Familie anders

Familie ist „in“. Wer Jugendliche fragt, was ihnen am wichtigsten ist, bekommt zu hören: meine Familie. Die Generationen gehen heute respektvoller miteinander um als vor 75 oder 100 Jahren. Dass Väter autoritär bestimmen, wie es in der Familie zugeht,  ist nicht mehr zeitgemäß oder wird zumindest hinterfragt. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Andererseits steigt die Zahl von Kindern, die in konfliktbeladenen Familien aufwachsen. Frauenhäuser platzen aus allen Nähten. „Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland hat einen Elternteil mit einem Suchtproblem,“ heißt es im aktuellen Sucht- und Drogenbericht der Bundesregierung vom Oktober 2018. Familie steht hoch im Kurs – spiegelt sich darin ein Traum, dass  Verwandte sich auch innerlich einander nah sein und sich verstehen mögen?

Gleichzeitig differenzieren sich die Formen, wie Menschen miteinander leben. Das heißt es gab die Vielfalt der Lebensformen schon immer, wir nehmen sie nur eher wahr. Ein Blick in die Familie Johann Sebastian Bachs genügt. Das Idealbild der Kleinfamilie ist im 19. Jahrhundert entstanden, aber es war nie das einzige Familienmodell. Heute geht es eher darum, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit  alle gleiche Startbedingungen haben. „Familie für alle“ muss Lösungen finden für das Sorgerecht oder wer erbt.

Die meisten Menschen in unserem Umfeld können wir uns nicht aussuchen, mit wem wir arbeiten oder wer Tür an Tür mit uns wohnt. Selbst Familienmitglieder nicht. Unsere Eltern. Unsere Geschwister. Unsere Kinder. Das sind die Menschen, mit denen wir am engsten verbunden sind. Gleichzeitig sind sie es, mit denen es die verwickeltsten Konflikte geben kann. Diese Beziehungen prägen uns ein Leben lang, im Guten wie im Belastenden. Manche arbeiten sich jahrzehntelang daran ab. Der erste Mord in der Menschheitsgeschichte geschah zwischen Brüdern.

Die Menschen, die uns am nächsten stehen, „erben“ wir. Einzig und allein den Partner oder die Partnerin suchen wir aus.
Und auch das ist noch nicht lange selbstverständlich. Bis ins 20. Jahrhundert hinein bestimmten das  auch in Deutschland die Verwandten. Besonders wenn ein Geschäft oder viel Besitz betroffen war, durften junge Leute keineswegs selbst entscheiden. Liebe allein genügte nicht. Und falls es nicht passte, wurden sie einfach getrennt. Verliebte sollten einander vergessen, wurden auf Reisen geschickt oder in ein anderes Land verbannt. Wenn ein Kind unterwegs war, musste wohl oder übel geheiratet werden. In wohlhabenden Verhältnissen wurde das Problem mit dem Kind oft anders gelöst, mit Geld oder durch Adoption in einer ärmeren Familie. Zum guten Ton gehörte auch bei uns noch lange, dass der Bräutigam um die Hand der Braut bei ihrem Vater anhielt.

Es ist ein großer Schritt, dass Menschen heute frei darüber bestimmen, wen sie heiraten (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 16). Trotzdem gibt es Zwangsehen und sogar Kinder werden verheiratet. Unicef schätzt, dass 765 Millionen Menschen als Minderjährige verheiratet wurden. 650 Millionen Mädchen und 115 Millionen Jungen sind Kinderbräute oder Kinderbräutigame, ein Fünftel davon waren bei der Hochzeit nicht einmal 15 Jahre alt. (Unicef-Meldung vom 7.6.2019, Daten aus 82 Ländern)

Wie mag es bei Jesus gewesen sein? In der Kunstgeschichte gibt es unzählige Marienbildnisse. Wie eng war die Bindung zu seiner Mutter, zu Maria wirklich? Wie verstand er sich mit Josef und mit seinen Brüdern und Schwestern, die wohl eher seine Stiefbrüder und Stiefschwestern waren, wenn wir das Lukas- und das Matthäus-Evangelium ernstnehmen, nach dem Josef eben nicht der leibliche Vater war? Josef hat die Rolle des sozialen Vaters übernommen, der Engel hat ihm für diese Entscheidung den Rücken gestärkt. Jesus wächst also in einer spannenden Familienkonstellation auf. Legenden erzählen, dass Josef dann gestorben ist. Jedenfalls steht hier auf einmal die Familie vor der Tür. Mutter, Brüder und Schwestern wollen ihn sprechen. Jesus wirkt nicht begeistert: ‚Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister?‘ Er schaute sich um, sah sie im Kreis um ihn herum sitzen und sprach: ‚Ihr seid meine Mutter und meine Geschwister. Alle, die den Willen Gottes tun, sind mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.‘“ (vgl. Mt 12,46 -50)
Für Jesus steht Familie nicht an erster Stelle. In seinen Augen sind Freund*innen wichtiger. Sie ersetzen ihm die Familie. Wer Gottes Willen tut, ist ihm Mutter, Schwester und Bruder.

