Blindenheilung auf TikTok (Joh 9)

HALLÖCHEN, ihr Lieben, alle meine Followerinnen und Follower. Schön, dass ihr alle wieder da seid. Hier ist die Sissy mit unserer neuesten Folge von „Gefährliche Orte der Welt – funny & crazy“, diesmal aus dem Nahen Osten. Ich bin für euch nach Israel gereist. Heute Morgen bin ich in Jerusalem angekommen. Das war gar nicht so einfach, wegen Gaza und so. Überall noch Militär, und dazu die langen Schlangen an den Einlasskontrollen – echt nervig. Doch ihr seht, ich habe es geschafft.
Hinter mir läuft ein crazy Contest, der ist echt abgefahren. Also es geht darum, wer am schnellsten einen Blinden heilt. Weiterlesen

Jom Kippur, der Anschlag auf die Synagoge in Halle und Mansfeld-Südharz

Am 9. Oktober 2019 griff ein junger Mann aus unserem Landkreis die Synagoge in Halle an, tötete zwei Menschen und verletzte andere. Den Tag hatte er bewußt gewählt: Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Er hat sich intensive mit dem jüdischen Glauben beschäftigt. Aber nicht, um Brücken zu schlagen, sondern aus Haß. Der Antisemitismus, den christliche Kirchen Jahrhundert um Jahrhundert gepredigt haben, wirkt weiter.

An uns Christ*innen ist es, uns einzugestehen, daß wir daran mitverantwortlich und mitschuldig sind. Wir beten mit Worten aus Psalm 130.

Was ist Jom Kippur? Die Polizei hätte vor einem Jahr die Synagoge bewachen müssen, wird kritisiert, und die Polizist*innen hätten wissen müssen, daß die Menschen in der Synagoge nichts gegessen haben, als sie sie nach dem Anschlag in den Bus gebracht haben. Selbst von der Polizei wird heutzutage also erwartet, dass sie sich mit jüdischen Feiertagen auskennt. Wie sieht das bei uns aus, bei Gemeindemitgliedern? Immerhin sind wir die nächsten Religionsverwandten. Jedenfalls ist das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen. Was wissen Sie über Jom Kippur?

[Vorlesen von Informationen zu Jom Kippur, siehe unten * ]

Der Täter von Halle stammt aus unserem Landkreis. Er ist in unserem Umfeld groß geworden, ist in Eisleben auf’s Gymnasium gegangen, die Mutter hat an einer Grundschule Ethik und Kunst unterrichtet. Er ist – wie Martin Luther – ein „mansfeldisch Kind“. Er hat sich das Ziel seines Anschlags genau überlegt. Zur Auswahl standen auch Moschee und Antifa-Zentrum. Er haßt selbstbewußte Frauen, Feminismus, Islam, Zugewanderte. Dafür macht er das Judentum verantwortlich.
Wie kommt es, daß in unserer Umgebung ein junger Mensch so viel menschenfeindliche Vorstellungen kultivieren kann und niemand hellhörig wird, nicht im Kindergarten, nicht in der Grundschule, nicht in den Arbeitsgemeinschaften auf dem Gymnasium, nicht in der Nachbarschaft?

Was für ein Klima in unserem Landkreis herrscht, könnten uns Menschen sagen, die Angst haben und gegen die hergezogen wird auf der Arbeit, am Biertisch, in der Schule. Worte sind nicht Schall und Rauch. Aus Gedanken sind am 9. Oktober 2019 Taten geworden.

Jom Kippur heißt Versöhnungstag. Anders als in den christlichen Kirchen wird die Bitte um Vergebung im Gottesdienst in der Wir-Form gesprochen. Nicht nur einzelne haben sich verfehlt. Die ganze Gemeinschaft bekennt sich schuldig, es ist ein kollektives Schuldeingeständnis. Alle sind mitverantwortlich. Und sei es, daß sie geschwiegen haben. Wie verhalten wir uns beispielsweise, wenn Witze gerissen werden über verletzliche Gruppen und Minderheiten?

Ein Versöhnungstag könnte auch uns gut tun. Ein Tag der Versöhnung und Reue, an dem wir über unsere kollektive Verantwortung nachdenken, um Verzeihung bitten und überlegen, wie wir uns als Gemeinschaft anders verhalten können. An so einem Tag könnten wir uns bewußt machen, wo unter uns Abwertung und Vorurteile gedeihen und welche Konsequenzen sie haben. Es gehört Mut dazu, wenn wir Schuld nicht auf einen einzelnen abschieben und ihn zum Täter machen, sondern uns eingestehen: wir alle haben versagt. Als Menschen im Landkreis, in unseren Dörfern und Städten, als Zivilgesellschaft.

Foto: W.Cug

Und in den Kirchengemeinden wollen wir uns damit auseinandersetzen, wie christliche Verkündigung zum Antisemitismus beigetragen hat, z.B. wie wir über Altes Testament reden, welche Klischees wir von Pharisäer*innen verbreiten. Und wir können überlegen, wie wir zukünftig so von Gott oder von Jesus reden, daß niemand abgewertet und diskriminiert wird.
Der kollektiven Reue und Umkehr ein Fest zu widmen und ein Versöhnungsfest zu begehen, wäre eine Idee, die uns gut zu Gesicht steht. Der Anstoß kommt aus der jüdischen Tradition. Amen.

