Jutta verläßt die Familie

Hier in der Ulrichkirche fing alles an mit Jutta von Sangerhausen. 800 Jahre ist das jetzt her. Ich stelle mir vor, wie die Kirche damals aussah. 100 Jahre stand sie ja schon. Die mächtigen Mauern überragten die Holzhütten und Lehmhäuser, aus denen Sangerhausen damals bestand. Dicke steinerne Mauern hatten Bestand für die Ewigkeit. Sie versprachen den Menschen Schutz und Stärke in Zeiten, in denen ein Funke leicht die strohernen Dächer wie Zunder entflammen und die ganze Stadt in Schutt und Asche legen konnte. Hier hat sie gesessen oder besser gestanden, denn Bänke gab es damals noch nicht. Durch die schmalen Fenster fiel das Licht auf die gewölbten Apsiden, die Pfeiler, den Altar. Hier hat sie vielleicht als kleines Mädchen gelauscht, als die Benediktinerinnen ihre lateinischen Psalmen gesungen haben, bevor 1264 Zisterzienserinnen das Kloster übernahmen und Laudes und Terz, Sext und Non beteten. Die Legende erzählt: „Nachdem sie zehn Jahre alt geworden war, bat sie Gott inständig, dass er ihr zukünftiges Leben bestimmen und alle ihre Tätigkeiten leiten möge.“ Später hat Jutta mit den Priestern über die Auslegung der Bibel diskutiert und von ihnen gelernt und sie von ihr. Ihrem Mann gefiel das gar nicht, zum einen, weil ihm das für eine Frau unpassend erschien, zum anderen hat er sich beschwert, daß sie das Kochen vernachlässigt hat.

Jutta (ca. 1220 – 1260) hat einen ungewöhnlichen Lebensweg eingeschlagen. Sie hat getan, was ihr wichtig war, was ihr Glauben ihr sagte. Sie hat nicht wieder geheiratet, sie ist nicht in ein Kloster gegangen, sondern nach Polen.

„Wer sind die wahren Verwandten von Jesus? Wer gehört zu seiner Familie? Das Evangelium, das wir gehört haben, stellt diese Frage. Es weitet den Blick über die engen Beziehungen des gewohnten und alltäglichen Lebens hinaus. Es lässt auf jene schauen, die jenseits unserer vertrauten Umgebung, jenseits unserer Familien und Gemeinden leben“.*   Bei Jesus stehen auf einmal die Verwandten vor der Tür und wollen ihn zur Vernunft rufen. »Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen«. Wenn die Verwandtschaft so anrückt, ist die Entfremdung nicht zu übersehen. Für die Familie nicht und später auch nicht für die Umgebung, für die Nachbar*innen, die Leute aus seiner Stadt. Am Ende des nächsten Kapitels regen sich die Bewohner*innen über ihn auf: „Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Leben nicht auch alle seine Schwestern bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus sagte ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Zuhause.“ (Mt 13, 55-57)

Wie es ist, wenn die Verwandtschaft mit geballter Präsenz interveniert – „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen“ – dieses Gefühl wird auch Jutta erlebt haben, als ihr Mann sie zur Rede stellte. Und noch einmal, als ihr Mann gestorben war  und Jutta  nicht vorhatte, das für eine Witwe vorgesehene Leben zu führen.

Jesus muß antworten. Jutta muß antworten. Wie stehe ich zur Familie. Zur Heimat. Gehöre ich dazu? Wer ist mir nah? Welchen Weg gehe ich?

„Dazugehören oder Nicht-Dazugehören – von solchen Erfahrungen ist unser Leben immer geprägt.“*  Das erleben Geteflüchtete. „Wohin gehören wir, wo sind unsere Freunde und Verwandten, was ist unsere Heimat? Wo finden wir einen Raum des Lebens, der Sicherheit, des freundschaftlichen Umgangs miteinander? Wo können wir neu Vertrauen aufbauen?“*  Diese Frage stand auch vor Jutta, als sie nach Polen ging und sie Ausschau  hielt nach einem neuen Leben, nach einer neuen Heimat, nach einer neuen Nähe zu den Menschen, nach Freundschaft und Geborgenheit.

