Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden?

Was wird aus diesem Kind werden? Wir geben Kindern ja nicht nur all das Gute mit, was wir haben und sind. Sondern wir bürden den Nachfolgenden auch auf, was wir an Problemen nicht bewältigt haben, unsere Schuld, unsere Schulden, unsere Altlasten. Oder? Der Prophet Hesekiel schreibt in der alttestamentlichen Lesung, die zugleich Predigttext ist:
Hesekiel 18,1-4.21-24.30-32

Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken, erzählte eine junge Frau, aber es gab einige Dinge, die wollte ich bei meinen Kindern einfach anders machen. Meine Mutter konnte damals sicher nicht anders, aber ich wollte das bei meinen Kindern nicht so wiederholen. Und dann habe ich mich eines Tages dabei ertappt, dass ich genauso reagiere wie meine Mutter damals. So, wie ich nicht wollte. Ich habe mich gefragt: Was ist eigentlich los mit mir. In der Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich mich als Kind gefühlt habe und wie das war mit meinen Eltern und mir. Es ist vieles wieder hochgekommen, auch das, was mich als Kind verletzt hat und worunter ich gelitten habe. Nicht dass ich meinen Eltern nicht dankbar wäre – aber es war einfach wichtig, dass ich mir bewusst gemacht habe, was offengeblieben ist. Ich habe das Kind in mir wiederentdeckt, das lange verloren war. Das war natürlich auch schmerzlich und hat gedauert. Doch ich habe mich dadurch besser verstehen gelernt und weiß jetzt, warum ich manchmal so reagiere bei meinen eigenen Kindern. Es sind nämlich genau die Punkte, an denen meine Mutter mich am meisten verletzt hat, auch wenn ihr das gar nicht bewusst war. Seitdem ich mir das klargemacht habe, gelingt es mir besser, in kribbeligen Situationen mit den Kindern anders umzugehen. Es passiert nicht mehr automatisch, dass ich meine eigenen alten Verwundungen einfach so an meine Kinder heute weitergebe.

 Eine Generation gibt der anderen ihre Verletzungen weiter, unbewusst, ohne dass es jemand will, ohne dass es jemand merkt. Ans Licht bringen, was da gelaufen ist, die verlorene Kinderseele wiederfinden, ihr eine Sprache geben, Wunden zum Verheilen bringen, das ist das täglich Brot vieler Psychologen. Die Eltern haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.

Das war schon sprichwörtlich im Alten Israel, wie wir es vorhin gehört haben. Aber: So kann es nicht weitergehen, so soll es nicht endlos weitergehen, sagt Hesekiel. Jede, jeder soll für sich selbst gerade stehen. „So wahr ich lebe, spricht Gott: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel… Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt… Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist… Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.“ (V 3, 30b , 31b, 32b)
Umkehren und leben. Umkehren, dazu muss ich mir erst einmal darüber klar werden, wo ich mich befinde, auf welchem Weg. Welche Konsequenzen hat er, wohin führt er? Wo komme ich her, was treibt mich? Was bringt mich dazu, diesen Weg einzuschlagen – etwa beim Umgang mit unseren Kindern und Enkeln?
Umkehren und leben, das heißt: sich nicht einfach treiben lassen von dem, wie ich geprägt bin oder wie ich es irgendwann einmal mitbekommen habe: von der Sitte her, von meinen Verletzungen, von meinen Zwängen, von meinen Wünschen, von meinen Defiziten und meiner Schuld.
Umkehren und leben, das bedeutet sich nicht treiben lassen, sondern gehen. Es heißt selber gehen und darin wachsen, dass wir selbst verantwortlich sein können.
Umkehren und leben, das bedeutet letztendlich auch, nicht auf andere abschieben oder sie ausbaden lassen, was bei mir und durch mich offen bleibt.
Was wird aus dem Franz einmal werden, was wird aus unseren Kindern werden? Was wir heute tun und entscheiden und wie wir leben, das hat manchmal erst später Konsequenzen. Das Kohlendioxid, das unsere Autos ausstoßen, wie die Kredite, die wir heute aufnehmen, wirken sich erst in vielen Jahrzehnten aus. Damit die Kinder uns nicht später vorwerfen, wir hätten ihnen eine schöne Suppe eingebrockt und sie müssten sie auslöffeln, ist es gut, wenn wir das heute tun: umkehren und leben. Wir sollen für uns einstehen, auch für unsere Verletzungen und Defizite, für unsere Schuld und für unsere Schulden.

