Steinigung heute

Liebe Gemeinde, die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hat auf ihrer Website den Bericht eines Schülers veröffentlicht über ein Ereignis im Iran, wahrscheinlich im Jahr 1992:
„Eines Tages musste ich mit meiner Schulklasse ins Stadion kommen. Es sollte eine Steinigung vollzogen werden, bei der wir zuschauen mussten. Wir saßen auf den Tribünen und warteten. Sandwich-Verkäufer gingen durch die Reihen und boten ihre Waren an. Dann endlich wurde ein Mädchen ins Stadion geführt. Ich erschrak, denn ich erkannte dieses siebzehnjährige Mädchen. Sie wohnte in unserer Straße, und als Kinder hatten wir miteinander gespielt.
Ein Mullah las ihr das Urteil vor: „Im Namen Allahs, des Barmherzigen, wirst du zum Tode verurteilt durch Steinigung.“

Das Mädchen weinte, aber es wirkte wie benommen. Sie wurde in ein Loch gestellt, das man in die Erde gegraben hatte. Dann schaufelte man dieses Loch bis zur Brusthöhe des Mädchens zu. Auf den Tribünen johlte der Mob. Dann flogen die ersten Steine, die gezielt neben dem Mädchen auf den Boden fielen. Jedes Mal, wenn der Oberkörper des Mädchens zuckte, um einem Stein auszuweichen, begann das Johlen der jungen Männer von neuem. Es war wie bei einem Fußballspiel, wenn ein ganzes Stadion „Tor“ schreit. Dann trafen die ersten Steine. Das ganze Spektakel zog sich hin, bis das Mädchen endlich tot war…“ *)
Auch wenn der Koran selbst Steinigung nicht vorschreibt, wird sie z.B. im Iran, in Pakistan, Nigeria und im Sudan praktiziert. „Das Todesurteil durch Steinigung wird bei „Unzucht“ ausgesprochen. Dazu gehören im islamischen Rechtssystem außerehelicher Geschlechtsverkehr, Ehebruch und Homosexualität.“ **) Auch vergewaltigte Frauen können darunter fallen. Im iranischen Strafgesetzbuch heißt es im Art. 102 vor, dass Männer bis zu Hüfte, Frauen bis zur Brust eingegraben werden. Artikel 104 „schreibt die Größe der Steine vor: Sie dürfen nicht so groß sein, daß die Person sofort getötet wird, aber auch nicht zu klein, um ihren Zweck zu verfehlen.“ ***)
„Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Das ist einer der berühmtesten Sätze von Jesus. Er wird sogar zitiert von Leuten, die über Glauben und Kirche kaum Bescheid wissen. Generationen war diese Geschichte zum Satz vertraut als die „Steinigung der Ehebrecherin“. Doch wie aufgeheizt und beklemmend die Stimmung war, können wir uns vorstellen, wenn wir den Bericht aus dem Iran unserer Tage hören.
Die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, die beim Ehebruch ergriffen worden war, und stellten sie in die Mitte, und sie sagten zu Jesus: „Lehrer, diese Frau ist ergriffen worden, wie sie gerade dabei war, Ehebruch zu begehen. Im Gesetz hat uns Mose geboten, solche Frauen zu steinigen. Was meinst du nun dazu?“ Dies sagten sie aber, um ihn auf die Probe zu stellen, damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen. Jesus aber beugte sich nieder und schrieb mit dem Finger in den Sand. Als sie dabei blieben, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sagte ihnen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Und er beugte sich wieder hinunter und schrieb auf die Erde. Als sie dies hörten, gingen sie alle nacheinander weg, angefangen bei den Ältesten, und ließen ihn allein mit der Frau, die in der Mitte war. Jesus richtete sich auf und sagte ihr: „Frau, wo sind sie? Hat dich niemand gerichtet?“ Sie sagte: „Niemand, Rabbi.“ Jesus sagte ihr: „Auch ich richte dich nicht; geh hin und tue von jetzt an kein Unrecht mehr.“ (Johannes 8, 3-11)

Was mag in Jesus vorgegangen sein, als er in den Kreis hineingezogen wurde, der sich um das Loch mit der Frau in der Mitte versammelt hatte? Es war klar, auch er sollte sich beteiligen, sollte die bereitgelegten Steine werfen und seine Treue zur göttlichen Ordnung unter Beweis stellen.
Ob ihm durch den Kopf gegangen ist, dass an der Stelle der Frau seine eigene Mutter hätte stehen können, damals, als sie schwanger war mit ihm? Die Steinigung hat auch Maria gedroht, denn das Kind, also er, war nicht von Josef, ihrem Verlobten (Dtn 22,21).Die Steine hätten auch ihm im Bauch seiner Mutter gegolten. „Heiliger Geist“, hätte die Menge vielleicht gejohlt. Maria ist das nur deshalb erspart worden, weil Josef sich zu ihr bekannt hat – nach eindringlicher Mahnung eines Engels. Und nun soll er sich in den Kreis der Steiniger einreihen.

