Anna Maria Müller – eine Sangerhäuser Pfarrfrau

Wie oft habe ich hier gesessen und zur Kanzel hochgeblickt. Dort oben hat mein Mann gepredigt, Samuel Müller, Superintendent und Stadtchronist. Oft war er auch unterwegs, zum Konsistorium in Leipzig oder in Dresden. Oder er war zur Visitation und hat überprüft, ob die Pfarrer in den Dörfern, die Lehrer in den Schulen das rechte Wort finden, ob die Kirchenkassen stimmen und die Einnahmen pünktlich gezahlt werden. Von Heldrungen und Roßleben ging sein Bereich bis Sylda und Alterode. Da musste auch ich mir die Zeit für den Gottesdienst abknapsen. Zum Glück hatte ich’s nicht weit.
Gleich vor dem Turm war die Superintendentur, wo jetzt die Kastanien stehen. „Ein mäßig Losament“, hat mein Mann geurteilt (Samuel Müller, Stadtchronik 1731 S. 53). Den Saal kannte ich schon als Kind. Mein Vater musste regelmäßig zu Konventen hierher. Er war nämlich Pfarrer in Blankenheim. Meine Mutter und ich haben ihn manchmal in die Stadt begleitet und auf dem Markt eingekauft. Dann haben wir in dem kleinen Gärtchen gewartet oder im Hof neben dem Wasserbrunnen. Ichdurfte mir sogar die Pfirsiche, die vom Baum gefallen waren, auflesen. Wie froh war ich später über den Brunnen, als ich selbst hier wohnte. Ich konnte mir Wasser hochziehen, soviel ich brauchte, und musste es nicht mit Eimern von der Arche auf dem Markt heranschleppen.

Anna Maria Müller
Anna Maria Müller

Ich vergaß ganz, mich vorzustellen: Anna Maria Müller, geboren am 20. Juli 1604 in Blankenheim. Älteste Tochter von Pfarrer Johann Dorr und Hedwig Giebelhausen. Ich habe 3 Brüder und 6 Schwestern, habe also immer kleine Kinder um mich gehabt, so wie später meine eigenen. Meine Mutter, Hedwig Giebelhausen, war selbst Pfarrerstochter aus Katharinenrieth. Dort war ich oft im Pfarrhaus zu Besuch. So kenne ich die Gegend ganz gut. Mein Mann aber ist waschechter Sachse. Samuel Müller ist in Meißen und Chemnitz aufgewachsen, als Superintendentensohn.

Samuel Müller
Samuel Müller

Mit knapp 17 habe ich geheiratet. Wir zogen nach Mücheln. Dort kam Susanna zur Welt. 1625, mitten im 30-jährigen Krieg, wurde Samuel nach Sangerhausen berufen. Nun mußte ich auf einmal als Superintendentenfrau repräsentieren, ich war noch nicht einmal 21 und bekam mein zweites Kind. Die Superintendenten waren Amtspersonen und gehörten zur städtischen Oberschicht. Gleichzeitig haben mir viele am Küchentisch ihr Herz ausgeschüttet. Übrigens, viele Begebenheiten, die Samuel Müller in seiner Stadtchronik festgehalten hat, hat er von mir. Ob die Chronik endlich erschienen ist? Selbst nach seinem Tod habe ich jahrzehntelang nach einem Verleger gesucht, der sie druckt.
(Moderatorin: Hier ist sie.)
Anna Maria Müller: Oh, ist die schön. 1731 – fast hundert Jahre nach der Fertigstellung. Da habe ich heute Abend zu schmökern.

Anna Maria Müller mit der Chronik ihres Mannes Szenischer Gottesdienst am 9.8.2015
Anna Maria Müller mit der Chronik ihres Mannes
Szenischer Gottesdienst am 9.8.2015

Lesung Sprüche 31,10-31

Von der tatkräftigen Frau habt ihr aus der Bibel vorgelesen. Meine eigene Mutter und Großmutter waren solche klugen und tüchtigen Pfarrfrauen auf dem Land. Wie viele Bohnen, Möhren und Kohlköpfe haben sie nicht im Pfarrgarten angebaut, um alle hungrigen Mäuler zu stopfen, und abends Äpfel getrocknet für den Winter. Die Besoldung bestand zum größten Teil aus Naturalien. Und ich in der Stadt habe auch zehn Kinder aufgezogen. Nur zwei sind als Kleine gestorben, alle anderen groß geworden – trotz Krieg, Pest, Plünderung und Hunger. Und die Inflation in der Kipper- und Wipperzeit! Unser Geld war nichts mehr wert, weil die Münzer die Silbergroschen mit Kupfer gestreckt haben. Wir brauchten einen neuen Kinderstuhl. Mein Mann kam geknickt heim: „Vor ein Kinderstülichen habe ich selbst 23 fl. gegeben auf der Eselswiese“, seufzte er. (S. 15)

