O Haupt voll Blut und Wunden: Einar Schleef und Sangerhausen

Karfreitage gibt es auch heute genug. Manchmal schreit die Ungerechtigkeit zum Himmel. Öfter noch wohnt das Leid im Verborgenen, zum Beispiel hinter der Klinkerfassade des Reihenhauses Mogkstraße 24. Hier wächst Einar Schleef (1944 – 2001) auf, der Maler und Theaterregisseur aus Sangerhausen. Ich glaube, seine Kindheit gleicht einem langen Karfreitag.
„… meinem Vater war es manchmal unmöglich, mich zu schlagen, obwohl er mich noch mit 20 schlug, ihm war es wurscht, er drosch und wurde nur so ruhig, ich stand einfach da, bewegte mich nicht vom Fleck, biß nicht meine Zähne zusammen, nein ich tat nichts, ich ertrug ihn, er würde schon erlahmen, so hatte ich Ruhe, der Rohrstock, der Ausklopper sank, ihn schmerzte es zuzuschlagen, keine Kraft mehr, ich war ihm gewachsen, das erlebte ich wie einen Sieg, ich empfand weder Demütigung noch Schmerz.“ Weiterlesen

Begegnung – Maria und Elisabeth

Wann sehen wir uns wieder, heißt es am Ende von Familientreffen. Dann werden die Kalender hervorgeholt und der Termin dick angestrichen. Wenn sich beim nächsten Mal alle in die Arme fallen, ist die Freude groß. spannend ist es, wenn sich alte Freunde nach langen Jahren wiedertreffen oder eine Schulklasse bei der Goldenen Konfirmation. Wiedersehen macht Freude.
Aber nicht alle Leute möchten wir wiedersehen. Weiterlesen

Günther Dehn: „Gefallen für Volk und Vaterland“ – höchstes Zeichen christlicher Liebe?

Ein Vers aus dem Johannesevangelium hat vor  fast 100 Jahren deutschlandweit für Aufregung gesorgt, und der Ausgangspunkt war ganz in unserer Nähe, in Magdeburg. Es war die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, in der Gefallenendenkmäler errichtet wurden. Auch in unserer Kirche hingen Tafeln mit Soldatenbildern. Erst beim Kirchenbrand 1971 sind sie verschwunden. Unseren Großeltern und Urgroßeltern wurde beigebracht, Kirche, Volk und Vaterland in einem Atemzug zu nennen. Sterben im Krieg wurde als christliche Pflicht und Ausdruck von Nächstenliebe gedeutet. Und der Bibelvers dazu lautete: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“. (Johannes 15,13) Weiterlesen

550 Jahre Jacobikirche

Spielszene am 1. April 2007

Rat, Meister Heinrich, Altarleute

Rat: Meister Heinrich! Wir, der Rat von Sangerhausen und die Altarleute von St. Jacobi, haben euch rufen lassen. Wir wollen die Jacobikirche neu errichten. Ihr seht selbst (zeigt mit dem Arm auf den Altarraum), dieses alte Gebäude ist von 1271, manche sagen, es ist noch älter. Das Rathaus haben wir schon erneuert; das alte ist, wie ihr wisst, abgebrannt. Nun soll endlich die Jacobikirche drankommen. Dann kann sich Sangerhausen sehen lassen. (Als Kreisstadt!!) Weiterlesen

Michael, der Seelenwäger. Predigt am Totensonntag

Sehen Sie links oben sehen die Reste des Wandgemäldes? Es ist ein Engel im wallenden Gewand. Doch er ist anders als die Engel auf Weihnachtsbildern dargestellt, auf unserer Kanzel oder an der Orgel. Er trägt eine Waage in der Hand und ein Schwert ist zu sehen. Er ist nicht lieblich, sondern zeigt ein anderes Gesicht. Es ist Michael, der Erzengel, oder auch Michael, der Seelenwäger. Waage und Schwert sind meist das Attribut der Gerechtigkeit, die nicht nach dem Ansehen urteilt. Hier, bei Michael, erinnert es an den Tod. Weiterlesen

Kirchenbücher – der Name bleibt

Joh. Metz, Kirchendiener, 11.Dec. 1601. Ich hatte seinen Sterbeeintrag gefunden! Unser Johannes Metze, der Kanzelträger in der Jacobikirche! Es hatte sich gelohnt, nach ihm zu suchen, sein Name steht in unserem Kirchenbuch. Er war vor 400 Jahren unser Küster; seine farbige Holzfigur steht mit einem riesigen Kirchenschlüssel in der Hand unter der Kanzel. Nach und nach fand ich noch mehr: dass er verwitwet war und seine Frau 5 Jahre vor ihm starb. Dass er eine Tochter Barbara hatte, die ihren Liebsten Hieronymus Kühne 1579 heiratete. Dass 1581 ein Enkelchen geboren wurde, Maria. Ich bekam sogar heraus, mit wem die jungen Leute befreundet waren, nämlich wenn sie bei anderen Familien Pate standen. Weiterlesen

Brief an Matthäus über seine Gemeindeordnung

Lieber Matthäus!

Wenn du nicht gewesen wärst, hätten wir vieles über Jesus nicht erfahren. In der Weihnachtsgeschichte berichtest du uns als einziger von Josef, daß er zweimal träumte. Und dass er nicht darüber lachte, sondern geglaubt hat, dass der Engel wirklich zu ihm sprach. So ist er bei Maria geblieben und später mit ihr und dem Kind vor Herodes geflohen..  Weiterlesen

Heilige – der Kaufmann Johann Grötzinger

Der Kaufmann Johann Grötzinger in der Grauengasse wunderte sich, als er eine Mahnung von der Kirchenkasse im Briefkasten  vorfand. Er sei, las er, mit der Kirchensteuer im Rückstand und solle sie binnen 8 Tagen überweisen, sonst würde sie durch’s Finanzamt eingezogen werden. Der Kaufmann Johann Grötzinger schüttelte den Kopf, denn er war ein korrekter und ehrlicher Mann und keineswegs ein säumiger Zahler. Seine kaufmännische Ehre bedeutete ihm viel. So setzte er sich an sein Pult, schraubte seinen Federhalter auf und schrieb. „Als Glied der Bekennenden Kirche habe ich den Betrag ordnungsgemäß an die Treuhandstelle Gerth eingezahlt.“ Unten setzte er noch seine Unterschrift und das Datum: 30.9.36. So schickte er den Vordruck an die Gemeinde zurück. Weiterlesen

Presente! Osterpredigt

Ostermorgen in einer einfachen Kirche in Lateinamerika. Die Leute stehen dichtgedrängt. Eine Liste mit Namen wird vorgelesen, einer nach dem anderen. Manchmal schluchzt jemand auf. Es ist die bedrückende Liste mit Namen von Menschen, die getötet sind oder verschwunden: erschossen, mit Folterspuren tot aufgefunden, auf einen Lastwagen gezerrt und nie wieder aufgetaucht, festgenommen und in Gefängnissen verschwunden. Carlos, Eva, Oscar. Weiterlesen