Weitere Predigten: Pilatus weißgewaschen
Israelsonntag:
Halleluja und Amen: Vereinnahmung und Abwertung von jüdischem Glaubensgut durch christliche Tradition   und   Die Brille von der Schuld der Juden am Tod von Jesus
Heiligabend:
Jüdisches Christkind

Lesung: Jesaja 58,6-8 (Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast…)

** Jom Kippur heißt Versöhnungstag oder Versöhungsfest. Es wird 10 Tage nach dem Neujahrsfest begangen, am 10. Tag des jüdischen Monats Tischri. Am Neujahrstag schlägt Gott drei Bücher auf und die Menschen legen Rechenschaft ab. Ins erste werden die ganz „Gerechten“ eingetragen, die sofort das „Siegel des Lebens” erhalten. Ins zweite Buch werden die ganz „Schlechten“ eingeschrieben. Das dritte Buch ist für die Durchschnittsmenschen bestimmt. Über sie bleibt das Urteil bis zum Versöhnungstag offen. In diesen zehn Tagen können sie bereuen, einander um Verzeihung bitten, Gutes tun und sich verändern. Am Jom Kippur wird das Urteil, das am Neujahrsfest gefällt wurde, besiegelt und bekommt damit Gültigkeit. Der Versöhnungstag ist ein Tag der Reue, der Buße und Umkehr.

Wie alle jüdischen Feste beginnt es am Vorabend, vor Sonnenuntergang. Beim Abendgebet wird das Kol Nidre gesprochen. Am Morgen wird ein Abschnitt aus dem Jesajabuch gelesen, und der Gottesdienst in der Synagogen dauert bis zum Abend.

In Israel bleiben Restaurants und Cafés geschlossen und das öffentliche Leben steht still. Nur Krankenwagen und Feuerwehr sind unterwegs. Säkulare Jüd*innen begannen in den letzten Jahrzehnten, diese Situation für Fahrradtouren auf den leeren Autobahnen zu nutzen. Die meisten Jüd*innen fasten. Es gilt als unhöflich, am Jom Kippur in der Öffentlichkeit zu essen oder Musik zu hören. Ein Widderhorn, der Schofar, kündigt den Sonnenuntergang an. Das Fest endet mit dem Mondsegen im Freien und einem festlichen Essen, das “Anbeißen”. Die Menschen wünschen sich gegenseitig ein glückliches Jahr und gute Besiegelung.  (Informationen z.T. wörtlich aus Wikipedia zu „Jom Kippur“)

Gott* wird

Was für ein Name: Ich bin, der ich bin. Oder: Ich werde sein, die ich sein werde. Das ist eher ein Nicht-Name. Gott hat einen Nicht-Namen. Gott heißt nicht Allmächtiger. Oder Herr. Oder Jehova, was eine phantasierte Deutung der 4 hebräischen Buchstaben „Jahwe“, des Tetragramms darstellt. Als Mose am brennenden Dornbusch fragt, gibt Gott sich selbst einen Namen, der kein Name ist und der auch ganz verschieden aus dem Hebräischen übersetzt werden kann: Ich bin, ich werde sein, ich bin für euch da. Ich werde sein, die ich sein werde (2. Mose 3,14).
Ein Name ist immer etwas Festes und gibt einer Person ein Gesicht. Hinter ihrem Namen blitzt das Wesen einer Person auf. Davon waren die Leute früher überzeugt, und wenn sie den Namen herausbekamen, erfuhren sie zugleich, wie er oder sie ist. Wolfgang etwa, wie ein Wolf. Oder Traugott.
Gott gibt sich keinen festen Namen. Ich bin, der*die ich sein werde, das lässt Raum für Veränderung. Weiterlesen

Schiffe im Advent – Liedpredigt

Wie gut, dass es Schiffe gibt. Sie sind die ältesten Fahrzeuge der Menschheit. Lange schon bevor Karren oder Wagen erfunden waren, befuhren die Menschen Flüsse und Meere, ja überwanden sogar die Entfernungen zwischen Kontinenten. Mit Schiffen gelangten sie in jene Fernen, in die ihre Füße sie nie hätten tragen können. Schiffe trugen sie in Länder, von denen sie träumten, und über Abgründe und Untiefen hinweg, die lebensgefährlich waren. Nicht nur Kinder können heute noch stundenlang am Strand oder am Hafen sitzen und den Schiffen hinterherblicken. Die spiegelglatten Weiten des Meeres oder die aufgewühlte See faszinierten auch Maler:innen.
Das Schiff ist ein Bild für Hoffnung und Träume. In der Sprache der Symbole ist es auch ein Sinnbild der Reise, des Unterwegsseins, des Übergangs, manchmal sogar des Übergangs vom Leben zum Tod. Wasser verbindet und Wasser trennt.

