Silvester: Abschied als Herausforderung

Wir verabschieden uns heute vom alten Jahr. Das Jahr endet im Dunkeln und zugleich im Licht. Ist es auch sonst so mit den Abschieden im Leben? Seit uns die Nabelschnur abgeschnitten wurde, gehören sie dazu, immer wieder. Abschied vom Kindergarten, von der Schule, aus einem beruflichen Umfeld. Abschied von Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind oder die es uns schwer gemacht haben. Abschied von einer Lebensphase, von Vertrautem, von Belastendem und Zermürbenden. Abschied von liebgewordenen Vorstellungen, von Lebenseinstellungen, vom Bild, das ich von mir selbst habe oder von anderen. Wir müssen uns immer wieder abnabeln. Abschied mit lachendem und weinendem Auge, als Schmerz und als Befreiung. Solange wir leben, verändern und wandeln wir uns, gehen auf Neues zu und begrüßen es. Solange wir leben, müssen wir uns auch verabschieden. Weiterlesen

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Dieser philosophischer Ratgeber steht seit Wochen auf den Bestsellerlisten und beschäftigt die Leute. Es ist nicht selbstverständlich, daß und wie sich unsere Identität bildet. Es ist nicht selbstverständlich, daß sich unsere Täuflinge, unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden zu jungen Leuten entwicken, die ihren eigenen Weg durchs Leben finden, sich Neugier und Freude bewahren und mit Krisen und Schwierigkeiten umgehen können. Wer bin ich? Weiterlesen

Herz-Schätze

Auf dem Nachttisch meiner Oma standen ein Wecker und eine Keksdose. Letzterer galt mein besonderes Interesse. Die Dose glänzte und beinhaltete Plätzchen mit einem roten Marmeladenpunkt in der Mitte. Zu besonderen Gelegenheiten durfte ich den Deckel aufmachen und ein Plätzchen naschen. Für die Oma dagegen war der Wecker wichtig. Nicht nur weil er schön laut klingelte. „Der ist noch aus der Heimat“, sagt sie immer.
Die Heimat gab es nicht mehr. Weiterlesen

Was haben Sie zu sagen?

Was haben Sie zu sagen?
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – das gilt nur manchmal. Etwa für die, die zu allem ihren Senf dazugeben. Oder für Leute, die zwar viele Worte machen, aber im Grunde dabei nicht sagen. Was haben sie eigentlich gemeint, denke ich hinterher. Hätten sie sich nicht kürzer fassen können, statt denen, die zuhören, die Zeit zu stehlen?
Statistiken zeigen, daß in Diskussionen Männer länger zu Wort kommen als Frauen – übrigens auch in Gemeindekirchenräten. Viele, die sich zurückhalten, trauen sich nicht. Sie haben Angst, daß sie sich nicht so gut ausdrücken können, oder halten ihre Gedanken für zu unbedeutend. Wie lebendig würde es, wenn sie den Mund aufmachten! Wenn wir den anderen zeigen, was uns bewegt, können wir viel bewegen. Weiterlesen

Was uns umgibt

Haben Sie heute schon Ihre Umgebung wahrgenommen?
Was sehen, hören, riechen, fühlen Sie? Was befindet sich um Sie herum in Ihrer Nähe? Und haben Sie etwas Schönes entdeckt?
Womit wir uns umgeben, das gehört zu uns. Es ist so individuell wie wir selbst. Unser Platz, unsere Wohnung, unser Haus erzählt etwas von uns. Weiterlesen

In den Spiegel schauen

Im Jahr 2006 haben wir den 150. Geburtstag von Sigmund Freud, dem Vater der Psychoanalyse, begangen. Freud hat sich der Erforschung dessen gewidmet, was wir als das Unbewusste bezeichnen. Denn was wir denken und wollen, bestimmt uns nur zum Teil. Unser Verstand und unser Wille ist nur ein Teil unserer Persönlichkeit. Eine Fülle von Gefühlen, Sehnsüchten, Trieben, Enttäuschungen und Erfahrung wohnt in uns – und prägt uns. Wie gut kennen wir uns eigentlich? Weiterlesen

Kirchenbücher – der Name bleibt

Joh. Metz, Kirchendiener, 11.Dec. 1601. Ich hatte seinen Sterbeeintrag gefunden! Unser Johannes Metze, der Kanzelträger in der Jacobikirche! Es hatte sich gelohnt, nach ihm zu suchen, sein Name steht in unserem Kirchenbuch. Er war vor 400 Jahren unser Küster; seine farbige Holzfigur steht mit einem riesigen Kirchenschlüssel in der Hand unter der Kanzel. Nach und nach fand ich noch mehr: dass er verwitwet war und seine Frau 5 Jahre vor ihm starb. Dass er eine Tochter Barbara hatte, die ihren Liebsten Hieronymus Kühne 1579 heiratete. Dass 1581 ein Enkelchen geboren wurde, Maria. Ich bekam sogar heraus, mit wem die jungen Leute befreundet waren, nämlich wenn sie bei anderen Familien Pate standen. Weiterlesen

Engel

Da war diese seltsame Geschichte in der Adventszeit. Ich muß drei oder vier gewesen sein. Der Weihnachtsbaum auf dem Markt, riesig und leuchtend, hatte es mir angetan, und ich wollte ihn gern einmal in aller Ruhe betrachten. In der Dunkelheit eines Nachmittags machte ich mich schließlich auf den Weg in die Stadt. Allein. Wie ich über die große Straße kam, um den Baum mit großen Augen zu bestaunen, weiß ich nicht. Jedenfalls fand ich mich schließlich an einer großen Hand vor, die mich wieder nach Hause brachte. Weiterlesen

Vergeben dem, was war

Als ich 20 war, habe ich mich sehr darüber aufgeregt, dass das Gesangbuch voller Lieder ist, die von Leid und Tod erzählen. Die vielen Lieder aus dem 30jährigen Krieg waren mir zu pessimistisch und lebensfern. Ich kam erst ins Nachdenken, als Eltern bedauerten, dass das in der (damals) sozialistischen Schule ganz und gar fehle. Höchstens der Heldentod für den Sozialismus komme vor oder das Elend der werktätigen Massen. Aber wie sollten die Kinder darauf vorbereitet werden, mit Leid und Schicksalsschlägen umzugehen?
Inzwischen haben wir ein neues Gesangbuch, und im Religions- und Ethikunterricht werden auch Themen wie Behinderung oder Sterben bearbeitet. Die Ratgeberspalten haben sich sogar in der Kirchenzeitung einen festen Platz erobert. Im Grunde geht es dabei um ein und dasselbe Thema: wie gehen wir mit Schwierigkeiten oder Verletzungen um. Die Rechnung, dass ein rechtschaffenes oder gläubiges Leben davor feit, geht leider nicht auf. Weiterlesen