 Seit einem halben Jahr fährt der „Zug der Erinnerung“ durch Deutschland. Inzwischen ist er in Auschwitz angekommen. Er zeigt Bilder von Kindern und Jugendlichen, die in solche Zügen in den Tod gebracht wurden, in nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager. Aber er zeigt auch Bilder von denen, die dafür verantwortlich waren. So ist es der Deutschen Bahn sehr schwer geworden, diesen Zug auf ihren Gleisen fahren zu lassen. Die Vergangenheit hängt uns an.

Genauso ging es den Leuten, an die der Prophet Hesekiel geschrieben hat. Es waren die Nachkommen. Ein halbes Jahrhundert zuvor war das passiert, wovor die Propheten immer gewarnt hatten. Jerusalem war zerstört worden, ein Teil der Bevölkerung umgesiedelt, ihre Eltern und Großeltern hatten die Heimat verloren. Nun, über 50 Jahre später, fragten sich die Kinder und Enkel: Müssen wir denn immer noch dafür büßen, was über eine Generation vorher passiert ist? Wir waren damals ja noch gar nicht auf der Welt.
Jeder, jede ist vor Gott für sich verantwortlich, sagt Hesekiel, jede Generation wieder neu für sich. Die Kinder, die Enkel müssen sich nicht ewig an den Versäumnissen der Eltern abarbeiten. Aber ihre Verantwortung zu ihrer Zeit, die müssen sie schon tragen.
Das gilt wohl auch für uns. Die Schuld unserer Vorfahren, die können wir gar nicht abtragen. Wir können ja das Unrecht von damals nicht ungeschehen machen und die Toten zum Leben erwecken. Aber wir können und müssen nach der Vergangenheit fragen, Verantwortung heute tragen und alles dafür tun, dass wir nicht neues Unheil zulassen. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland hat die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus zum Jahresthema erklärt. Wir zeigen als Kirche Gesicht, und wir bemühen uns, dass Toleranz, Gerechtigkeit, Demokratie und Vielfalt bei uns Raum gewinnen können.
Vor Unglück und Fehltritten können wir unsere Kinder und Enkel nicht bewahren, so gerne wir es möchten. Aber wir können sie aufwachsen lassen in einer Atmosphäre, in der sie sich geborgen und angenommen fühlen. Kinder lernen davon, wie Erwachsene mit dem umgehen, was sie bewegt und auch belastet. Wie denken die Eltern über Entscheidungen, Fehlentscheidungen und Begrenzungen nach? Es ist für Kinder wichtig mitzubekommen, dass die Erwachsenen darüber sprechen – und dass sie immer wieder umkehren und leben.
Wir können einen Raum schaffen, in der Familie, in der Gemeinde, in der Gesellschaft, in dem sie merken: Versäumnisse und Schuld brauchen kein Tabu sein. Versäumnisse und Schuld – zwischen den Generationen, zwischen Eltern und Kindern – können erinnert, ausgesprochen, reflektiert werden. Dann werden auch die Kinder neu anfangen können, selbst wenn sie einmal fallen. Umkehren und leben. Das wünsche ich uns allen, immer wieder neu.
Werft von euch alle eure Übertretungen… und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. … Kehrt um, so werdet ihr leben. (V. 31 f.) Amen

Taufpredigt am 8.6.2008 (3. Sonntag nach Trinitatis) über Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32

hier zu einer anderen Predigt über Hesekiel 18

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