Epiphanias – Tiridat

Liebe Gemeinde! Ein Stern am Polithimmel! Seit Zeiten des Kaisers Nero gab es einen neuen Stern am Polithimmel des römischen Reiches: den Armenier Trdat oder Tiridat. Mit Tiridat hatten die widerspenstigen Armenier die Oberhoheit der Römer anerkannt. Das einst glanzvolle Armenien war endgültig als Provinz in das römische Imperium eingegliedert worden, war Vasall, Rohstofflieferant und Aufmarschbasis geworden. Die Römer hatten das Ganze als effektvollen Public-Relation-Aktion für ihre Zwecke eingefädelt. Zunächst legte Tiridat seine armenische Königskrone nieder. Dann zog er im Jahr 66 mit großem Gefolge nach Rom, begleitet von Magiern, von Astrologen, mit Prunk. Er huldigte dem Kaiser Nero. Aus seiner Hand empfing er die Krone von neuem. Der Kaiser selbst krönte ihn zum Herrscher über Armenien.

Tiridat – ein König von Roms Gnaden. Das war der neue Stern, der am Polithimmel aufgegangen war und entsprechend hochgejubelt wurde. Solche Sterne mochten noch viele leuchten. Die einfachen Menschen in den Provinzen werden hingegen eher mit Verachtung auf solche Stars geschaut haben, die ihr Volk verkauften und ihre Knie vor der Großmacht beugten.

In Palästina war gerade die Kehrseite zu erleben: Das Imperium schlägt zurück. Während Tiridat mit seinen Magiern gen Rom wallte, erhoben sich die Leute in Jerusalem gegen die Besatzer. Der jüdische Krieg brach aus. Am Ende siegten die Römer, inzwischen unter Kaiser Titus. Im Jahr 70 zog Titus als Sieger in Rom ein, im Triumphzug den siebenarmigen Leuchter aus dem Tempel und die jüdischen Anführer als Gefangene. Der Titusbogen in Rom erinnert bis heute daran.

Zurück blieb ein zerstörtes Land. Der Tempel war verbrannt, Jerusalem ein Ruinenhaufen, Menschen flohen aus der verwüsteten Heimat. Viele zogen nach Norden und siedelten sich dort an, nach Tyrus und Sidon, und noch weiter nordwärts nach Syrien, nach Antiochien. Dort gab es auch jüdische Gruppen, die glaubten: Jesus ist der Retter, der Messias. Es waren frühe christliche Gemeinden, die an den jüdischen Regeln und Sitten festhielten.

Eines Tages – waren es 10, waren es 20 Jahre seit dem Untergang von Jerusalem? – kam in diesen christlichen Gemeinden in Antiochien und Syrien eine Schriftrolle an. Darin wurde berichtet, wie es sich zugetragen hatte, als Jesus geboren wurde, zur Zeit des Königs Herodes, als in Rom Augustus herrschte, der sich Friedenskaiser nannte. Die Schriftrolle wurde später bekannt als Matthäus-Evangelium, und den Leuten haben die Ohren geklingelt, als sie diese Geburtsgeschichte gelesen haben.

Es ist kein stimmungsvolles Märchen über fremde Besucher, die ein bisschen zu spät für Weihnachten ankommen. Sondern diese Geschichte erzählt von Terror und Flucht. Hier singt niemand wie im Lukasevangelium. Das Geschehen mündet in ein Meer von Tränen und Blut. Die Tatsache, dass diese Magier einen neuen „König der Juden“ suchen, stellt die Geschichte mitten in das politische Geschehen hinein. Ein von Misstrauen und Verfolgungswahn zerfressener König Herodes mußte schon aufs höchste alarmiert sein allein durch das Erscheinen von Reisenden aus einem gegnerischen Königreich, den Parthern, Feinden Roms im Osten Palästinas. Und die dann auch noch nach einem neugeborenen jüdischen König fragten! Der Kindermord von Betlehem – die Leute in den Gemeinden des Matthäus werden es sich gut haben vorstellen können. Herodes, das wussten sie alle, war unter Marc Anton vom römischen Triumvirat zum König eingesetzt worden. In Inschriften hatte er sich selbst als „Bewunderer Cäsars“ und „Bewunderer der Römer“ bezeichnet; zu ihren Ehren benannte er sogar Städte (Caesarea; Burg Antonia). Während er in der Provinz hellenistische Kultur erblühen ließ, plagte Hungersnot und Armut das Land. Er ließ den zerstörten jüdischen Tempel aus weißem Marmor prachtvoll wieder aufbauen – es waren die Armen, deren Steuern und Abgaben dies finanzierte. Herodes‘ Skrupellosigkeit machte auch vor engen Verwandten nicht Halt. Wenn das Matthäusevangelium vom Kindermord erzählte, dann wollte es auch die Brutalität des römischen Reiches enthüllen. Die Zeit des Herodes, als Jesus geboren wurde, aber auch die gegenwärtige, um das Jahr 80 oder 90 herum. Das durfte natürlich nicht laut gesagt werden. Doch die Leute in den Gemeinden werden es zwischen den Zeilen gelesen haben. Was 20 Jahre vorher in Jerusalem passiert war, das steckte ihnen noch in den Knochen und in der Seele. Was sie in diesem Abschnitt erfuhren, das war eine Gegengeschichte zu dem, was sie erlebten.