Zu den schrecklichsten Stunden gehörte der 6. Oktober 1632, ein Mittwoch. Da stürmten die Soldaten die Stadt, schlugen alles kurz und klein und vergewaltigten die Frauen. Ich hatte bis zur letzten Minute Geld, Schmuck und Besteck eingegraben. Dann haben wir uns dort oben auf dem Kirchturm eingeschlossen und gezittert, mit den vier Kleinen. Hedwig war gerade ein Jahr alt. Mein Mann hat es aufgeschrieben, als ob er noch in Schockstarre neben sich selbst stehen würde:

„Heinrich Mog, der Cämmerer .. [hat] sich auf den Kirchthurm salviret neben den Superintendenten, M. Samuel Müllern, sein Weib, Kindern und Gesinde, und anderen guten Leuten, Manns- und Weibs-Personen. … Des Superintendenten vergrabene Sachen fanden sie alle, der nahm Schaden auf die 800 Thaler, … aus seiner Wohnung 13 Pferde, die anderen Leuten zustanden. Zwei Kutschwagen und 200 Thaler, so dem Pfarrer zu Schloß-Heldrungen [gehörten]. … Die Offiziere brachen die Kirch-Sacristei und den eisernen Kasten darinnen auf […], sie behielten aber die Kelche, Paten und silberne Kannen selber, öffneten auch das Gewölbe über der Thür und nahmen daraus was ihnen beliebete, schöne Geräthe, Kleidung, Silberwerk und dergleichen, so die Leute hinauf geschafft hatten.“ (Müller 169 f.)

Genug geklagt. Schließlich hatten wir über 40 Ehejahre miteinander. Viele andere Pfarrfrauen sind als junge Mütter verwitwet und haben dann, als sie wieder heirateten, noch einmal drei, vier oder fünf Kinder bekommen. Oder ihr Mann brachte eigene Kinder mit. Da fand sich eine junge Pfarrfrau schnell als Mutter von acht oder zehn Kindern und Stiefkindern wieder. Und vorbildlich sollten sich die Kinder auch benehmen! Darauf schauten die Gemeinden mit Argusaugen.

Als ich 1662 Witwe wurde, musste ich noch mit der Stadt prozessieren, wegen Gehalt, das mein Mann der Stadt in Kriegszeiten geliehen hatte. Dennoch habe ich ein schönes steinernes Epitaph für Samuel anfertigen lassen, dort neben Superintendent Simon Mosbach.

Samuel Müller
Samuel Müller

Auch musste ich nicht noch einmal heiraten wie Catharina Mosbach, Simons Witwe. Ihr zweiter Mann hat sie so schlecht behandelt, daß mein Mann es in der Chronik festgehalten hat: „der hat sie aber sehr übel gehalten.“ (S. 57) Von der Superintendentin zur geschlagenen Frau – dieses Schicksal ist mir erspart geblieben. Wie es bei mir weiterging? Ein paar Jahre später, unter Christian Leyser, wurden endlich Emporen eingebaut und Johann Andreas Bottschild hat die Kirche ausgemalt. Drei Nachfolger meines Mannes habe ich überlebt, der Herzog in Weißenfels protegierte die Hofpredigerfamilien.

Moderatorin: Im Sterberegister vom September 1689 habe ich gelesen: „Den 8. ist auch die alte Frau Superintend Müllern in die St. Jacobs Kirche in der Stille beigesetzt worden, … die Abdanckung verrichtete ihr Sohn, Dr. Philipus   Müller, Propst und Prälat zu Magdeburg“
Anna Maria Müller: Ja, ich bin 85 Jahre alt geworden.
Moderatorin: Diese Tafel ist für dich. Dein Sohn Philipp hat sie aufhängen lassen.
Anna Maria Müller: … Philipp … Er war als Baby so schwach. Drei Jahre habe ich ihn gestillt, so lang, wie keins der anderen.
Moderatorin: Schau, was er auf der Tafel über dich schreibt:
bona – gut
pia – fromm
industria – fleißig
prudens – erfahren
aber auch per tot tristia satur vitae – durch alle Traurigkeit ein erfülltes Leben.
Anna Maria Müller: Das klingt fast wie in der Bibel, die tatkräftige Frau.
Moderatorin: Ja. Und am Schluß heißt es: in der Hoffnung auf eine fröhliche Auferstehung.

 

Szenischer Gottesdienst am 9. August 2015

Weitere Predigten in der Trinitatiszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

 

Anna Maria Müller und Sangerhäuser Pfarrfrauen heute
Anna Maria Müller und Sangerhäuser Pfarrfrauen heute
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