Die Teenager predigen

Dazu bist du noch zu klein? Kinder drücken die Bänke im Hörsaal. Die Kinderuni Halle lud 7- bis 11jährige im Juni zu Vorlesungen wie „Haben Joghurtbecher ein Gedächtnis“ oder „Leben retten ist einfach“ ein. Die Profs erklären ihre Wissensgebiete auf anschauliche Weise, die Kinder hören und schauen zu. So sind die Rollen verteilt. Daß umgekehrt ein 12-jähriger unter lauter Gelehrten sitzt und alle mit seiner Einsicht und seinen Antworten erstaunt, das ist eher selten.Das Lukas-Evangelium erzählt vom 12-jährigen Jesus im Tempel. Er hat sich mitten unter die Lehrenden gesetzt, ihnen zugehört und Fragen gestellt. Alle, „die ihn hörten, waren über seine Einsicht und seine Antworten verblüfft“ (Lk 2,47). Ein Wunderkind? Vielleicht.

Mich erstaunt etwas anderes: Sie haben ihm zugehört. Die Koryphäen der Wissenschaft nehmen ein Kind ernst. Leute, die auf hohem Niveau dozieren und diskutieren, lassen sich auf ein Kind ein. Sie antworten auf seine Fragen, sie lassen sich beeindrucken von seinen Ansichten. Das verstehst du noch nicht, dieser Satz kommt ihnen offensichtlich nicht über die Lippen. Sie können damit umgehen: Ein Kind erklärt die Welt.
Die neue Welt Gottes stellt die Verhältnisse auf den Kopf.

Denn normalerweise hatten die Kinder auch in biblischer Zeit wenig zu melden. Sie mußten früh mit arbeiten. Das Sagen hatten die Väter. Die verfuhren oft nach der pädagogischen Maxime aus dem Sirach-Buch: „Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn“. Ein hartes Leben ist auch heute für viele Kinder Realität. Sie knüpfen Teppiche, hauen in indischen Steinbrüchen Straßenpflaster für europäische Fußgängerzonen, schleppen Kaffeesäcke. 100 Millionen Kinder weltweit sind obdachlos.

Was würden diese Kinder uns fragen? Welche Einsichten würden sie uns vermitteln? Ein Kind erklärt, die Erwachsenen hören zu. Interessiert uns, was ein Kind der Generation 2003, 2005, 2008 zu sagen hat? Die Geschichte macht Mut, ihnen zuzuhören und ihre Meinung zu schätzen.

Bis ins 20. Jahrhundert galt in der Pädagogik: Lernen ist eine Einbahnstraße; die Älteren, Studierten, Kundigen, Erfahrenen bringen den Jüngeren, Unerfahrenen, Unkundigen. auf der anderen Seite etwas bei. Die Reformpädagogik hat das in Frage gestellt. Wissen, Lernen ist gleichberechtigt. Die Kinder fördern die Erwachsenen.
Der 12-jährige Jesus im Tempel ist auf Leute getroffen, die wirklich weise waren, die ihn nicht für unzurechnungsfähig, minderjährig oder minderbemittelt hielten.
Dieses Kind hat später, als erwachsener Mann, ein Kind in die Mitte gestellt und es zum Maßstab für die Erwachsenen erklärt.

Die Begebenheit ist die einzige in der Bibel, die zwischen Geburt und Taufe mit 30 Jahren etwas aus der Kinderzeit von Jesus berichtet. Geburt in Betlehem. Dann entweder Flucht nach Ägypten und erste Kinderjahre in fremder Umgebung, fremder Kultur und fremder Religion. So berichtet es das Matthäusevangelium. Oder wurde Jesus ganz in jüdischer Tradition nach 8 Tagen beschnitten, mit 6 Wochen in den Tempel gebracht und wuchs völlig unspektakulär in Betlehem auf? So erzählt es das Lukas-Evangelium. Und zu dieser ganz normalen jüdischen Kindheit gehört auch diese eine Kindergeschichte, die in den Kinderbibeln als „der 12-jährige Jesus im Tempel“ überschrieben ist und die in Wirklichkeit vom jüdischen Fest Bar Mitzwa erzählt. Die Heranwachsenden dürfen zu Bar Mitzwa das erste Mal öffentlich in der Synagoge aus der Tora vorlesen und gelten fortan als erwachsen. Wollte Lukas damit unterstreichen, daß Jesus fest in der jüdischen Tradition verwurzelt ist?
Jedenfalls: die Erwachsenen hören ihm zu. Einem Kind. Einem Teenager. Wir sind die, die dazulernen müssen, immer wieder.

Verkehrte Welt. Es geht nicht nur um putzige Sprüche der lieben Kleinen zwischen ernst und weise, die zu Anekdoten taugen á la Kindermund tut Wahrheit kund. Es geht um Machtverhältnisse. Kinder gehörten in der Antike den Erwachsenen und waren ihnen wie Sklavinnen und Sklaven ausgeliefert. Jesus bricht diese Ordnung auf. Kinder, Frauen, Versklavte sind es, die bei Gottes Empfängen im Präsidium sitzen und deren Wort Gewicht hat. Sie stellen auch andere Fragen als die sonst üblichen.
Ein 12-jähriger predigt. Das ist Evangelium heute. Das Jahr fängt an mit einer Geschichte vom Lernen. Es gibt Gelegenheit zum Lernen und zum Umlernen, in jedem Alter, auch für uns. Veränderung ist möglich. Das läßt hoffen.

Predigt am 3.1.2016 zu Lukas 2,41-52

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