Jesus bückt sich und schreibt mit dem Finder in den Sand. Darüber ist viel spekuliert worden. Doch kann es sein, dass die Situation ihm einfach zu nahegegangen ist und dass er selbst zu betroffen war – er war ja ein Betroffener!
Jedenfalls – er entzieht sich dem Gruppenzwang und malt in den Sand. Er macht nicht mit, er macht demonstrativ nichts. Das ist deutlich, und das zieht Kreise. Es durchbricht den Kreis, den tödlichen Kreis, der sich um die Frau gelegt hat. Das aktive Nichts-Tun schafft Raum für eine Gegenfrage oder besser für eine Gegenforderung. Der unausgesprochenen Aufforderung, seine Rolle bei der Steinigung zu übernehmen, begegnet Jesus mit einer offenen Aufforderung: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“

Damit stellt Jesus die Regeln auf den Kopf. Die Reihenfolge, in der die Steine geworfen werden, entspricht der Hierarchie der beteiligten Männer im Kreis. Der erste Stein steht dem Ranghöchsten zu. Jesus durchbricht diese Hierarchie und setzt eine andere an ihre Stelle: Der erste Stein gebührt dem, der ohne Sünde ist. Der Oberste, Höchste, Tonangebende, der zuerst das Urteil spricht und ausführt, das soll der absolut Unschuldige sein. Auf einmal sind alle gleich – gleich darin, dass alle unvollkommen, fehlend, eben menschlich sind. Und den perfekten Menschen, den Übermenschen, Sündlosen, Supermann, Superchristen, Superjuden, Supermuslim gibt es nicht.
Mir fällt auf, dass Jesus nicht mit der Bibel argumentiert. Das fällt auf, weil er es anderswo durchaus tut – etwa in der Geschichte von der Versuchung in der Wüste. Das fällt umso mehr auf, als er ja daraufhin angesprochen war: was im Gesetz steht, und das meint was göttliches Gebot ist.
Im Gesetz, in der Bibel steht…, argumentieren die Ankläger. Die Bibel wird von ihnen buchstäblich als Totschlagargument benutzt. Die Bibel ist für sie nicht die Quelle von Weisheit und göttlicher Erkenntnis. In der Bibel steht – damit soll ein Mensch bestraft werden.

Heute wissen, wir, dass die Bibel im Laufe von 1200 Jahren entstanden ist, geschrieben von Menschen, die Kinder ihrer Zeit und Kultur waren und auch begrenzt waren, genauso wie wir. Wenn wir alles wortwörtlich übernehmen, was in der Bibel steht, würden wir diese Erkenntnis ignorieren. Und wir würden sehr unterschiedliche Regeln gleichermaßen praktizieren:
Widerspenstige Söhne sollen getötet werden (Dtn 21,18.-21), Mischgewebe aus Wolle und Leinen ist ebenso verboten (Dtn 22,11) wie Männerkleidung für Frauen (Dtn 22,5). Entlaufene Sklaven sollen Schutz finden und nicht an ihre Herren ausgeliefert werden (Dtn 23,16f); die Rechte von Fremden und Ausländern sollen besonders geschützt werden (Dtn 24,17).
Zeitbedingtes ist mit Wegweisendem vermischt. Bei solchen Bibelstellen dürfen wir also fragen: Sind sie befreiend, weisen sie vorwärts, erzählen sie von Gott, der die Menschen liebt und ihnen beiseite steht auf dem Weg zu Neuanfang, Freiheit und Gemeinschaft.

Natürlich, Futter für Hardliner lässt sich überall finden – in der Bibel, im Koran, in jedem Programm oder Manifest. Jesus lässt sich mit ihnen auf eine Diskussion über die Bibel hier nicht ein. Wer ohne Unrecht, ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Das sind die einzigen Worte, die sie von ihm hören. Sie sollen also in den Spiegel schauen, auf sich selbst, auf ihre Fehler und Schwächen, statt die Regeln der Religion zu einer tödlichen Falle für andere zu machen. Wer ohne Unrecht ist, werfe den ersten Stein. Die Ankläger, die Hüter der Ordnung, die Männer, die die Gesellschaft dominierten, sie waren angetreten, dem göttlichen Gesetz Geltung zu verschaffen, sie betrachteten sich sozusagen als Werkzeuge Gottes. Sie erfahren sich nun als zerbrechliche, begrenzte Menschen. Anfangs bildeten sie eine entpersonalisierte – vielleicht aufgeputschte – Masse, in der die Verantwortlichkeit der einzelnen verschwimmt. Alle machen mit.
Als Reaktion auf den Satz von Jesus werden sie wieder zu Individuen, die über sich selbst nachdenken und ihren eigenen Weg gehen können. Sie gingen alle nacheinander weg, die Ältesten zuerst. Der Bann der entfesselten Volksseele, die Pogromstimmung kann sich auflösen, wenn es gelingt, dass Menschen sich wieder als sie selbst, als Persönlichkeiten erfahren.

