Demut und Widerstand. Predigt zu 1. Petrus 5

Umfrage in einer Gemeinde um das Jahr 100, irgendwo in Anatolien: Was beschäftigt Sie heute am meisten?
Hermes (38, Sklave): Manchmal kann ich es dem Patron überhaupt nicht recht machen. Heute war er wieder schlecht drauf: mal hü, mal hott, auch wenn es widersinnig ist. Ich habe heute viele Schläge kassiert. Aber ich darf mich nicht beschweren.
Sophia (42, Ehefrau): Daß ich so abhängig bin, macht mich bitter. Mein Mann ist ein freier Bürger und er ist sehr stolz darauf. Hungern müssen wir auch nicht. Aber ich bin nicht frei. Er bestimmt. Auch über mich. Ich darf nichts ohne seine Erlaubnis. Weiterlesen

Glück. Predigt zu Philipper 3,12

Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, um es zu ergreifen (Phil. 3, 12)
Ja, renn nur nach dem Glück / doch renne nicht zu sehr / denn alle rennen nach dem Glück / das Glück rennt hinterher. (Bertolt Brecht, Dreigroschenoper)
Sind Sie glücklich? Was für eine persönliche Frage, eine indiskrete dazu! Glück gilt als etwas Privates. Im Politik- und Wirtschaftsteil taucht es in der Zeitung kaum je auf, eher auf den hinteren Seiten, wo vom häuslichen Glück berichtet und geklatscht wird. Da ist vom wilden Glück die Rede und manchmal auch vom stillen oder vom dem der späten Jahre. Trautes Heim, Glück allein, quasi als Trutzburg gegen die rauen Winde der Welt? In der Öffentlichkeit regieren die Statistiken mit Zahlen und Diagrammen. Jedes Prozent Wachstum versüßt die Bilanz. Wirtschaftswachstum, Zunahme von Mobilität, Außenhandelsbilanz. Weiterlesen

Friedenstaube und Pfingstfenster von Wilhelm Schmied

Die Taube ist das erste Hoffnungszeichen für Noah und die Seinen in der Arche. Sie ist das Hoffnungszeichen nach einer furchtbaren Naturkatastrophe, nach einer langen Irrfahrt, einer unsanften Landung und nach Wochen des Wartens. Sie haben überlebt, als einzige, ja. Aber werden sie auch weiterleben können? Denn noch ist nicht sicher, ob die verwüstete Erde überhaupt noch Lebensraum bietet oder ob sie nicht unwirtlich bleibt, ob sie so zerstört und verpestet ist wie Flüsse und Küsten, wenn Öl aus Bohrlöchern austritt oder Tanker leck schlagen. Weiterlesen

O Haupt voll Blut und Wunden: Einar Schleef und Sangerhausen

Karfreitage gibt es auch heute genug. Manchmal schreit die Ungerechtigkeit zum Himmel. Öfter noch wohnt das Leid im Verborgenen, zum Beispiel hinter der Klinkerfassade des Reihenhauses Mogkstraße 24. Hier wächst Einar Schleef (1944 – 2001) auf, der Maler und Theaterregisseur aus Sangerhausen. Ich glaube, seine Kindheit gleicht einem langen Karfreitag.
„… meinem Vater war es manchmal unmöglich, mich zu schlagen, obwohl er mich noch mit 20 schlug, ihm war es wurscht, er drosch und wurde nur so ruhig, ich stand einfach da, bewegte mich nicht vom Fleck, biß nicht meine Zähne zusammen, nein ich tat nichts, ich ertrug ihn, er würde schon erlahmen, so hatte ich Ruhe, der Rohrstock, der Ausklopper sank, ihn schmerzte es zuzuschlagen, keine Kraft mehr, ich war ihm gewachsen, das erlebte ich wie einen Sieg, ich empfand weder Demütigung noch Schmerz.“ Weiterlesen

Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt – Predigt zum Valentinstag

„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, denn das ist meine Welt und sonst gar nichts. Das ist, was soll ich machen, meine Natur. Ich kann halt lieben nur und sonst gar nichts.“

2010 wurde in Berlin die Starmeile eröffnet. Marlene Dietrich war die erste, die mit einem Stern verewigt wurde. Begonnen hat sie nicht als Sängerin, sondern mit der Geige. “Bach, Bach, Bach, immer wieder Bach. Acht Stunden am Tag üben. Meine Mutter und ich verloren darüber beinahe den Verstand. Ich gab als erste auf,” erinnert sich Marlene Dietrich. Doch eine Sehnenentzündung war es, die ihre Ausbildung zur Konzertgeigerin beendete. Weiterlesen

Das andere Betlehem – Veränderung beginnt an der Peripherie

Spinne Erzgebirge

Es war viel los an diesem ersten Heiligabend in Bethlehem. Die Beamten schwitzen über Steuerlisten und Statistiken. Überall mussten die Abrechnungen noch fertig werden. Viele hatten Freunde und Verwandte zu Besuch, und die Gäste wollten alle versorgt sein. Die Kinder freuten sich über die Abwechslung und die Alten über Gesichter, die sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hatten. Die Frauen backten Brot, die Kinder wurden ausgeschickt, Feuerholz zu suchen. Ein kleiner Junge hatte sich das Knie aufgeschürft und weinte. Weiterlesen

Johann Hinrich Wichern und der Adventskranz 1839

Adventskranz nach Johann Hinrich Wichern

Advent – wir warten auf Weihnachten, auf Jesus, der geboren wird, auf das Licht, das von Gott in die Welt kommt. Es gibt viel Dunkelheit, auch bei uns.
Deutschland 2024: Viele Kinder wachsen behütet auf. Manche Kinder gehen nicht gern nach Hause. Ihre Eltern kümmern sich nicht um sie, es wird zuhause getrunken, es gibt häusliche Gewalt, Armut, sexuellen Missbrauch. Und leider gibt es auch Kinder, die schlagen und treten andere, stehlen und lügen. Aber es gibt auch Hilfe: das Jugendamt, Beratungsstellen wie etwa bei der ABI Sangerhausen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, sozialpädagogische Familienhilfe, Sorgentelefon, Frauen- und Kinderschutzhaus. Weiterlesen

Friedenstaube und Mauerfall: Lebenszeichen, Friedensbotin, Vogel der Verheißung

Schon als Kind liebte der spanische Maler Pablo Picasso weiße Tauben. Er sah sie in den Gehegen seines Vaters, der fast nur diese gurrenden und zutraulichen Tiere malte. Aber irgendwann wurde es dem Vater zu viel, die Füße der Tauben sorgfältig auszumalen. Und so wurde Pablo ein kleiner Taubenfußmaler. Weiterlesen

Die Mauer weglachen. Andacht am 9. November 2009

Witze sind die Waffe der Unterdrückten. Sie haben etwas Subversives. Sie untergraben die Autorität, nehmen sie einfach nicht mehr ernst, pfeifen auf die Regierung, entlarven ihr hohles Gerede, nehmen ihr Ende vorweg.
Witze sind die Waffe der Machtlosen, die nichts in der Hand haben, die keinen Druck ausüben können, nicht streiken, nicht demonstrieren, denen die Möglichkeit oder der Mut zum offenen Protest fehlt. Sie sind gewaltlos, wie Kerzen und Gebete. Weiterlesen