Gründonnerstag – Mahl der Gefühle

Die Vorfreude als Kind auf Weihnachten und die überwältigende Freude, wenn sich die Tür am Heiligabend öffnet. Die erste Liebe. Angst vor einer Operation. Erleichterung nach einem Beinahe-Unfall. Wiedersehensfreude:
Die stärksten Triebkräfte in unserem Leben sind Emotionen, Gefühle, Leidenschaft. Durch sie spüren wir uns selbst, spüren wir Lebenslust und Lebensfrust. Sie stürzen uns in höchste Erregung und Verwirrung.
Liebe, Hass, Mitleid, Vergeltung, Rache, Sehnsucht, Neid, Schmerz, Hoffnung, Gerechtigkeitsempfinden: Gefühle bringen Bewegung in unser Leben. Sie machen unser Leben bunt und geben ihm Farbe.
Gefühle gehören zum Kostbarsten, was uns widerführt. Sie bescheren uns den Himmel in unserer Zeit. Sie vergolden die Erinnerung. Romeo und Julia zieht es zueinander und die Feindschaft der Familien spielt keine Rolle mehr. Eine Kränkung kann ein Leben lang anhängen. Ehrgeiz im Sport treibt zu Höchstleistungen. Ohne  zu fühlen sind wir tot bei lebendigem Leib. Wenn zwei Menschen in einer Partnerschaft nichts mehr füreinander empfinden können, dann steckt ihre Beziehung in einer Krise.
Sie mobilisieren, was in uns steckt, mobilisieren ungeahnte Kräfte und Reserven.   Wir wachsen über uns hinaus. Sie bringen uns dazu, daß wir Gewohntes über Bord werfen.
Wenn ein unbekannter Mensch vor uns steht, entscheidet oft der erste Eindruck darüber, wie es weitergeht mit uns. Selbst Expertenrunden erkennen an, daß Entscheidungen zu einem großen Teil aus dem Bauch heraus gefällt werden als aus der Summe der rationalen Abwägungen.
Ein unangenehmes Gefühl bei einem Vorhaben zu verdrängen kann sich später schlimm rächen.
Manchmal verwirren sie uns: ich spüre einen Draht zu einem anderen Menschen – dabei lebe ich doch in geordneten Beziehungen.
Enttäuschung, Wut, Zorn: Wir würden sie gern verleugnen. Gerade die „negativen“ Gefühle wollen wir ungern wahrhaben. Wir haben gelernt, Gefühlsregungen zu unterdrücken, auf jeden Fall nicht zu zeigen.
Denn sie öffnen auch unsere Tiefen und Abgründe.   Schmähung kann rasende Wut entfachen.   Wozu wir fähig sind, das Schlimmste, das merken wir bei Amokläufen.
Gleichzeitig wissen wir: Jeder Täter war einmal ein Opfer. Das geschlagene und gedemütigte Kind von einst schlägt die eigenen Kinder. Die Grausamkeit und Gefühllosigkeit, mit der es selbst behandelt wurde, gibt es weiter. Jemand muß ihm helfen, die Verletzungen der Seele zu bearbeiten, darüber reden, um sie nicht immer wieder an andere weiterzugeben.

Unsere Gefühle sind gut und richtig. Es kommt darauf an, wie wir mit ihnen umgehen. Wenn wir sie ignorieren, können wir krank werden. Etwas liegt schwer im Magen. Oder macht das Herz schwer. Eine Last drückt nieder. Bereitet Kopfzerbrechen. Beengt mich. Schön, wenn ich wieder aufatmen kann.

