Als Jesus einfach weg ging – Konfirmationspredigt zum 12-jährigen Jesus im Tempel

[Anmerkung: Der Predigttext wird NICHT vorgelesen!]
Liebe Gemeinde,Konfirmation ist nur einmal. In jeder Familie gibt’s Traditionen, wie solche in Tag begangen wird. Aber es ist auch immer interessant zu gucken, wie es andere machen. Es ist ja nicht von vornherein gesagt, dass alle sich wohlfühlen und dass es ein gelungener Tag wird. Auch Feiern will gelernt sein.

Ich denke an eine Familie, bei der das Fest wunderbar anfing. Alle waren im Gottesdienst. Es war alles sehr festlich, die Lieder und überhaupt. Der Vater richtete sich stolz auf, als sein Sohn aufstand und nach vorn ging und vor der ganzen Gemeinde etwas vorlas. Die Mutter konnte vor Rührung und Bewegung gar nicht richtig zuhören, so sehr musste sie sich an ihrem Taschentuch festhalten. Nach dem Gottesdienst war großes Hallo, und dann kam das Essen und das Erzählen. Man feierte auswärts, und es war eine große Gesellschaft, Verwandte, Freunde, Bekannte, es war ein toller Trubel und ging sehr turbulent zu. Irgendwann löste sich alles auf, in Grüppchen ging es auf den Heimweg – bis, ja bis sich die Eltern umdrehten und fragten: Wo ist denn eigentlich unser Filius. An den hatten sie gar nicht mehr gedacht, obwohl er doch die Hauptperson war.

 Die Hauptperson hatte sich schon lange abgesetzt. War einfach nicht mit nach Hause gekommen. Er hatte sich abgeseilt von family & co, und niemand hatte es gemerkt. Ein peinliches Ende für ein Fest, für sein Fest. Aber ihm machte das nichts aus. Er dachte gar nicht darüber nach. Der Gedanke kam ihm überhaupt nicht, dass sich jemand Sorgen um ihn machen konnte. Wie Jugendliche eben manchmal so sind. Für ihn waren seine Eltern mit ihrer Welt manchmal so weit weg wie er für sie. Sie hatten ihn ja nicht mal vermisst, obwohl sie noch im Gottesdienst so stolz und gerührt waren. Er hatte Leute aus dem Ort kennengelernt und hockte bei ihnen herum. Sie quatschten, auch über Sachen, mit denen er mit seinen Eltern nicht reden konnte und überhaupt sonst mit niemandem. Sie waren zwar älter als er, aber sie haben ihn gleich akzeptiert und fanden ihn toll. Und so saßen sie und vergaßen die Zeit.

Bei den Eltern setzte natürlich das große Erschrecken ein. Und Kopfschütteln und Stirnrunzeln über den feinen Herrn Sohn. Auch am nächsten Morgen tauchte er nicht auf. Je länger sie suchten, desto größer wurden ihre Angst und ihre Panik. War etwas passiert, war er einfach ausgerissen? Obwohl, das hatte er noch nie gemacht, im Gegenteil. Er war immer ein lieber Kerl und hatte nie Ärger gemacht, nein, und einen Grund dafür konnten sie sich gleich gar nicht zusammenreimen. Oder hatten sie doch etwas falsch gemacht?! Aber er war wie vom Erdboden verschwunden.
Als sie ihn aufgabelten, bei den Leuten an dem Ort, hagelte es Vorwürfe. Die Mutter fing an: „An mich und an deinen Vater hast du wohl gar nicht gedacht?!“ Das war das Stichwort. Vater, blickte er verwundert auf. Mein Vater? Es war nämlich nicht sein richtiger Vater. Seine Mutter hatte darüber zwar nie so genau erzählt, aber es hatte bisher auch überhaupt keine Rolle gespielt. Aber jetzt traf es, es war ein Stich für den Mann, bei dem er aufgewachsen war von klein auf.
Es war kein Vorwurf, aber niemand verstand, warum er ausgerechnet jetzt so reagierte. Doch genauso selbstverständlich, wie er es gesagt hatte, stand er jetzt auf und zog im Schlepptau der Eltern nach Hause ab. Und genauso selbstverständlich ordnete er sich zu Hause wieder ein, als wäre nichts geschehen. Er war wieder der freundliche Junge, so wie seine Eltern ihn kannten.
Aber es war doch etwas geschehen. Ihm selbst war das vielleicht gar nicht so klar. Doch seine Mutter hatte begriffen, dass dieses Kind jetzt erwachsen wurde und dabei war, seine eigene innere Welt zu bauen. Mit dem Körper war er noch da, im Haus seiner Eltern. Aber seine Seele war schon unterwegs in die Zukunft, sozusagen in das Haus, das sein Leben werden würde.

 Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, so ging dieses Fest also in einer anderen Familie weiter. Manche werden schon gemerkt haben, dass es eine Familie aus der Bibel ist, von der hier die Rede ist, die heilige Familie sogar, in der es das also auch gab, dass der Sohn eines Tages einfach nicht nach Hause kam. Es ist die Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel in Jerusalem, die ich hier kräftig gegen den Strich gebürstet habe, aber zur Konfirmation ist das schon einmal erlaubt. Das Fest damals hieß Bar-mizwah, ein jüdisches Fest. Es wurde schon gefeiert, wenn ein Junge 13 Jahre alt wurde und nicht 14 oder 15 wie ihr, aber im Grunde ist es ein ganz ähnliches Fest. Liebe Eltern und Paten, wenn Sie nachher beim Mittagessen sitzen, dann lesen Sie diese Geschichte ruhig einmal aus der Bibel vor als kleine Anregung für das Tischgespräch oder für eine Rede.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, ich weiß und ich bin froh, dass es bei euch zu Hause nicht so schlimm zugeht, dass ihr ausreißen müsst wie andere Kinder oder Jugendliche, die es einfach nicht mehr aushalten. Bei Jesus war das sicher auch nicht so. Aber ihr habt eben immer mehr eure eigene Welt und eure eigenen Gedanken, in die eure Eltern euch nicht immer folgen können. Und ihr redet ja zu Hause auch lange nicht mehr über alles, was euch so bewegt. Eure Eltern wundern sich manchmal über Bemerkungen, die ihr nebenbei fallen lasst, und manchmal fühlen sie sich vielleicht auch verletzt, obwohl ihr das gar nicht gewollt habt. Es kann auch sein, dass sie gar nicht richtig mitbekommen, was in euch vorgeht. Natürlich steht ihr lange noch nicht auf eigenen Beinen, und sie müssen schon noch auf euch aufpassen. Aber es ist normal, dass ihr immer selbständiger werdet, auch in euren Gedanken und Gefühlen.

