Maria von Magdala und das Tabu, psychisch krank zu sein

Eine Frau, die sich im Internet Susanne nennt, schreibt über ihre Depressionen:
„Manchmal wird meine Krankheit zum Gefängnis. Ich fühlte mich wie ein Hamster im Laufrad. Seit Jahren mache ich Therapie, nehme ich Medikamente, arbeite an meinem Verhalten und an meiner Symptomatik ändert sich doch nichts. Noch immer muss ich die Auslöser für meine Depression meiden wie der Teufel das Weihwasser, noch immer bin ich nicht in der Lage, mich an einen Arbeitsplatz zu binden, noch immer leide ich unter massiver Angst vor Nähe. Es gibt Momente, in denen mir mein Leben nicht mehr als lebenswert erscheint. Dann kommen sie, die Gedanken an den Tod. Manchmal nur vage als eine Art Hintertürchen, das ich öffnen kann, wenn ich zu ersticken drohe in diesem engen Raum meines Selbst, manchmal ganz konkret, indem ich mir die Wahl der Mittel und die Durchführung vorstelle. In solchen Zeiten gibt es viele Tage, an denen ich aufstehe und mich nicht haben will, diesen Tag nicht haben will, diesen Kopf nicht haben mag, der unaufhörlich denkt und mich stolpern lässt durch das Labyrinth meiner Gehirnwindungen, aus denen es keinen Ausweg gibt.
Wonach ich mich also sehne, wenn ich an Suizid denke, ist nicht der Tod, sondern eine Pause, endlich Ruhe vor der Qual der Depression, mich endlich nicht mehr spüren müssen.
Wenn ich depressiv bin, bin ich außerstande, meine Probleme und Schwierigkeiten zu verdrängen. Ganz im Gegenteil, sie kreisen in meinem Kopf wie ein wahnsinnig gewordenes Karussell. Ich kann nicht damit aufhören, mir alle Konsequenzen meiner Handlungen bis ins kleinste Detail auszumalen. Es gibt kein Halten, keine Verschnaufpause, die das Morgen Morgen sein lässt und heute nur das verlangt, was es heute zu tun gibt.
Es mangelt mir an Schlaf. Ich kann nicht schlafen, weil ich Angst habe, weil zum Einschlafen ein Gefühl von Sicherheit und von Getragen sein gehört und weil es Sicherheit in dieser Welt nun einmal nicht gibt. Morgen schon können meine Angehörigen bei einem Verkehrsunfall sterben, morgen schon kann jemand aus meinem Bekanntenkreis an Krebs erkranken. Wie kann ich da schlafen?
In diesen Zeiten kann ich auch nicht begreifen, warum Menschen arbeiten gehen, warum sie es für wichtig halten, Tag für Tag eine Aufgabe zu erfüllen, deren Ziel z.B. die Produktion völlig überflüssiger Konsumgüter ist. In mir tobt das blanke Entsetzten, eine existenzielle Krise, ich suche nach einem Sinn hinter dem Schrecken, was kümmert mich die schnöde Warenwelt, wenn das Leben eine einzige unlösbare Frage ist.
Und dann, wenn ich eines Tages aus meiner depressiven Episode wieder auftauche und mich fühle wie die meisten anderen Menschen, dann staune ich, weil es mir tatsächlich verrückt vorkommt, abends ruhig schlafen zu gehen, obwohl so vieles im Argen liegt, mich an Kleinigkeiten zu erfreuen. Und dann frage ich mich, ob der depressive Zustand nicht der eigentlich hellsichtige ist, so klar und in seiner Klarheit so brutal, dass er als krank bezeichnet werden muss, weil er für uns Menschen nicht auszuhalten ist.“ (www.kompetenznetz-depression.de, Innenansichten, gekürzt)