Die Magier kamen, um einen neugeborenen König zu huldigen, der die Menschen retten würde. Das war ein Kontrast zu Herodes und Nachfolgern, die die Völker unterjochten und knebelten. Dieses Kind kam zur Rettung.

Die Magier gelangten bis in den Palast in Jerusalem. Doch sie beugten sich Herodes nicht. Sie fielen nicht vor ihm auf die Knie und verehrten ihn, so wie die Herrschenden überall gern verehrt werden möchten und wie es der Kaiserkult verlangte, auch in Antiochien. Als sie weiterzogen, widersetzten sie sich Herodes’ Auftrag.

Welch ein Kontrast bildet die Geschichte zu dem, was über Tiridat zu hören war, den legendären Polit- Star. Vielleicht haben die Gemeinden in Antiochien gelacht über ihn, als sie in der Weihnachtsgeschichte über die Magier, die Weisen aus dem Osten gelesen haben. Schließlich hatte auch Tiridat Magier im Gefolge, ja er soll sich sogar selbst als Magus bezeichnet haben, als Magier, Weisen, Sterndeuter. Bei der Planung seiner Reise haben vielleicht auch astrologische Motive eine Rolle gespielt. Die Weihnachtsgeschichte macht deutlich, wie albern der hochgejubelte Tiridat und sein pompöser Zug nach Rom eigentlich war. Sie enthüllt, wie lächerlich solche Sternchen sind, die nur einem Stern folgen: dem der Macht. Doch der wahre Stern, Gottes Stern, ist nicht in den Metropolen zu finden, wo Geld und Einfluß wohnen, Glanz und Glitter. Gottes Hütte steht inmitten denen der Menschen, im Dorf, dort, wo geliebt und gelebt, geboren und gestorben wird.

Und da war noch mehr zwischen den Zeilen zu lesen:

Die Schriftrolle ruft der Gemeinde einen Kindermord ins Bewusstsein, einen Genozid, Völkermord. Das Kind, das da geboren wurde und sogleich bedroht ist, wurde Jesus genannt. Das heißt. Gott rettet, hilft, befreit. Es wird göttliche Rettung und Erlösung geben, ganz gleich, was politisch passiert. Ein Kind „Erlöser“ zu nennen unter den Verhältnissen des römischen Reiches ist ein widerständiger Akt.

Maria und Josef waren Flüchtlinge wie so viele in den Gemeinden um das Jahr 80. Jüdische Menschen außerhalb von Palästina, die von der Flucht von Maria, Josef und Jesus nach Ägypten hörten, würden an die Flüchtlinge in ihren eigenen Tagen denken.

Die Geschichte wird den Menschen damals kaum Stimmung unterm Tannenbaum – den es noch gar nicht gab – verbreitet haben. Sie hat ihnen von dem erzählt, was sie um sich herum erlebten – und hat ihnen Hoffnung gemacht. Sie hat den Menschen Vertrauen gegeben, dass inmitten politischer Unsicherheit und sozialen Umwälzungen Gott weiter geboren wird. Sie hat ihnen Widerstandskraft gegeben, sich nicht anzupassen und aufzugeben. Gott ist bei ihnen. Der Stern leuchtet. Gott schickt Engel. Und manchmal werden sie selbst zu Engeln für Flüchtlinge und Bedrängte.

Machthunger und Unterdrückung, albernes Katzbuckeln, nackte Gewalt, Vertreibung, Flucht, Völkermorde – das alles gibt es auch heute, in unseren Tagen, 1925 Jahre nach dem Jahr 80 oder 90. Die Geschichte von den Magiern aus dem Osten kann uns Anstoß geben, dass wir aufmerksam und wach durch unsere Zeit gehen. Epiphanias – das heißt Erscheinung. Wir feiern die Erscheinung Gottes inmitten unserer Welt. Gott will zum Vorschein kommen auch dort, wo Menschen die schönen Weihnachtslieder im Hals stecken bleiben. Wir brauchen uns nicht von den Tiridats blenden lassen. Die Weihnachtsgeschichte kann uns Mut machen, dass wir nach dem Stern Ausschau halten, dem schon die Weisen gefolgt sind. Dieser Stern leuchtet weiter, wenn die Leute nach Weihnachten ihre Wohnungen wieder abschmücken und die Stars und Sternchen an den diversen Polit-, Mode- und Musikhimmeln wieder verschwinden. Gottes Engel umgibt auch uns und macht uns Mut, dass wir uns hinauswagen aus Hoffnungslosigkeit und Entwürdigung.

Ein amerikanischer Autor schreibt: „Gottes Stern geht auch heute noch im Osten auf. Wer weiß – vielleicht wird genau in dieser Minute ein Kind geboren in einer schmalen Gasse eines Basars in Bagdad oder Kandahar, das die Welt zu Frieden und Gerechtigkeit führen wird. Wird es leben oder wird es getötet werden von imperialen Streitkräften? Wie wäre es, wenn sich alle Menschen, die quer liegen, verbünden würden, dass dieses Kind leben kann? Wie verrückt, wie quer wäre das?!“*

* Ich habe profitiert von dem Artikel von Thomas Bohache über das Matthäusevangelium in: The Queer Bible Commentary, London 2006, 490 – 499; Zitat S. 499

Predigt zu Epiphanias über Matthäus 2

Weitere Predigten in der Weihnachts- und Epiphaniaszeit: hier

Hintergrundinformationen zum Matthäus-Evangelium und zu Mt 1: Syrien-Rundschau  (Download)

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