Da ist es für eure Eltern auch nicht ganz einfach, immer das richtige Maß zu finden. Als Jesus Bar-mizwah gefeiert hat, da haben seine Eltern anscheinend überhaupt nicht mitgekriegt, dass er sich für anderes interessiert hat als für ein Familienfest. Oder sie waren einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Auf der anderen Seite hätte er sicher protestiert über zuviel Gängelei, wenn ständig jemand hinter ihm her gerannt wäre. Und er musste ja auch selbständig werden. So hat er neue Leute kennengelernt. Auch ihr seid ja gern mit Freunden zusammen. Ich weiß, für euch Leute wichtig sind, die euch beeindrucken, die euch akzeptieren und die schon weiter sind als ihr, älter, reifer, cooler, kritischer oder wie auch immer, und trotzdem eure Wellenlänge haben. Bei Jesus war es leider so, dass es seine Eltern überhaupt nicht beeindruckt hat, dass seine neuen Bekannten sogar Lehrer vom Tempel waren. Im Gegenteil, sie waren entsetzt über diese Art von Umgang. Sie fanden, dass die Dinge, über die sie sich unterhalten haben, noch nichts sind für einen halbwüchsigen Jungen, viel zu hoch. Es ist gut, wenn euch nette Leute über den Weg laufen, die euch weiter bringen, und nicht solche, die euch zum Abrutschen bringen. Und es ist gut, wenn ihr notfalls die innere Kraft aufbringt, tschüß zu sagen.
Aber vor allem hoffe ich, dass ihr Leute findet, wo ihr eure Fragen loswerden könnt oder die euch auf die richtigen Fragen bringen, damit ihr euch selbst finden könnt und euren Weg durchs Leben. Ihr wollt leben, und das treibt euch um. Wer immer nur etwas erleben will, kann in ein paar Jahren abgewrackt und abgelebt sein. Euer Drang und eure Neugier auf Leben sollen größer sein als nur die Sucht, etwas zu erleben, und sie sollen euch immer weiter treiben, so wie sie Jesus auch weiter getrieben haben. Und ich wünsche, dass ihr eure Umgebung lebendig macht, dass ihr Leute ansteckt mit Fröhlichkeit und Hoffnung und Phantasie und Bewusstsein für Gerechtigkeit, so wie Jesus seine Umgebung auch angesteckt hat mit Leben.

Liebe Eltern, manche Jugendlichen finden mit traumwandlerischer Sicherheit ihren Weg, andere suchen und probieren lange herum. Und oft steckt auch beides zugleich in ihnen und streitet miteinander. Das macht das Alter jetzt so spannungsreich und spannend.
Oft müssen wir als Eltern erst einmal mitbekommen, dass es unterschiedliche Welten sind, in denen wir leben. Manchmal bricht das auf, so wie bei Jesus und seinen Eltern, ausgerechnet auf seinem Bar-mizwah-Fest, oder einfach in Situationen, wo es denkbar ungelegen scheint. Vielleicht erschrickt es auf den ersten Blick. Vielleicht gibt es einen Eklat. Es kann aber eine Chance sein, dass Sie die Kinder loslassen und freigeben auf ihren Weg in ihre eigene Welt. Als Eltern sind Sie alle noch unter DDR-Verhältnissen aufgewachsen. Diese Jugendlichen müssen einmal mit Herausforderungen klar kommen, die viel komplexer sind. Sie werden auch in verantwortlichen Positionen sitzen und müssen eine zukunftsträchtige Gesellschaft bauen. Wir wünschen uns, dass diese jungen Leute bestehen und die Zukunft mitzugestalten vermögen und dass Gutes von ihnen ausgeht, dass sie den Weg von Gerechtigkeit und Frieden finden, für sich und für unsere Welt.

 Als die Mutter im Tempel den verlorengeglaubten Sohn endlich gefunden hat, hat er ihr geantwortet: Wisst ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss? Er hat damit Gott gemeint und Gottes Haus. Vieles liegt in unserer Hand. Aber es gibt Situationen, da können Eltern nichts mehr tun für ihre Kinder. Es ist gut, wenn wir dann wissen können: unsere Kinder gehören nicht uns, sondern sich selbst und Gott. Sie sind uns eine Zeitlang anvertraut, dass wir sie mit all den Gaben, die in uns stecken, fördern und begleiten. Aber sie gehören nicht uns. Sie sind Gottes Kinder, und Gott hat für sie ein Haus der Zukunft gebaut. Wir wünschen, dass sie in dieses Haus auch einziehen und es gestalten und weitergeben, was sie empfangen haben.
Konfirmationspredigt über Lukas 2, 41 – 52
Weitere Predigten zur Konfirmation: hier
Predigten zu Himmelfahrt, Pfingsten und Trinitatis:
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