Traurigkeit und Niedergeschlagenheit kennen wir alle. Wie es ist, richtige Depressionen zu haben, das wissen nur wenige von uns. Darüber wird kaum gesprochen. Die Betroffenen schweigen, aus Scham und aus Angst. Gute Ratschläge wie „Nun hab dich nicht so, sieh es doch einmal positiv, es wird schon wieder werden“ kennen sie zur Genüge. Solche Sätze machen sie nur noch einsamer und hilfloser. Denn genau das können sie nicht. Sich einen Ruck zu geben, wenn die Dunkelheit nach ihnen greift, können sie am wenigsten. Außerdem ist es immer noch ein Stigma, psychisch krank zu sein. Wer im Bekanntenkreis oder auf Arbeit erzählt, in die Psychiatrie zu gehen, kann merkwürdige Blicke ernten, Klapsmühle. ein gebrochenes Bein sichert dagegen positive Anerkennung. Immer wieder treibt Depression Menschen in den Selbstmord, und die Rate steigt, gerade bei Älteren.
Du kannst es dir nicht vorstellen, sagen Betroffene manchmal. Was müssen es für Dämonen sein, die nach ihnen greifen! Von Dämonen wird auch in unserem Bibeltext erzählt. Zu den Jüngerinnen und Jüngern von Jesus gehörten eine ganze Anzahl „Frauen, die von üblen Geistern und Krankheiten geheilt worden waren“ (Lk 8,2). Besonders erwähnt wird Maria Magdalena, aus der sogar sieben Dämonen ausgefahren waren. Von Dämonen besessen, damit werden im Neuen Testament oft Menschen bezeichnet, die psychisch krank waren, schizophren, epileptisch, manisch-depressiv, selbstmordgefährdet. Die Umwelt konnte sich ihr Verhalten nicht anders erklären, als daß böse Geister von ihnen Besitz ergriffen. Im übertragenen Sinn ist es ja so: die Schizophrenie, Depression oder Sucht kann einen Menschen völlig vereinnahmen und seine oder ihre Persönlichkeit verändern und verzerren. Hilfreich war so eine Einschätzung mit Sicherheit nicht. Es kann nur noch tiefer in die Isolation treiben, wenn sich jemand in einer depressiven Phase auch noch von einem bösen Geist besessen weiß.
Als Jesus Maria Magdalena begegnete, wird sie ein Wrack gewesen sein. Niemand wird in ihr auch nur im entferntesten die Frau gesehen haben, als die sie sich später entpuppte: wichtige Jüngerin von Jesus, führender Kopf der Frauengruppe um Jesus, erste Zeugin der Auferstehung, Apostelin, Gemeindeleiterin. Das steckte in ihr und war doch so verborgen und verdunkelt.
Was die Krankheit auslöste, wissen wir nicht. Aber wir wissen inzwischen, daß die Umgebung Menschen krank machen kann. Demütigung und Unverständnis können sie zerbrechen lassen ebenso wie eine ungerechtes System oder eine Diktatur. Eine kaputte Gesellschaft produziert kranke Menschen. Es sind oft sehr feine und sensible Menschen, die die Widersprüche und Verlogenheit aufspüren und sich daran aufscheuern, körperlich und seelisch. Susanne fragt, „ob der depressive Zustand nicht der eigentlich hellsichtige ist, so klar und in seiner Klarheit so brutal, dass er als krank bezeichnet werden muss, weil er für uns Menschen nicht auszuhalten ist.“
Vielleicht war es bei Maria aus Magdala, dem Fischerdorf am See Genezareth, auch so. Vielleicht war nicht sie krank, sondern eine Welt, in der es für begabte Frauen wie sie einfach keinen Platz und keinerlei Entfaltungsmöglichkeiten gab – denn daß sie Führungsqualitäten hatte, steht außer Frage. Vielleicht bekam sie den Stempel „besessen“ nur deshalb aufgedrückt, weil sie eine eigenwillige Persönlichkeit war und darauf bestand, ihren eigenen Kopf zu haben. Ungezählte Generationen vor uns waren genauso fest davon überzeugt, Kindern „das Böckchen austreiben“ zu müssen und ihren Willen zu brechen, wenn sie selbstbewußt werden. Vielleicht war in ihrem Gehirnstoffwechsel etwas durcheinander geraten.
Jesus hat sich nicht abschrecken lassen, daß sie als verrückt galt oder wie wir heute sagen würden: überspannt, hysterisch, durchgedreht, nervig, ein Schräubchen locker. Er hat sie ernst genommen und ihr etwas zugetraut. Er hat sie zu seiner Gesprächspartnerin gemacht. Er hat sie mitgenommen auf seinen Gedankengängen und auf den Wanderungen durch Palästina genauso wie die anderen. Das Wunder geschah: Sie wurde gesund in seiner Nähe so wie andere Frauen auch, Johanna, Susanna und viele andere. sie wurde eine gleichgestellte, hervorragende Jüngerin. War es ein Wunder, daß soviel Nähe gesund machte?