Warum sind Mutter und Geschwister eigentlich zu ihm gekommen? Welches Anliegen hatten sie? Gab es einen Rechtsstreit, und sie haben ihn gebraucht? Josef wird nicht erwähnt. Könnte es sein, dass Maria geschieden war? Oder vielleicht ist Josef wirklich schon gestorben. Dann war Maria jetzt Witwe. Vor Gericht etwa hätte sie sich nicht allein vertreten können. Sie war auf ihre Kinder angewiesen, besonders auf Söhne. Der älteste Sohn galt als Familienoberhaupt. Und ihr ältester Sohn war Jesus. Kein Wunder, wenn sie in diesem Fall zu ihm gekommen wäre.

Oder sie wollten etwas anderes von ihm. Kurz vorher, so erzählt das Markusevangelium, hat Jesus sich Freunde gesucht (Mk 3,13-19). Petrus, die Brüder Jakobus und Johannes und all die anderen. Sie stehen ihm innerlich nahe, sie sollen um ihn sein, es ist ein Geist, der sie verbindet. Jesus setzt den Regeln der patriarchalischen Gesellschaft die Regeln Gottes entgegen und Menschen, die danach leben. Im Extremfall heißt das: Raus aus der Familie, schnell weggehen. Auch wenn es unmöglich scheint. Lass mich erst meinen Vater begraben, bittet ein Freund. Lass die Toten begraben und komme lieber mit mir, rät Jesus. (Mt 8,22; Lk 9,60)

Patriarchalische Regeln sind in vielen Ländern ein Gefängnis für Mädchen und Frauen. Und sie tun auch Männern nicht gut. Ein Junge weint nicht, mit diesem Bild wachsen sie auf. Jungs, die anders sind und diesem Bild nicht entsprechen, werden herausgehackt. Männer, die nicht „männlich“ genug erscheinen, werden verprügelt oder totgeschlagen.

Familiensinn erzählt wenig darüber, was eine*m Menschen wichtig ist. Wer nur für die Familie lebt, kann ziemlich rücksichtslos gegenüber anderen sein oder gegenüber den kommenden Generationen, wie die Jugendlichen bei Fridays for Future beklagen. Oder sich in eine heile Welt zurückziehen, wenn draußen Leute gebraucht werden, die sich engagieren. Von diversen KZ-Kommandanten wird berichtet, daß sie als liebevolle Väter und Ehemänner galten.

Familie ist für Jesus kein Wert an sich. Stattdessen fragt er, wie wir gottgemäß miteinander leben können. Wie gestalten wir unsere Beziehungen? Wie gehen wir miteinander um? Was sind unsere Werte?

Jesus verweigert sich der Rolle des ältesten Sohnes. Er steigt aus den Traditionen einer patriarchalischen Gesellschaft aus. Er baut eine neue Familie. Eine geschwisterliche. In dieser Familie zählt, zu fragen, was Gott will. Das muss nicht heißen, sich mit der Verwandtschaft zu verstreiten. Aber richtig nahgekommen sind sich Jesus und die Seinen wohl nicht. Als er ermordet wurde, wagten sich nur fremde Frauen zur Hinrichtungsstätte. So berichten es die älteren Evangelien Matthäus, Markus und Lukas, und so wird es wohl auch gewesen sein. Das Johannes-Evangelium, das viel später geschrieben wurde, macht auf seine Weise deutlich, worum es Jesus ging: Es stellt seinen Freund Johannes und seine Mutter zusammen unter das Kreuz. Jesus sagt: Frau, hier ist dein Sohn, und zu Johannes: Hier ist deine Mutter. (Joh 19,26f.) Er weist die beiden aneinander. Sie bilden eine neue Familie, jenseits der Blutsbande. Die Mutter soll den Freund annehmen. Familie geht weiter, verlässt vertraute Gefilde.  Neue Verbindungen entstehen.

Wie geht es uns mit unseren Familien? Sind sie Kraftquell? Fühlen wir uns manchmal fremd? Wir brauchen vertraute Menschen um uns herum, doch  es tut uns gut, aus dem eigenen Dunstkreis herauszukommen. Gott hat viel in uns hineingelegt. Wir dürfen es entfalten und verwirklichen, und dazu brauchen wir andere. „Ihr seid meine Mutter und meine Geschwister. Alle, die den Willen Gottes tun, sind mein Bruder, meine Schwester und Mutter“. (Mk 3,34 f.)

Predigt am13. Sonntag nach Trinitatis über Markus 3,31-35
Andere Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis: Kain und Abel – die Familie der zerbrochenen Träume
Andere Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis: Distance und Nähe – der barmherzige Samariter
Weitere Predigten in der Trinitatiszeit
Weitere Predigten im Jahreslauf

Es kamen Jesu Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

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