Heilige – der Kaufmann Johann Grötzinger

Der Kaufmann Johann Grötzinger in der Grauengasse wunderte sich, als er eine Mahnung von der Kirchenkasse im Briefkasten  vorfand. Er sei, las er, mit der Kirchensteuer im Rückstand und solle sie binnen 8 Tagen überweisen, sonst würde sie durch’s Finanzamt eingezogen werden. Der Kaufmann Johann Grötzinger schüttelte den Kopf, denn er war ein korrekter und ehrlicher Mann und keineswegs ein säumiger Zahler. Seine kaufmännische Ehre bedeutete ihm viel. So setzte er sich an sein Pult, schraubte seinen Federhalter auf und schrieb. „Als Glied der Bekennenden Kirche habe ich den Betrag ordnungsgemäß an die Treuhandstelle Gerth eingezahlt.“ Unten setzte er noch seine Unterschrift und das Datum: 30.9.36. So schickte er den Vordruck an die Gemeinde zurück. Weiterlesen

Ein Haus mit vielen Wohnungen

Liebe BewohnerInnen, liebe Mitarbeitende, liebe Angehörige und Gäste! Unweit von meinem Heimatort stand abgelegen im Wald ein einsames, altes Gehöft, umgeben von duftenden Wiesen und Obstbäumen, der Wellershof. Meine Mutter nahm mich einmal mit dorthin. Ich bestaunte die schweren, geschnitzten Möbel und die runzlige alte Frau, die Wellersbäuerin. Sie hatte seit ihrer Geburt dort gelebt wie vor ihr ihre Eltern und Voreltern. Inzwischen wird sie lange tot sein. Aber der Wellershof hat die Menschen über Generationen unter seinem Dach behütet und beschützt. Weiterlesen

Presente! Osterpredigt

Ostermorgen in einer einfachen Kirche in Lateinamerika. Die Leute stehen dichtgedrängt. Eine Liste mit Namen wird vorgelesen, einer nach dem anderen. Manchmal schluchzt jemand auf. Es ist die bedrückende Liste mit Namen von Menschen, die getötet sind oder verschwunden: erschossen, mit Folterspuren tot aufgefunden, auf einen Lastwagen gezerrt und nie wieder aufgetaucht, festgenommen und in Gefängnissen verschwunden. Carlos, Eva, Oscar. Weiterlesen

Die Palme erzählt am Gründonnerstag

Ich bin eine Palme. Ich bin weit gereist, aus Jerusalem, genauer vor dem Stadttor von Jerusalem. Und ich habe viel erlebt.
An eins erinnere ich mich wie gestern.
Es war um diese Zeit, genau eine Woche vor Ostern, am Sonntag vor Ostern. Der Sonntag heißt heute Palmsonntag. Warum, das werdet ihr gleich hören. Das Passah-Fest stand vor der Tür. Weiterlesen

1914: Friede auf Erden

Heute vor genau 90 Jahren wurde Friede auf Erden. Genau so, wie es die Engel den Hirten auf den Feldern von Betlehem gesungen hatten: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und zwar mitten im Krieg. Im 1. Weltkrieg. Weiterlesen

Leidenswerkzeuge – Todesengel – Kindersoldaten

Kindersoldaten. Todesengel. Was ist das für eine Zeit, fragen manche, in der Geschichten voller Gewalt sich abspielen, in der Realität, in Filmen nachgestellt oder auch vorgebildet. Da seht ihr’s, Religion und Gewalt gehören zusammen, sagen andere.
Die Geschichte der Kreuzigung Jesu ist bekannt. Regt sie uns noch auf? Vielleicht ist sie zu oft gemalt, zu oft besungen worden – zu schön vor allem. Leiden ist grausam. Leiden geht weiter, bis heute.
Aber auch die Geschichte von Jesus geht weiter, als Geschichte von Liebe und Hoffnung, von Hingabe und Versöhnung . Sie geht weiter und weist über den Karfreitag hinaus auf den Gott, der uns zum Leben ruft. Weiterlesen

Die Heilung des Gelähmten – eine Männergeschichte

Diese Predigt wurde 2004  in der Kategorie „Beste Predigt “ mit dem Ökumenischen Predigtpreisausgezeichnet.

Liebe Gemeinde,  es ist eine Männergeschichte. Jesus, der Gelähmte, die Freunde, die ihn tragen, die Schriftgelehrten – all die agierenden Personen sind Männer. Die Frauen, wenn sie denn im Haus sind wie zuvor die kranke Schwiegermutter des Petrus, bleiben im Hintergrund. Es ist eine Männergeschichte. So will ich versuchen, ob es geht, diese Geschichte als Männergeschichte zu lesen.
Und: sie ist merkwürdig stumm. Der Gelähmte sagt nichts, noch seine Freude, nichts von seiner Not, keine Klage, keine Bitte, kein Hilferuf, keine Schilderung des langen Leidens und was sie vielleicht schon alles unternommen haben. Auch die Schriftgelehrten sagen nichts, sprechen nicht aus, was sie denken. Ihr Widerstand bleibt stumm. Es wird viel geschwiegen in dieser Geschichte. Jesus ist der einzige, der redet. Weiterlesen

Maria und Elisabeth – wie alles begann.

Die Weihnachtsgeschichte wird „eingeläutet“ von zwei Frauen, die ein Kind in ihrem Leib tragen: Elisabeth und Maria. So erzählt es jedenfalls das Lukasevangelium. Zwei Frauen werden schwanger und bringen einen Sohn zur Welt. Johannes und, ein halbes Jahr später, Jesus. Vorläufer, Mahner und Prophet der eine, und er weist hin auf den Retter, den anderen, den neuen Adam, den neuen Menschen. Und es beginnt, wie sollte es anders sein, mit ihren Müttern. Für beide ist es das erste Kind, und beide Male ist es eine ungewöhnliche Schwangerschaft. Weiterlesen

Berge besteigen – Predigt zu Matthäus 28,18-20

8000 ist die magische Zahl des Bergsteigens. Ab hier beginnt die Todeszone. Die Zahl ist das Achttausendfache des Urmeters. Das Himalaja-Gebirge hat 14 Achttausender. Der Mount Everest ist der höchste, 8848 m. 1953 gelang die Erstbesteigung, 1978 erreichten Reinhold Messner und Peter Habeler zum ersten Mal den Gipfel des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff. An manchen Tagen belagern 300 Zelte den Everest. Nicht nur die Menschen leiden unter diesem Andrang, auch die Natur. Der Everest verwandelte sich zunehmend zu einer Müllkippe. Verpackungen, Fäkalien und vor allem leere Sauerstoffflaschen. Weiterlesen