Die Heilung des Gelähmten – eine Männergeschichte

Diese Predigt wurde 2004  in der Kategorie „Beste Predigt “ mit dem Ökumenischen Predigtpreisausgezeichnet.

Liebe Gemeinde,  es ist eine Männergeschichte. Jesus, der Gelähmte, die Freunde, die ihn tragen, die Schriftgelehrten – all die agierenden Personen sind Männer. Die Frauen, wenn sie denn im Haus sind wie zuvor die kranke Schwiegermutter des Petrus, bleiben im Hintergrund. Es ist eine Männergeschichte. So will ich versuchen, ob es geht, diese Geschichte als Männergeschichte zu lesen.
Und: sie ist merkwürdig stumm. Der Gelähmte sagt nichts, noch seine Freude, nichts von seiner Not, keine Klage, keine Bitte, kein Hilferuf, keine Schilderung des langen Leidens und was sie vielleicht schon alles unternommen haben. Auch die Schriftgelehrten sagen nichts, sprechen nicht aus, was sie denken. Ihr Widerstand bleibt stumm. Es wird viel geschwiegen in dieser Geschichte. Jesus ist der einzige, der redet. Weiterlesen

Maria und Elisabeth – wie alles begann.

Die Weihnachtsgeschichte wird „eingeläutet“ von zwei Frauen, die ein Kind in ihrem Leib tragen: Elisabeth und Maria. So erzählt es jedenfalls das Lukasevangelium. Zwei Frauen werden schwanger und bringen einen Sohn zur Welt. Johannes und, ein halbes Jahr später, Jesus. Vorläufer, Mahner und Prophet der eine, und er weist hin auf den Retter, den anderen, den neuen Adam, den neuen Menschen. Und es beginnt, wie sollte es anders sein, mit ihren Müttern. Für beide ist es das erste Kind, und beide Male ist es eine ungewöhnliche Schwangerschaft. Weiterlesen

Vergeben dem, was war

Als ich 20 war, habe ich mich sehr darüber aufgeregt, dass das Gesangbuch voller Lieder ist, die von Leid und Tod erzählen. Die vielen Lieder aus dem 30jährigen Krieg waren mir zu pessimistisch und lebensfern. Ich kam erst ins Nachdenken, als Eltern bedauerten, dass das in der (damals) sozialistischen Schule ganz und gar fehle. Höchstens der Heldentod für den Sozialismus komme vor oder das Elend der werktätigen Massen. Aber wie sollten die Kinder darauf vorbereitet werden, mit Leid und Schicksalsschlägen umzugehen?
Inzwischen haben wir ein neues Gesangbuch, und im Religions- und Ethikunterricht werden auch Themen wie Behinderung oder Sterben bearbeitet. Die Ratgeberspalten haben sich sogar in der Kirchenzeitung einen festen Platz erobert. Im Grunde geht es dabei um ein und dasselbe Thema: wie gehen wir mit Schwierigkeiten oder Verletzungen um. Die Rechnung, dass ein rechtschaffenes oder gläubiges Leben davor feit, geht leider nicht auf. Weiterlesen

Berge besteigen – Predigt zu Matthäus 28,18-20

8000 ist die magische Zahl des Bergsteigens. Ab hier beginnt die Todeszone. Die Zahl ist das Achttausendfache des Urmeters. Das Himalaja-Gebirge hat 14 Achttausender. Der Mount Everest ist der höchste, 8848 m. 1953 gelang die Erstbesteigung, 1978 erreichten Reinhold Messner und Peter Habeler zum ersten Mal den Gipfel des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff. An manchen Tagen belagern 300 Zelte den Everest. Nicht nur die Menschen leiden unter diesem Andrang, auch die Natur. Der Everest verwandelte sich zunehmend zu einer Müllkippe. Verpackungen, Fäkalien und vor allem leere Sauerstoffflaschen. Weiterlesen

Die Kirche erzählt (Spielszene zur Kirchen-Einweihung)

