Die suchende Frau – Predigt zur Goldenen Konfirmation über Lukas 15

Wie zeitaufwändig ist es doch, wenn man oder frau nach dem Schlüssel sucht oder das Portemonnaie nicht findet oder die Brille verlegt hat. Da guckt man hier und sieht dort nach, kramt in Tasche, wühlt in Schränken, bis sich das Verlorene wieder anfindet – welch ein Glück! Wir alle verbrauchen einen Teil unserer Zeit zum Suchen, der eine mehr, die andere weniger. Wir verbrauchen Zeit dafür. Suchen gehört zu unserem Leben dazu, es ist ein Teil unseres Lebens. Dabei ist es keineswegs etwa nur ein Zeichen von schlechter Ordnung oder von nachlassendem Gedächtnis. Denn wir suchen ja nicht nur nach mehr oder weniger wichtigen Gegenständen, sondern noch nach sehr viel mehr. Wir suchen in unserem Gedächtnis nach Dingen, die verschütt gegangen sind und die wir vergessen haben. Wir suchen in unseren Gedanken nach Menschen, die uns etwas bedeutet haben und deren Weg wir aus den Augen verloren haben. Wir suchen einen echten Freund, eine treue Freundin. Wir suchen nach dem richtigen Weg durch das Leben und ringen um die richtigen Entscheidungen. Wir befinden uns auf der Suche nach dem Sinn von Sein und Zeit, nach dem Sinn von unserem Sein und unserer Zeit. Wir sind auf der Suche nach Gott. Und dieses Suchen gehört zu jedem Leben dazu, ob jung, ob alt, ob hier oder in einem weit entfernten Land. Es ist nicht nur eine lästige Angelegenheit, die uns Lebens-Zeit, Leben raubt, sondern es ist Teil unseres Wesens, Teil unseres Menschseins, unserer Existenz. Wir sind Suchende. Und so sollte es weniger Anlass zum Kopfschütteln geben, wenn jemand ständig etwas sucht, als wenn es Menschen gibt, die nie etwas verlieren, nie suchen müssen.
Jesus erzählt uns dazu eine Geschichte, die Geschichte einer namenlosen Frau. Namenlos vielleicht, weil sie für viele, für unzählige stehen soll. Einen Silbergroschen hat sie verloren, einen von zehn, und das ist für damalige Verhältnisse schon sehr viel. Im übrigen ist es erstaunlich, dass sie überhaupt Geld besitzt. Denn das Geld hatten und verwalteten die Männer, damals jedenfalls. Zehn Silbergroschen, das ist ein Schatz, vielleicht Teil ihres Brautschatzes, ihrer Aussteuer. Jedenfalls besitzt sie etwas Ungewöhnliches, für sie sehr Kostbares. Das ist wichtig: Sie hat etwas. Sie hat etwas sehr Wertvolles im Leben. Sie hat einen Schatz, der ihr mitgegeben ist, eine Gabe, die ihre eigene ist und die sie verwaltet.
Was gibt es für Schätze in unserem Leben? Was sind die Gaben, mit denen wir ausgestattet sind und die wir verwalten? Es ist doch so, dass jeder Mensch eine Mitgift besitzt wie diese Frau, Gaben, die wir mitbekommen haben auf unserem Lebensweg. Fähigkeiten, Talente, einen Schatz von Menschlichkeit aus Gottes Güte. Diese Gaben, Be-Gabungen, das heißt doch nicht nur, dass jemand etwa besonders klug ist. Sondern vielleicht kann die eine besonders schön lachen und der anderen sitzt die Zunge locker für einen Witz. Das kann sein die Gabe der Menschenfreundlichkeit oder der Beharrlichkeit oder der Geduld oder des Zuhören- und Tröstenkönnens. So viele Gaben. Also: Was sind die Gaben, mit denen wir, jede, jeder einzelne, ausgestattet sind? Und haben wir nicht allen Grund, uns darauf zu besinnen, wie reich ausgestattet wir eigentlich sind; haben wir nicht auch Grund, dankbar zu sein, dass das für alle Menschen gilt? Dass jede, jeder von uns mit Gaben versehen, also be-gabt ist? Was ist geworden mit diesem unserem Schatz im Laufe unseres bisherigen Lebens? Was haben wir daraus gemacht in zwanzig, fünfzig oder mehr Jahren?
