Der schwarze Engel

Der Engel war schwarz. Ein schwarzes kleines Kind, vielleicht zwei Jahre alt. Sie begegnete ihm, als sie 27 war. Und das kam so: Bärbel – so heißt sie – war damals eine junge Lehrerin, engagiert für Entwicklungshilfe, und wollte Afrika mit eigenen Augen sehen. In Ghana besichtigte die Gruppe Hilfsprojekte. Vor einer Krankenstation warteten die Menschen in langen Schlangen. „Da saß auch ein Kind mit dick aufgeblähtem Bauch, ausfallenden rötlichen Haaren, in seiner eigenen Pfütze.“ Als es die weißen Leute sah, begann es zu weinen. Es litt an Unterernährung und Eiweißmangel. Es wird wohl kaum überleben, erklärte die Krankenschwester den Gästen, so sieht Ungerechtigkeit aus. *

Das Bild dieses verhungernden Babys hat Bärbel ihr Leben lang nicht mehr losgelassen. Es hat sie angestachelt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Heute sagt sie: „Dieses Kind wurde ein Engel meines Alltags, von dem ich glaube, dass Gott ihn mir geschickt hat. Seither hat dieser Engel mich in all meinen Lebensjahren begleitet, er steht in vielen Situationen neben mir und sagt, ermutigend, streng oder bittend: ‚Du wirst jetzt etwas sagen. Du wirst jetzt etwas tun. Du wirst nicht aufgeben.‘“ **

Überall da, wo Bärbel sich engagiert und Kämpfe ausficht, ist dieser Engel da. Überall da, wo es bequemer wäre zu schweigen, weil sie Angst hat, den Mund aufzumachen und anzuecken. Später arbeitet Bärbel in der Kirche. 2001 wird sie sogar Bischöfin in Lübeck, die dritte in Deutschland: Bärbel Wartenberg-Potter. Sie braucht viel Durchsetzungsvermögen. Dieses Kind gibt ihr Rückhalt.
Es „spricht zu mir, wann immer es um Ungerechtigkeit im Weltmaßstab, um Rassismus, um Unrecht gegen Frauen, um Atomraketen, um lieblose Strukturen in Kinderkrankenhäusern geht. Heute sogar dann, wenn es um die Brutalität gegenüber den Tieren in der Massentierhaltung geht. Es versteht auch etwas von versteinerten Strukturen und versteinerter Sprache in der Kirche, die verhindern, auf die brennenden Fragen der Zeit aus dem Glauben heraus zu antworten und deutliche Zeichen der Versöhnung und Gerechtigkeit zu setzen.“ „Wenn es um Wesentliches geht, wird es oft ganz einfach in meinem Kopf, postkarteneinfach.“ ***  „Mein hungriger Engel aus Afrika sollte mit am Tisch sitzen können und satt werden.“ ****  Du wirst jetzt etwas sagen. Du wirst jetzt etwas tun. Du wirst nicht aufgeben.

Ein eigenartiger Engel ist das. Er ist kein überirdisches, ätherisches Wesen. Er sieht nicht niedlich aus wie all die pausbäckigen, goldgelockten Putten auf vielen Weihnachtsbildern, die den Stall von Bethlehem umflattern. Er ist auch kein Schutzengel, höchstens in dem Sinne, daß er davor beschützt, abzustumpfen und gleichgültig zu werden. Aber er sagt genau wie der Engel in der Weihnachtsgeschichte: Fürchte dich nicht. Habe Mut!
Maria und Josef, den Hirten auf dem Feld, ihnen allen hat Gott Engel geschickt. Sie alle haben aus dem Mund der Engel als erste und wichtigste Worte gehört: Fürchte dich nicht.

Das ist auch heute für viele Menschen der wichtigste Satz: Fürchte dich nicht, weil sie viele Ängste haben. Und die Ängste blockieren nicht nur die Körper und die Seelen. Sie vermiesen auch die Lust auf Veränderung, selbst wenn wir’s nötig hätten. Sie verhindern, daß wir das Kostbarste entfalten, das wir in uns tragen,  Menschenfreundlichkeit, Mitgefühl, Solidarität.

Manchmal machen uns die Kinder vor, wie das geht: miteinander teilen, sich versöhnen, Vorurteile über den Haufen werfen. Wir können ein Klima der Achtsamkeit und Würde um uns herum verbreiten, und wir können in unseren Häusern und Straßen, in unserem Land damit anfangen.
Das Baby aus Betlehem, dessen Geburtstag wir heute feiern, ist darauf angewiesen. Wenn es arm und hilflos im Stall in der Krippe liegt, sieht es übrigens gar nicht so sehr anders aus als der schwarze Engel von Bärbel. Ich wünsche Ihnen ganz viele Engel. Vor allem einen, der Ihnen zur Seite steht, wenn Sie Mut und Zivilcourage brauchen:  Du wirst jetzt etwas sagen. Du wirst jetzt etwas tun. Du wirst nicht aufgeben. Fürchte dich nicht.

Heiligabend 2016

* Bärbel Wartenberg-Potter: Anfängerin. Zeitgeschichten meines Lebens. Gütersloh 2013, 18
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