Jesus spricht mit der Frau. Bisher kam sie nicht zu Wort, niemand hat sie gefragt. So ist das manchmal mit Opfern. Sie bleiben stumm. Ihre Stimme wird nicht gehört. Kriegs- und Vergewaltigungsopfer bleiben allein mit dem Unrecht, das sie erfahren haben, mit der Gewalt und der Entwürdigung, die ihnen angetan wurden. Sie haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Sie befürchten, dass ihnen Rache droht, wenn sie aussagen. Oder dass das Zusammenleben zwischen Opfer- und Tätergruppen ins Wanken kommt, etwa in Ruanda. Jesus redet mit ihr und gibt ihr eine Stimme. Und er verurteilt sie nicht – ganz abgesehen davon, dass möglicherweise der Vorwurf konstruiert wurde und ihr eine Falle gestellt wurde, genauso wie ihm. Jesus zeigt, dass er sich nicht als Richter versteht. Er will nicht richten, strafen, einengen, sondern befreien und zu einer neuen Perspektive verhelfen. Hier wird deutlich, wie Jesus Gott versteht: Gott will nicht den Tod der Menschen, sondern dass sie leben. (Ez 18,23)

Geschichten von einer Steinigung sind und bleiben traurige Geschichten. Denn sie rufen uns ins Gedächtnis, dass Menschen Gesellschaften ausgeliefert sind, die grausame und unrechtmäßíge Strafen verhängen und die sich obendrein noch als gottesfürchtig verstehen. Wie kann aus solch einer traurigen Geschichte dennoch Evangelium, Frohe Botschaft, werden – eine Hoffnungsgeschichte?
Jesus nimmt Menschen in Schutz. Er steht ihnen bei und rettet sie vor der Todesstrafe. Es ist auch unsere Aufgabe, dass wir uns für Menschen einsetzen, die in die Enge getrieben, denen die Rechte genommen, die bedroht und bedrückt werden. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte und andere Organisationen zeigen, wie wir uns für Menschenrechte global einsetzen können.
Jesus hat nicht mitgemacht, als Steine geworfen wurden. Wo Gruppenzwang herrscht, wo über andere hergezogen wird, Witze gemacht werden, dann sind wir aufgerufen, uns nicht zu beteiligen. Aktives Nichts-Tun, das ist mehr als nur Schweigen. Jesus hat in den Sand gemalt und eine Gegenfrage gestellt. Wie können wir reagieren?

Berichte über Steinigung im Judentum um die Zeitenwende, im manchen Ländern heute und die Geschichte unserer christlichen Kirche erinnern uns daran, dass Religionen auch verhängnisvolle Rollen gespielt haben. Immer wieder leisten Kirchen z.B. dem Nationalismus Vorschub oder verbünden sich mit bestimmten politischen Parteien. Wo dient Glauben dazu, die Rechte Andersgläubiger einzuschränken und die Gleichbehandlung aller Menschen zu unterlaufen? Ein säkularer Staat, in dem Staat und Religion klar getrennt sind, kann Leben retten! Die Geschichte von der Steinigung ermutigt uns, dass wir unseren Blick auf die bestehenden Ordnungen schärfen. Wer profitiert von den Hierarchien in unserer Welt, wer kommt unter die Räder – und was kann, was soll anders werden?
Wie lesen und deuten wir heute die Bibel? Die Bibel will nicht dazu dienen, auf andere herabzublicken und sie abzuurteilen. Sie will helfen auf dem Weg, der Leben eröffnet, Freiheit für uns und für andere. Jesus durchbricht den Kreis des Todes und schenkt Leben. Amen.
Liedvorschlag: 66,1-3 Jesus ist kommen

Literatur:
*) http://www.igfm.de/?id=477
**) http://www.profrau.at/de/steinigung
***) Angaben aus dem Positionspapier der IGFM: http://www.steinigung.org/artikel/position_IGFM.htm

Bericht über die Steinigung von Soraya Manoutchehri 1982: http://www.igfm.de/?id=599
Luise Schottroff: Lydias ungeduldige Schwestern, Gütersloh 1994, setzt sich auf S. 263 – 270 ausführlich mit der Perikope auseinander.

Predigt am 1.7.2007 (4. Sonntag nach Trinitatis) über Johannes 8,3-11

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