Wir wissen heute mehr über psychisch Kranke. Ihre Zahl steigt, so ist jedenfalls die Erfahrung bei uns im CJD. Wir haben professionelle Behandlungsmöglichkeiten und ausgebildete FachärztInnen, wir haben Medikamente für den akuten Schub und Therapien für längerfristige Behandlungen. Doch genauso wichtig sind Verständnis und Akzeptanz. Wir können uns ein Beispiel an Jesus nehmen. Er hat sich nicht darum gekümmert, was die Leute sagten, sondern ist auf sie zugegangen. Er hat ihre Isolation – „von Dämonen besessen“ – durchbrochen. Er hat vor dem, was sie selbst so erschreckt hat, keine Angst gehabt, sondern er ist ihnen mit Aufmerksamkeit und Liebe begegnet, mit Gottes Liebe.
In den Medien wird uns das Ideal einer perfekten Persönlichkeit vorgegaukelt, die alles im Griff hat, sich selbst, das Leben, andere. Doch das ist ein Klischee. Es tut nicht gut und es stellt uns unter großen Streß, wenn wir das von uns und von anderen verlangen. Es gehört zu uns, daß wir verletzlich sind und verletzt, manche von uns so, daß sie Behandlung brauchen (und daß wir es ihnen sagen müssen). Aber das braucht uns nicht voneinander zu trennen. Es kann für uns zur Chance werden und unseren Horizont verändern.
Sogenante Störungen sind manchmal ein Spiegel für das, was der Mehrheit der Gesellschaft fehlt. Depression, Traurigkeit oder Todessehnsucht kann uns ins Bewußtsein rufen, daß tatsächlich vieles zum Verzweifeln ist, wir drücken es meistens schnell weg. Aber wo lassen wir unseren Tränen und unserer Ohnmacht Raum? Und wie verrückt, wie schizophren geht es in unserer Welt zu und wir tun so, als sei alles normal! Was ist verrückt und was nicht, das ist eine Frage der Perspektive und es lohnt sich, wenn wir unsere Perspektive einmal verändern, ver-rückt werden.
Solch ein Spiegel kann auf das Selbstbild einer Gesellschaft bedrohlich wirken. Für psychisch Kranke wurden im 19. Jahrhundert riesige Anstalten gebaut, Irrenhäuser. Jesus hat es anders gemacht. Er hat sie wieder in die Gemeinschaft hineingeholt. Sie konnten sich verändern und wurden heil. Er hat etwas getan, wovor jeder Arbeitgeber heute Bedenken haben würde: Er hat Maria Magdalena, einer psychisch schwer kranken Frau, ermöglicht, in eine Führungsrolle hineinzuwachsen. Wenn das nicht irre ist – und Ansporn. Daß wir über das ins Gespräch kommen können, was uns wirklich beschäftigt, Trauer und Wut und Ohnmacht und verrückte Ideen. Daß der Geist von Jesus unter uns zu spüren ist, auch für Leute wie Susanne aus dem Internet (und ihre Angehörigen). Daß unsere Gemeinden zum Raum für Begegnung und Leben werden.
[Predigtlied: 383 Herr, du hast mich angerührt]

Predigt  über Lukas 8,1-3

Lk 8,1-3
[1] In der folgenden Zeit zog Jesus durch Stadt und Land, predigte und verkündete das Reich Gottes. [2] Mit ihm unterwegs waren die Zwölf und einige Frauen, die von üblen Geistern und Krankheiten geheilt worden waren: Maria, genannt die aus Magdala, aus ihr waren sieben Dämonen ausgefahren, [3] und Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten es Herodes, und Susanna, und viele andere Frauen, die ihnen nach ihrem Vermögen dienten.

Predigten in der Karwoche: hier
Weitere Predigten in der Passions- und Vorpassionszeit: hier
Predigten in der Trinitatiszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

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