Johannes, Gefangener

Johannes gehört zu den Menschen, die unschuldig im Gefängnis sitzen. Ab ins Gefängnis. Das kam fast die ganze Menschheitsgeschichte hindurch einem Todesurteil gleich. Für uns heute scheint selbstverständlich, dass der Strafvollzug auf einem Rechtssystem beruht und dass die Justiz unabhängig ist und die Richter*innen nicht bestechlich.  Gefangene haben das Recht auf Verteidigung und auf menschenwürdige Behandlung. Sie können in Berufung gehen, bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.
Das alles gab es zu Zeiten von Johannes dem Täufer nicht. Wer ins Gefängnis kam, musste sich auf ein baldiges und grausames Ende gefasst machen.

Taufdeckel

Bestenfalls drohte Sklaverei oder Verbannung.
Nur ein kleiner Teil derer, die im Gefängnis landeten, hatte tatsächlich ein schlimmes Verbrechen begangen. Es waren Menschen, die dem jeweiligen Herrscher in die Quere kamen, unliebsame Geschäftspartner, psychisch Kranke und Arme. Vor allem Arme. Sie waren in Schuldknechtschaft geraten. Ein paar Missernten reichten schon aus. Um nicht zu verhungern, aßen sie das Getreide auf, das sie eigentlich als neues Saatgut brauchten. Das kauften sie im nächsten Jahr auf Kredit. Und schon saßen sie in der Schuldenfalle, kamen ins Gefängnis. Wer hätte sie auslösen sollen? Ihre Verwandten, ihr Umfeld war genauso arm und schrammte selbst knapp an der Überschuldung vorbei. Der Weg aus der Schuldknechtschaft führte geradewegs in die Sklaverei. Einzelpersonen, ganze Familien wurden verkauft, irgendwohin. In Bergwerke. In die Landwirtschaft. Zum Bau von Viadukten oder Amphitheatern, durch die heute die Tourist*innen spazieren und ihre Schönheit bestaunen.

Die meisten, die im Gefängnis saßen, waren unschuldig. Sie hatten Feinde, waren in Ungnade gefallen. Oder hatten Anstoß erregt, so wie Johannes. Er hatte gewagt, Herodes Antipas öffentlich zu kritisieren. Schon dessen Vater, der König Herodes aus der Weihnachtsgeschichte, war dafür bekannt, dass er nicht lange fackelte und sogar Familienmitglieder um die Ecke brachte. Bei Johannes befürchtete Herodes Antipas wahrscheinlich, dass er ein Unruheherd werden könnte. Nur zu gern präsentierte er das abgeschlagene Haupt von Johannes dem Täufer auf einer Schale.

Gefängnisse waren und sind Orte der Folter, in denen Menschen Demütigungen durch Personal und Mitgefangene ausgesetzt sind, in denen ihre Würde systematisch gebrochen werden soll. Johannes, Petrus, Paulus und Jesus – sie alle wurden ins Gefängnis geworfen. Sie alle haben am eigenen Leib erlebt, was bis heute in vielen Ländern der Erde tägliche Praxis ist. Dass es in Deutschland heute anders ist, ist nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk Gottes und das Verdienst unzähliger mutiger Menschen, die für eine humane und gerechte Justiz gekämpft haben und dafür oft selbst verfolgt wurden oder ihr Leben lassen mussten.

Im Advent denken wir an Menschen, die im Dunkeln sitzen, in Gefängnissen, Lagern und Folterkellern. Auch heute noch ist in vielen Ländern die Rechtsprechung eine Farce und sie benachteiligt oftmals Arme und Angehörige von verfolgten Gruppen, von  ethnischen, religiösen oder sexuellen Minderheiten.
Wir würden Johannes den Täufer heute als gewaltlosen politischen Gefangenen bezeichnen. Vielleicht würden sich Menschenrechtsgruppen für ihn stark machen, Briefe schreiben, Petitionen verfassen.

Johannes gelingt es, eine Botschaft aus dem Gefängnis zu schmuggeln, und auch eine Antwort kommt bei ihm an. Jesus antwortet mit einem Prophetenwort (Jes 61,1). Da beschreibt Jesaja die große Wende. Die Verhältnisse auf der Welt ändern sich grundlegend: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt. Diese Stelle zitiert Jesus immer wieder, und er zitiert auch, wie sie weitergeht: dass die Gefangenen frei sein sollen und die Zerschlagenen befreit (vgl. Lk 4,18). Es ist das, woran Johannes geglaubt hat und wofür er sein ganzes Leben gekämpft hat. Das Reich der Gerechtigkeit, es wird kommen. Sein Einsatz war nicht vergeblich. Es war nicht vergeblich, wofür er immer und immer wieder den Mund aufgemacht hat – so wie auch heute Mutige in Hongkong oder Uganda, in Russland oder Katar, in Afghanistan oder Ungarn.
Johannes wird es nicht mehr erleben. Aber es ist im Kommen. In die Keller der Menschheit soll Licht fallen.

Predigt am 3. Advent
Andere Predigt: Johannes der Täufer und die Menschenrechte
Andere Predigten in der Adventszeit
Zu den Predigten im Jahreslauf

 

Matthäus 11,2-6
Als Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger 3 und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; 6 und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

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