Fast 750 Jahre ist es her, dass die SangerhäuserInnen ihre Stadt erweiterten, den großen Marktplatz anlegten und darauf das Rathaus errichteten und die Kirche – groß genug, um die Menschen dieser Stadt zu beherbergen. In diese Kirche kamen sie, wenn sie Trost suchten oder Schutz in Kriegszeiten. Die Ratsherren und Bürgermeister zogen hier ein, wenn ihre neue Amtsperiode begann. Ihre Glocken warnten vor Feuer oder Angriff, sie mahnten allabendlich zum Frieden und läuteten den Toten heim. Was die Sangerhäuser*nnen über die Jahrhunderte erlebten an Freud und Leid – die Steine der Kirche haben es gesehen als stumme Zeugen.
Die Menschen waren dieser Kirche verbunden, sie haben sie gebaut, bewahrt und erneuert und mit Leben gefüllt. Jede Generation hat das Ihre beigetragen – bis heute, ins Jahr 2003.
Wie die Marktkirche 1271 aussah, wissen wir nicht mehr. Aber ihre Steine wurden wieder verwendet, als Meister Heinrich 1457 den Auftrag bekam, nach und nach an alter Stelle einen neuen Bau zu errichten.

Ich bin ein Pfeiler. Mit mir begann es, als die Arbeiter die Jacobikirche neu bauten, 1457. Seitdem blicke ich auf die Menschen herab. Weiterlesen

Rote Ostereier und Schuldenerlaß

Für diese Predigt habe ich den Gottesdienst „Ostereier für Schuldenerlaß“ von Kerstin Sommer und Dieter Heidtmann zur Grundlage genommen und umgearbeitet. In: Ostern. Gottesdienstpraxis Serie B. Gütersloh 2001, S. 77 – 86
Wir haben die Sträuße in der Kirche mit Eiern geschmückt, einige haben sie von zu Hause mitgebracht. Ei und Ostern, das gehört zusammen, es ist ein Symbol für die Auferstehung. Weiterlesen

Das Licht der Reichen – die im Dunkeln sieht man nicht.

Packen Sie unbedingt eine Taschenlampe ein, heißt es, wenn man nach Sri Lanka fährt, jener Insel südlich von Indien, die früher Ceylon hieß und wo heute noch unser Tee herkommt. Abends zwischen 8 und 10 ist hier meistens Stromsperre. Schon beim ersten Abendbrot im Hotel wurde es zappenduster. Die Cleveren hatten natürlich ihre Taschenlampe parat. Aber auch die Kellner waren auf den abendlichen Stromausfall eingestellt. Wenige Augenblicke später standen Petroleumlampen und Kerzen auf den Tischen, es wurde richtig stimmungsvoll und festlich. Aber schon 5 Minuten später flackerte das Licht. Die Lampen gingen wieder an. Der Zauber war zu Ende, der Strom wieder da. Weiterlesen

Häuser. Predigt zu 2 Kor 5, 1-4

Wenn das irdische Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut…                 (2 Kor 5,1)
„Und da stand ich wieder, nach 14 Jahren, vor unserem Haus, meine Mutter oben hinter der Gardine, ich mußte lange klingeln, da stand ich wieder. 20 Jahre bist du nicht zu Hause gewesen, unterbrach mich meine Mutter, wie du aussiehst, steck dein Hemd rein, so stehst du unten vor der Haustür, wenn das einer sieht, (…) unterbrich mich nicht, 20 Jahre, das reicht nicht, wann bist du hier gewesen, ich habe nicht nach dir gerufen, was willst du hier, dein Bruder aus dem Westen ist dagewesen und will endlich einen Zaun machen. (…) Weiterlesen

An der Tür

– Mama !!! Hat geklingelt !!!
– (Mama, genervt:) Ja. Wer iss’n da?
– Weiß nich. Sieht aus wie ein Bettler.
– Was will er?
– Weiß nich, du mußt mal zur Tür kommen.

„Offene Türen“, davon reden wir gern in der Kirche, im übertragenen Sinne und am meisten im Advent (macht hoch die Tür…) Wie schwer es fällt, die Tür wirklich zu öffnen, merke ich in solchen Situationen. Weiterlesen