Die Frage nach den wahren Verwandten beantwortet Jesus eindeutig: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Er weist mit der Hand zu seinen Freundinnen und Freunden: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“  Jesus begründet eine neue Art von Familie. Diese Zugehörigkeit wurzelt nicht in verwandtschaftlichen Beziehungen oder in Herkunft.  An ihre Stelle treten neue Schwestern, Brüder, Mütter. Menschen, die völlig fremd sind, werden einander zu Vertrauten, zur Familie. Das ist die neue Familie Gottes.

Interessanterweise ist keine Rede von neuen Vätern. Es gibt neue Mütter, Schwestern, Brüder. Aber Väter werden nicht erwähnt. Gottes neue Familie kommt ohne Väter aus, ohne Patres, ohne Haus-Herren und Vormünder.

Jutta hat ihre alte Familie verlassen, als ihr Mann starb und sie nach Polen ging. Wie leicht oder schwer ist ihr diese Entscheidung gefallen? Hat sie lange gegrübelt und mit sich gerungen und gebetet, zu Hause und hier in der Kirche? Oder war es die Erfüllung eines lang gehegten Lebenstraumes, war es ihr von vornherein klar und sie ist offen und fröhlich vorwärtsgegangen?

Jedenfalls – Jutta brach mit Herkommen und Sitte. Sie hat das sichere Gefühl, daß sie dazugehört, aufgegeben. Sie hat in Kauf genommen, daß sie fremd wird für alle, die sie kannten. Sie hat sich gewagt, anzuecken. Die Bedenken waren nicht aus der Luft gegriffen. Ihre Träume hätten sich auch in nichts auflösen, sie hätte kläglich scheitern können.

Wahrscheinlich hätte sie auch wie Jesus zurückfragen können: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und vielleicht hätten die  Leute  in Chelmza an ihrer Stelle geantwortet: „Hier sind ihre Mutter und Brüder und Schwestern.“ Jutta hat Licht in die Hütten und zu den Kranken gebracht, die Sonne, die zu ihrem Symbol geworden ist.

Neue Menschen, die neue Familie Gottes, die hat Jutta in Polen gefunden – oder genauer: die haben die Leute in Polen mit ihr und an ihr erlebt.

Jutta hat sich herausgewagt aus dem Schoß der Familie, aus den schützenden Mauern dieser Kirche, aus der vertrauten Heimat.  Sie hat es riskiert, den Ihren fremd zu werden. sie hat die Fremden und die Fremde besucht. So ist sie zur „Heiligen“ geworden, zur Freundin Jesu.

Unsere Lebenswege mögen ganz anders sein. Sich immer einmal wieder in unbekannte Gefilde wagen fordert heraus und tut gut. Wohin gehöre ich? Was ist mir Heimat? Was engt mich ein? Wer ist mir wirklich nah? Manchmal ist das Neuland nur zwei Straßen weiter. Wahrscheinlich sehen wir vieles und viele in anderem Licht. Vielleicht verabschieden wir uns. Vielleicht kommen wir mit neuen Ideen zurück. Vielleicht finden wir sogar neue Mütter, Schwestern und Brüder – eine Familie ganz im Sinn von Jesus.

 

* Bischof Norbert Trelle, Predigt zur Begrüßung von Irak-Flüchtlingen am 31.10. 2009

 

Matthäus 12, 46 – 50
Während Jesus zur Volksmenge sprach, standen seine Mutter und seine Geschwister draußen und wollten mit ihm sprechen. Jemand sagte zu ihm: „Schau, deine Mutter und deine Geschwister sind draußen und wollen mit dir sprechen.“ Er antwortete ihm: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister?“ Und er streckte seine Hand zu seinen Jüngerinnen und Jüngern aus und sagte: „Seht, da sind meine Mutter und meine Geschwister. Denn alle, die den Willen Gottes tun, die sind meine Brüder, meine Schwestern und meine Mutter.“

Markus 10, 28 – 30
Petrus sagte zu Jesus: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Jesus entgegnete: „Wahrlich, ich sage euch: Alle, die meinetwegen und um des Evangeliums willen Haus, Brüder, Schwestern, Mütter, Väter, Kinder oder Felder verlassen haben, werden hundertfach empfangen: jetzt in dieser Zeit Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Felder. Und in der kommenden Ewigkeit das ewige Leben.“
Übersetzung in Anlehnung an BigS

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