Der Stall von Betlehem

Der Stall von Betlehem zählte ganz gewiß nicht zu den Traumimmobilien. Er wird eher eine Bruchbude gewesen sein, eine der ungezählten Arme-Leute-Behausungen dieser Welt. Und: wer ging schon nach Betlehem?! Die Musik spielte in Jerusalem. Betlehem ist nur ein paar Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Aber es ist eine andere Welt. Heute schrecken Stacheldraht und Straßensperren ab. Touristen verirren sich immer weniger hierher, die Fenster werden zugenagelt, die Geschäfte geschlossen.
Damals wird Betlehem kaum attraktiver gewesen sein. Sonst wären die Weisen aus dem Osten, die Könige, nicht schnurstracks nach Jerusalem gegangen, in den Regierungspalast von König Herodes. In den großen Städten ist immer etwas los.
Zum Stall von Betlehem verirrt sich niemand so schnell. Es gibt zu viele davon, in den heruntergekommenen Vierteln, in den Slums, in den verlassenen Nestern auf dem Land, wo es keine Schule mehr gibt und keine Gemeindeschwester und wo der letzte Laden schon lange dichtgemacht hat. Wen zieht es schon nach Betlehem!

Gott geht nach Betlehem.
In die Gegenden, die von der Politik schon fast aufgegeben werden, dorthin macht Gott sich auf. Gott geht mit Maria und Josef von Tür zu Tür, kehrt in den Hütten der Menschen ein, redet mit den Leuten, teilt ihren Alltag, mischt sich ein, streitet für Gerechtigkeit. Gott kommt zu uns, selbst in die Nester, wo nur noch die Alten zurückbleiben. Und hier wird ein Kind geboren. Welche Hoffnung! Das Neue wird nicht in der Hauptstadt eingeführt oder bei denen, die das Sagen haben und alles auskungeln. Bei Gott beginnt das Neue am Rand, unten, in einer Hütte armer Leute.
[Chor: Schaut hin, dort liegt im finstern Stall ( Bach, Weihnachtsoratorium)]


Der Stall von Betlehem ist ein Gegenbild zum Palast des Königs Herodes und zu all den Palästen, in denen nur Geld und Macht und Ansehen den Ton angeben.
Dem König Herodes in Jerusalem wird es völlig egal gewesen sein, daß zwei junge Leute durch die Gegend stapften und Unterkunft suchten – wenn er von Maria und Josef je Notiz genommen hätte. Er hatte genug damit zu tun, auf dem Thron zu bleiben. Er war nicht zimperlich dabei, jede nur mögliche Konkurrenz auszuschalten, selbst in der eigenen Familie. Das ist heute noch so. Wer mitspielen will beim Spiel von Macht und Prestige, muß sich selbst verleugnen und wird auch andere wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Wer Reichtum hat, muß sich auch darum kümmern, muß ihn verwalten und vermehren, muß Steuerschlupflöcher suchen. Für Geld tun die Leute die verrücktesten Dinge.
Wir träumen natürlich eher von Palästen als von bescheidenen Hütten. Seit der Wende ist viel gebaut worden bei uns. Ob in all den schönen Eigenheimen Liebe und Frieden wohnen, ist nicht gewiß, ganz abgesehen von der Sorge, wie die Kreditraten aufzubringen sind. Hinter mancher hellerleuchteter Fassade ist Streit, Einsamkeit und Gewalt verborgen.

Doch wo Gott wohnt, ist die Liebe zu Hause. Der Stall von Betlehem ist ein Ort, wo Menschlichkeit wächst und Hoffnung Gestalt gewinnt. Ein Kind wird geboren, Gott selbst. Hier zählt das Leben. Hier soll die Welt tatsächlich neu beginnen, so, dass die Sehnsucht nach Gerechtigkeit die Welt verwandelt und erneuert. Der Stall von Betlehem zählt bei den Maklern nicht zu den Traumimmobilien. Aber er wird dennoch zu „Weihnachten im neuen Heim“. Er wird zu Gottes Weihnachten im neuen Heim, im Heim der Welt.

Grundstücke mit garantiert steigenden Werten können sich reihenweise als Schrottimmobilien entpuppen, und wir haben im letzten Jahr auch gesehen, wie schnell die Weltordnung ins Wanken kommt, wenn solche Blasen platzen. Beim Stall von Betlehem ist es eher wie im Märchen, wo sich über Nacht zeigt, dass die unscheinbare Hütte in Wahrheit ein herrlicher Palast ist, und aus abgerissenen Gestalten werden Königstöchter und Prinzen. Gott hat seine Krippe im Stall aufgeschlagen, damit die ganze Welt zur Wohnung für Gott und die Menschen wird.
In einem Glaubensbekenntnis aus Brasilien heißt es:

Ich glaube nicht an den Gott der Weihnachtsgeschäfte,
auch nicht an den Gott der prunkhaften Werbung.
Der Gott, an den ich glaube,
ist in einer Höhle zur Welt gekommen,
war Jude,
wurde von einem ausländischen König verfolgt
und zog wie ein Fremder in Palästina umher.

Er ließ sich begleiten von Leuten aus dem Volk,
er gab denen, die Hunger hatten, zu essen,
denen, die im Dunkeln lebten, Licht,
denen, die im Gefängnis saßen, Befreiung,
denen, die Gerechtigkeit verlangten, Frieden.

Der Gott, an den ich glaube, trug eine Krone aus Dornen
und einen Mantel, der wie aus Blut gewebt war.

Der Gott, an den ich glaube, ist kein anderer als der Sohn Marias,
Jesus von Nazareth.
(Frei Betto, gekürzt, http://paxetbonum.de/index.php/2006/12/13/gedankensplitter/)

 

Weitere Predigten in der Advents- und Weihnachtszeit: hier

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