Vom Himmel steigt Brot

Das Mädchen lächelte selig, als sie die Augen aufschlug. Dann kniff sie sich dreimal in den Arm, setzte sich verwundert auf und blicke fest hinüber zum Tempel. Nein, der Tempel war nicht verschwunden. Und ja, es duftete tatsächlich nach einem geöffneten Backofen. Dann hatte sie nicht nur geträumt wie so oft in den letzten Wochen. Ihre Träume drehten sich nur noch ums Essen. Einmal stand sie vor einem Backofen voller Brot. Knuspriges, duftendes, dunkles Brot.
Aufgewacht war sie natürlich mit knurrendem Magen. Und auch ihr kleiner Bruder neben ihr hatte vor Hunger immer öfter geweint. Dann erzählte sie ihm von dem Brot. Manchmal schlief er dabei ein.
Die Leute  kannten die Kleine, die sich so tapfer mit ihrem Bruder durchschlug. Sie half unverdrossen bei der Ernte mit, bot sich als Wasserträgerin an oder zum Fegen im Tempelvorhof. Manchmal steckte ihr jemand ein Stückchen Brot oder eine Feige zu. Aber die meisten Leute hier hatten selbst kaum etwas zu beißen, und die beiden waren beileibe nicht die einzigen Waisenkinder von Jerusalem.

Das Mädchen klopfte den Staub von den Lumpen und erhob sich. Ja, es duftete tatsächlich wie in einer Backstube. Doch woher nur? Auch ihr kleiner Bruder reckte jetzt sein Näschen gespannt in die Luft.

Unterdessen wurde es in der Hütte hinter ihnen lebendig. Eine Witwe trat mit großen Augen vor die Tür, ihr Baby auf dem Arm. Drei schwarze Wuschelköpfe lugten hinter ihrem Rock hervor. Sie blickte versonnen in alle Himmelsrichtungen. Mir ist so sonderbar heute, murmelte sie, so leicht ums Herz.
Auch ihre Nachbarin gesellte sich dazu. Die war immer fünftes Rad am Wagen. Oder bessergesagt drittes. Als ihr Mann starb, hatte sie dessen Bruder heiraten müssen. Als Zweitfrau. Da hatte sie nie viel zu melden und erwartete nichts mehr vom Leben. Dabei war sie noch nicht einmal dreißig. Doch heute schnupperte sie richtig erwartungsvoll und witzelte sogar. Riecht lecker. Nicht wie bei armen Leuten.

Das hatten inzwischen immer mehr festgestellt. Aus allen Winkeln strömten sie zu dem Mädchen und den beiden Nachbarinnen. Auch die Alten humpelten heran. Der Bettler, der seinen Stammplatz vor der Schönen Pforte des Tempels hatte. Die Witwe, die in einem Akt der Verzweiflung ihren letzten Groschen in den Spendenkasten mit der Aufschrift „Für die Armen“ geworfen hatte.
Als sich ein klapperdürrer Mann voller Geschwüre herschleppte, ging ein Aufschrei durch die Menge. Der arme Lazarus! Alle wußten, daß Lazarus von Abfällen lebte. Der Reiche, vor dessen Tür er lag, hatte ihn nie eines Blickes gewürdigt. Wahrscheinlich hatte er ihn noch nicht einmal bemerkt. Die Hunde waren seine einzigen Freunde. Die leckten mit ihren Zungen über seine zerfressene Haut. Wie es der arme Lazarus hierher geschafft hatte, wußte kein Mensch.
Sogar die Aussätzigen, die in Höhlen leben mußten, waren ans Licht gekrochen. Sie standen in der Ferne und blickten sehnsüchtig zum Himmel.

Alle spürten den Duft. Allen lief das Wasser im Mund zusammen. Und alle merkten auf einmal, wie hungrig sie eigentlich waren. Manche hatten seit Tagen nichts Richtiges zwischen die Zähne bekommen.

Und dann sahen sie es. Das Brot. Ein riesiges Brot. Ein Brot schwebte am Himmel, so groß und duftend, wie sie nie eins gesehen hatten.

Eine ehrfürchtige Stille legte sich auf die Menge hinter dem Geschwisterpaar. Kindern blieb der Mund offen stehen. Anderen wurden die Augen feucht. Die Erinnerung an die Hungertage überwältigte sie. Wie oft sie vor leeren Tellern gesessen hatten. Wie oft sie die Kinder hatten vertrösten müssen. Die Demütigung, betteln und bitten zu müssen. Die Scham darüber, daß sie arm waren und arm blieben. Verschuldet. Verlumpt. Verkrüppelt an Leib und Seele.

Das Brot schwebte auf sie zu. Groß und größer wurde es. Dann begann es zu sinken.
Hunderte Hände streckten sich nach oben. Winzige Kinderhände. Klapperdürre und kräftige, schwielige, verkrüppelte, manche zitterten.
Alle spürten, daß sie ein Wunder erlebten.
Das Brot stieg vom Himmel herab.

Ein Baby patschte vor Vergnügen in die Hände und gurgelte und gluckste. Das brach den Bann. Jetzt lachten alle und die Kinder hüpften von einem Bein auf das andere. Frauen umarmten sich, die Männer klopften einander auf die Schuler, den Alten rollte eine Träne aus den Augen. Die Aussätzigen vor ihren Höhlen rasselten mit ihren Ratschen.

Da nahm das Mädchen seinen Bruder fest an die Hand. Sie gingen auf das Brot zu. Gott kam zu ihnen.

Gott nahm von den Palästen, von den gefegten Straßen und Gotteshäusern keine Notiz. Gott kam zu der zerlumpten, halbverhungerten Menge vor der Stadt, zu Lazarus und dem Bettler, der Witwe und der Zweitfrau. Gott trug kein prächtiges Gewand.
Das Mädchen begriff es zuerst. Gott trug überhaupt kein Gewand. Gott stieg zu ihnen herab als Brot.

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist. (Johanes 6,51). Amen.

Predigt zu Lätare über Johannes 6,51

Andere Predigten zu Joh 6,47 – 51: Menschen sind wie Brot und Brotwerdung Gottes
Andere Predigten in der Passionszeit: hier
Predigten zu Gerechtigkeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

Literatur: Luzia Sutter Rehmann: Wut im Bauch. Hunger im Neuen Testament. 2. Auflage Gütersloh 2016

 

Johannes 6, 47-51 Amen, amen, ich sage euch: Alle, die an mich glauben, haben ewiges Leben. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 49 Eure Eltern haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. 50 Dies ist das Brot, das vom Himmel herabsteigt, damit alle von ihm essen und so nicht mehr sterben. 51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist; alle, die von diesem Brot essen, werden ewig leben. Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Körper für das Leben der Welt. (Bibel in gerechter Sprache)

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