Der Frau in unserer Geschichte ist etwas verlorengegangen. Verschüttgegangen. Im Laufe der Zeit, im Laufe eines Lebens kann ja so manches abhanden kommen. Da können Fähigkeiten verschüttgehen, ein unwiderstehliches Lachen kann verstummen, die Unbeschwertheit. Wir können die Spuren eines Menschen aus den Augen verlieren, ja wir können einen Menschen ganz verlieren. Wir können die Orientierung verlieren auf den Wegen durch die Zeit. Manchmal kann auch der Sinn abhanden kommen, der Sinn unseres eigenen Daseins, und wir verlieren uns selbst.
So etwas kennen Sie vielleicht auch aus ihrem Leben. Die Frau in unserer Geschichte merkt, dass ihr etwas fehlt. Das ist ganz wichtig. Denn das gibt es ja auch: dass Menschen gar nicht merken oder merken wollen, dass ihnen etwas Wesentliches verlorengegangen ist in ihrem Leben. Diese Frau aber bemerkt den Verlust. Und sie wird aktiv. Sie begibt sich auf die Suche. Und sie sucht mit allen Fasern ihres Selbst. Sie geht in ihr Haus, geht in sich selbst. Ihr ganzes Haus kehrt sie um, ihr ganzes Leben. Sie sucht nicht nur, sie i s t das Suchen.
Suchen heißt: Einkehr halten. Rückschau halten. Sich erinnern. Genau hinschauen. Genau hören. Darüber nachsinnen, welche Wege ich, welche Wege die anderen gegangen sind und welche geraden, welche verschlungenen Wege, welche Um- und Irrwege wir genommen haben. Suchen heißt: darüber nachdenken, was aus mir, was aus den anderen geworden ist. Das kann manchmal schmerzlich sein. Es tut weh zu merken: Ich habe etwas verloren. Ich habe sehr viel verloren. Manchmal ist es etwas Unwiederbringliches. Aber Suchen heißt ja auch: Ausschau halten nach dem Verlorenen. Und Suchen wartet auf das Finden. Das Suchen birgt in sich die Verheißung des Findens. Der Schmerz über das Verlorene ist nur ein Durchgang, eine Station. Am Ende wartet die Freude, die Freude des Findens.
Wenn sich zwei Menschen wiedergefunden haben. Wenn jemand eine Gabe entdeckt, die in der Ecke des Unbeachteten vor sich dahinschlummerte. Wenn der eigene Weg klar vor Augen tritt. Wenn Gott und Menschen sich wieder zusammenfinden.
Die Freude des Findens will nicht allein bleiben. Sie will geteilt, will gefeiert werden. Die Frau in unserer Geschichte ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und lädt sie ein: „Freut euch mit mir, denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren habe.“ Sie geht nicht einfach zur Tagesordnung über. Nein. Sie freut sich, dass sie, die Suchende, zur Findenden geworden ist. Sie freut sich über die Entdeckung. Sie muß feiern, denn das Verlorene ist ans Licht gekommen. Sie teilt ihre Freude mit. Und so kommt sie ans Ziel: zum Fest. Denn das ist unser aller Ziel: das Fest des Lebens. Und Gott trägt das Gesicht einer tanzenden, jubelnden Frau.
Auch wir wollen heute feiern. Wir wollen zusammen essen und trinken, nicht nur nachher bei Kaffee und Kuchen, sondern schon hier, bei Brot und Wein. Wir wollen feiern, wie es die Frau mit ihren Nachbarinnen, wie es Jesus mit seinen Freunden tat. In ihr spiegelt sich Gott wider. Wir sind auf der Suche und sollen finden. Wir sind unterwegs und dürfen das Ziel schauen. Wir wollen Brot und Wein miteinander teilhaben und an Gottes Freude teilhaben. Amen.

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