Die Karwoche beschreibt eine Fülle von Gefühlen – und ihren Wandel im Laufe der Tage, sozusagen im Zeitraffer, von himmelhoch jauchzend am Palmsonntag bis zum Zu­-Tode-betrübt am Karfreitag.
Die Palmenschwingenden am Sonntag. Jesus, seine Freund_innen, das Abendmahl, Getsemane, die Festnahme im Garten, die Wachen im Hof, die Leute am Feuer, die Hohenpriester und Ältesten, Pilatus, die Soldaten, die Leute am Weg, Frauen unter’m Kreuz, Joseph von Arimathia. Sie alle tragen ihre Gefühle in sich, bei allen verändern sie sich in diesen Tagen. Sie sind bewegt und bewegen die Geschichte auf ihre Weise weiter. Der Kreuzweg ist auch ein Gefühlsweg. Euphorie, Jubel und Begeisterung am Anfang, rasende Wut am Ende. Eiskalte Berechnung bei den Entscheidungsträgern, Kälte bei den Ausführenden. Ein Wechselbad von Bewunderung zu Verachtung bei den Leuten, Nähe zu Hass selbst bei den Jüngern. Mittendrin Jesus. Und wir. Diese lange Woche konfrontiert auch uns mit unseren Gefühlen.

Gründonnerstag kommen die unterschiedlichsten Gefühle zusammen. Auf dem Gefühlsweg durch die Woche bündelt es sich alles beim Passahmahl.
Freude, Schmerz, Begegnung und Entfremdung, Vertrauen und Misstrauen, Verwunderung, Unverständnis, Entrüstung, Hoffnung und lähmende Angst vor dem, was kommt, Treue und Verrat. Gründonnerstag – Mittelpunkt der Woche, Ruhepunkt, Wendepunkt. An der Tafel am Gründonnerstag treffen sie alle zusammen und sitzen mit am Tisch, wenn Jesus das Brot bricht. Und wenn wir Abendmahl feiern, bringen auch wir unsere Gefühle mit, mitunter sehr unterschiedliche.

Ein Risiko. Eine Chance. Wenn soviel zusammenprallt, kann es explodieren. Oder die Gespräche verstummen, weil alle herunterschlucken, was sie eigentlich sagen müssten.

Jesus bringt sie zusammen, die Menschen mit ihren Gefühlen. Sie können da sein. Und er redet von ihnen, von Angst und Hoffnung, von Trennung und Liebe. Im Johannesevangelium ist das besonders deutlich.
Jesus, in den Armen eines anderen, bekommt mit, was in ihnen vorgeht. Er greift sie nicht an. Er greift es auf.
Jesus spricht aus, was das Innere bewegt. Er nimmt es ernst, wendet es hin und her. So bekommt die Trauer ihren Raum – und sie erhält zugleich eine Grenze, verliert damit ihre Endlosigkeit und Ausweglosigkeit. Beim Brotbrechen gibt er ihnen Nahrung für die Seele.
Selbst Enttäuschung und Verrat sitzen am Tisch. Und Jesus, Jesus redet von Liebe.

Lesung aus dem Johannesevangelium (aus den Abschiedsreden, stark gekürzt)

13, 21 Nach der Fußwaschung wurde Jesus betrübt und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Einer von ihnen, den Jesus liebte, lag bei Tisch an der Brust Jesu. 24 Dem winkte Petrus, damit er Jesus frage, von dem er redete. 25 Der lehnte zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? 26 Jesus antwortete: Der ist’s, für den ich den das Stück Brot eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn von Simon Iskariot… 30 Dann ging Judas hinaus. …   Jesus sagte zu ihnen:
34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch gegenseitig liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. 35 Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.
14,1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! 2  Im Haus Gottes, meiner Heimat, sind viele Wohnungen. 3 Und wenn ich weggehe und euch einen Platz bereitet habe, will ich wiederkommen und nehme euch zu mir. 5  Thomas fragt: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? 6 Jesus antwortet: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
16, 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, die Welt aber wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber euer Schmerz wird in Freude verwandelt werden. 21 Eine Frau, die gebärt, hat Schmerzen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Qual vor Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. 22 Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.

Predigt zum Tischabendmahl am Gründonnerstag, 21.4.2011

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