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Sicher nicht – oder? Friedensdekade 2023

Menschen brauchen Sicherheit, von Anfang an. Ein Baby ist darauf angewiesen, daß sich jemand kümmert, wenn es schreit, daß es gestillt und gewickelt, getröstet und geknuddelt wird. Wenn ein Kind geborgen aufwächst, kann es damit klarkommen, wenn etwas anders ist oder wenn etwas fehlt. Es wird nach und nach lernen, mit Ungewohntem umzugehen, wird Frustrationen überwinden und lernen, sich auf neue Situationen einzustellen. Menschen brauchen Sicherheit, auch als Erwachsene. Zu essen und ein Dach über dem Kopf haben sind Grundbedürfnisse, aber auch wahrgenommen und geachtet werden, mit anderen Menschen verbunden sein, Ziele haben, ein sinnvolles Leben führen und keiner Gewalt ausgesetzt sein. Wie wichtig das alles ist, merken wir oft erst, wenn etwas davon fehlt. Mit den Sicherheiten in der Gesellschaft ist es ähnlich. Weiterlesen

Halleluja und Amen: Vereinnahmung und Abwertung von jüdischem Glaubensgut durch christliche Tradition

In unseren Kirchen finden wir jüdische Symbolik. Das Tetragramm, die hebräischen Buchstaben יהוה für den Gottesnamen, war beliebt in Altären der Barockzeit. An der Kanzel sind jüdische Propheten dargestellt. In Gesangbuchliedern taucht der Gottesname auf („Dir, dir, Jehova, will ich singen“, im EG 328 schon ersetzt durch „du Höchster“). Amen, Halleluja, Messias – das sind Worte aus dem Hebräischen. Wie kommt es, daß unsere christlichen Tradition gleichzeitig über Jahrhunderte Antisemitismus befördert hat?
Ich glaube, es ist zweierlei passiert: Die Kirchen haben sich den jüdischen Glauben sowohl angeeignet und ihn gleichzeitig abgewertet. Weiterlesen

Reformationstag: Rabbi Jesus

Clara Maria Goldstein Rabbi Jesus

Ich habe ein Bild mitgebracht. ** Es zeigt einen jüdischen Rabbi oder Rabbiner, also einen jüdischen Gelehrten, Lehrer, Theologen, Ausleger der Schrift. Er trägt seinen Gebetsmantel, den Tallit, an dessen vier Enden sich die Zizit, Schaufäden oder Quasten, befinden. Den legt er morgens an, wenn er betet, und er trägt ihn, wenn er in der Synagoge aus der Tora vorliest und sie auslegt.
Einen Abschnitt aus der Tora haben wir eben gehört, und gerade dieser Abschnitt hat für den jüdischen Glauben eine besondere Bedeutung. Weiterlesen

#offengeht: Suchet der Stadt Bestes. Interkulturelle Woche

#offengeht lautet das Motto der Interkulturellen Woche 2021. Um Offenheit geht es, dass sie möglich ist, dass wir eine offene Stadt, ein offener Landkreis, eine offene Gesellschaft sind. Und zugleich: dass wir es werden. Es geht. Es geht voran. Wir treiben es voran. #offengeht, das ist ein Prozess, in den wir hineingezogen werden und bei dem wir mitmachen. Eine offene Stadt, ein offener Landkreis werden wir nicht von alleine. Es sind immer wieder Leute nötig, die Impulse weitergeben. anstoßen und nachstoßen. #offengeht, so hat Gott sich auch die Welt gedacht, als offene Welt, als Lebens-Raum, in dem für alle Platz ist und alle gut leben können, auch die, die im Schatten stehen.

Flucht und Vertreibung sind kein neues Thema. Durch die Geschichte hindurch wurden immer wieder Menschen und ganze Völker vertrieben und versklavt. Die Bibel erzählt, wie das dem jüdischen Volk um 600 v.u.Z, geschah, also vor mehr als 2500 Jahren. Die Babylonier unter König Nebukadnezar eroberten die Hauptstadt Jerusalem und zerstörten alles. Weiterlesen

Palmsonntag – Umzüge und Pogrome

Auf in die Hauptstadt! So hieß es nicht nur am Palmsonntag bei Jesus. Auf in die Hauptstadt, so hieß es am Epiphaniastag 2021 in Washington. Auf ins Zentrum der Macht! Doch die 800 Leute, die zum Kapitol zogen, folgten nicht friedlich einem jüdischen Messias. Sie trugen  Hörner, schwenkten Fahnen, kletterten durch Fenster, wälzten sich durch die Flure, brachen in Büros ein, lümmelten mit den Füßen auf dem Schreibtisch und schickten ihre Selfies in die Welt: Wir sind da. Dieses Haus gehört uns. Wir haben die Macht. Die Bilanz: 5 Tote, 140 verletzte Polizist*innen, eine zutiefst verstörte Gesellschaft und die bange Frage: wann kommen sie wieder.

Wie anders war der Einzug von Jesus in Jerusalem. Weiterlesen