbrochen, abhandengekommen ist, wird die Freude begreifen, mit der die Hirten etwas Lebendiges gefunden haben: ein Kind, ein neues Leben, das da ist, einfach so.    Das Kind ist etwas Ursprüngliches. Ein Neugeborenes ist nicht von Entfemdung gezeichnet, sondern ganz und gar bei sich selbst. Es ist einfach da, so wie Gott einfach da ist für uns. In diesem Kind ist Gott da – mitten in der Nacht. Indem die Hirten dieses Kind, indem sie Gott finden, finden sie zu ihren Ursprüngen zurück. Sie haben das Licht gesehen. Das verwandelt sie. Sie kehren als frohe Menschen heim, als Leute, die sich wieder freuen können. Sie nehmen etwas von dem Licht mit. Sie priesen und lobten Gott, wie es in der Weihnachtsgeschichte steht.

Die im Dunkeln sieht man nicht. Vom Hellen ins Finstere sieht niemand etwas. Da sind wir wie blind, auch im übertragenen Sinne. Deshalb möchten wir ja lieber hinwegsehen über die Schattenseiten auf dieser Erde und über die Schattenseiten in unserem Leben und in unseren Beziehungen. Weihnachten lädt uns ein, die Seite zu wechseln und die Perspektive. Gott selbst wechselt ja die Seiten und kommt zu uns, kommt in die Nacht hinein. Er lädt uns ein, dass wir dazutreten.

Wenn auch wir die Richtung wechseln und vom Dunkeln her Ausschau halten, können wir den Strahl sehen. Das hilft, die Schatten auszuhalten, auch die Schatten in uns, die uns traurig machen und zerbrechen lassen. Denn das Licht ist ja da und kann uns Hoffnung und Richtung geben. Wenn es auf uns fällt und wir es reflektieren, wird es heller in der Welt.Dann sieht man auch die, die im Dunkeln sind – selbst da, wo unser Tee herkommt oder wo der Pfeffer wächst.

Weihnachtsfenster von Wilhelm Schmied
Weihnachtsfenster von Wilhelm Schmied

Heiligabendpredigt 2002

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