Schwert des Glaubens? Ent-rüstet euch!

Eisenmann, stahlharter Ritter mit dem Schwert in der Hand, was treibt dich hierher?
Bis an die Zähne bewaffnet – warum verbirgst du dich hinter deinem Visier? Ich kann deine Schritte hören, dein Harnisch scheppert bei jedem Tritt.
Kommst du aus dem Mittelalter oder bist du dem letzten Science-Fiction-Film entsprungen?
Wovor fürchtest du dich so sehr, dass du dich in einem Panzer aus Eisen versteckst, säbelrasselnd, um die Angst zu übertönen – deine eigene?
Warum bist du so erstarrt in deiner Rüstung?

Gewappnet und gerüstet bis an die Zähne – soll das das Idealbild für christliches Leben sein? Das Schwert in der Hand – auch wenn es das Schwert des Glaubens ist – ist ein Bild, das an Gewalt und Aggression und Zerstörung erinnert. Krieg und Gewalt gehören leider zu unserer Realität. Doch was haben solche Bilder als Vor-Bilder in der Kirche zu suchen? Sprache spiegelt Wirklichkeit und schafft Wirklichkeit, heißt es.
Unter der Überschrift „Schießen Sie los!“ gibt der Hallenser Schriftsteller Christoph Kuhn in der Kirchenzeitung zu denken: „Oft wird über Streitfälle in einem Ton berichtet, als hätte es Handgreiflichkeiten gegeben: schallende Ohrfeigen, Watschen werden ausgeteilt, Köpfe rollen. Schlag-Zeilen (und die Alltagssprache) strotzen von kriegerischem Vokabular der Feldherrensprache: Politik hat etwas im Visier, jemand macht Kampfansagen, bläst zum Sturm… weil etwas auf dem Vormarsch… ist. Wer nicht Attacken reitet, steht Gewehr bei Fuß.“ Er wünscht sich „Impulse, auch verbal abzurüsten. Es wird Zeit für eine Entmilitarisierung der Sprache“. (www.glaube-und-heimat.de/service/themenreihen/christoph-kuhn-angesagt/)

Im Epheserbrief lesen wir von der Waffenrüstung Gottes, samt Schild und Schwert zum Zuschlagen. Kampf steht bevor, gegen das Böse. Überall droht Abfall und Unglaube. Der wahre Glaube muß bewahrt werden.
Doch was ist das für ein Glaube, der sich so einmauert? Von hier ist es nicht weit zu Extremismus und Fundamentalismus. Für den ist die Welt schwarz – weiß und die Menschen sind Gottes oder des Teufels, Gläubige oder Ungläubige. Ich denke nicht nur an Mohammed Atta, der am 11. September 2001 in das World Trade Center in New York flog und die Ungläubigen zu Fall bringen wollte. Solche Strömungen gab es auch im Christentum, bis heute.
Für die ist die Welt nicht gute Schöpfung Gottes, uns anvertraut zu bebauen und zu bewahren, sondern Aufmarschgebiet des Teufels, voll versteckter Versuchungen. Sünde lauert an jeder Ecke. Vor allem was Freude macht, war verboten oder zumindest suspekt. Die Puritaner in England sind sprichwörtlich geworden: Kartenspielen, Tanzen, Schminken, kurze Röcke. Doch auch in der DDR-Kirchenzeitung wurde noch vor 50 Jahren um moderne Lieder im Gottesdienst gestritten. Und heute lese ich in einer Zeitschrift: Sogar „Akupunktur widerspricht der Bibel“. (Idea Spektrum 34 / 2010, S. 15)

Ich glaube, dahinter steckt Angst. Wer so etwas schreibt, wer solche Bilder verwendet, fühlt sich bedroht. So angegriffen, dass er sich panzern muß von Kopf bis Fuß. Die Welt ist eine feindliche.
Vielleicht was es damals so, um das Jahr 90 herum. Vielleicht – oder wahrscheinlich – waren sie wirklich bedroht, die Leute in den Gemeinden rund um Ephesus. Angst vor Verfolgung hatte einen realen Hintergrund. Die Soldaten des römischen Imperiums waren jedenfalls real.

Aber wir heute, wir sind nicht bedroht. Uns droht kein Tod, wenn wir in die Kirche gehen, allenfalls verwunderte Blicke oder ein Witz. Aber keine Verfolgung. Und die Welt ist nicht schwarz-weiß.
Doch die Angst gibt es noch, die Angst, dass das Weltbild entgleitet und der eigene Glaube zerfließt. Auf manche Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Oder nur solche Antworten, die verunsichern. Geht mein Glauben kaputt, wenn ich weiter nachdenke? Für manche scheint es einfacher, gar keine Fragen zuzulassen. Was offen bleibt oder zwiespältig, wird stattdessen nach außen projiziert, als Anfechtung, als unbiblisch oder Reich des Bösen. So kann selbst Glauben zum Zerrbild werden. Angst kann die ganze Welt um einen Menschen herum feindselig erscheinen lassen.

Dabei heißt Glauben doch: Vertrauen. Du bist geliebt und angenommen. Du brauchst dich nicht von Ängsten und Verboten regieren zu lassen. Du darfst darauf vertrauen, dass Gott dich auch in schwierigen Situationen begleitet. Das sprechen wir jedem Kind bei der Taufe zu. Und jeder Gottesdienst endet damit, dass wir wieder gesegnet aufbrechen, von Gottes Segen umhüllt. Glauben bedeutet nicht mauern. Glauben heißt die Angst loslassen, gelassen werden, sich auf Gott verlassen. Gott hat uns ein ganzes Leben geschenkt und Talente in uns hineingelegt, und wir können sie entfalten und unsere Umgebung gestalten.
Christlich leben heißt nicht ständig ängstlich etwas vermeiden oder darum kreisen, was sündig sein könnte. Glauben heißt Mut aufbringen und auf die Herausforderungen zugehen.
Und die sind selten im Leben ganz eindeutig, sodaß es nur ein Entweder- Oder, Richtig oder Falsch gibt. Herausforderungen wären keine, wenn sie nicht komplex wären. Schon den Kleiderschrank aussortieren kann sich als schwierige Aufgabe herausstellen, die einige Weisheit erfordert, zu zweit außerdem noch diplomatisches Geschick. Manchmal gilt es das ganze Leben umzusortieren und neu zu ordnen, in anderen Zeiten ist ein einziger Tag Herausforderung genug.

Weisheit und Mut brauchen wir auf der ganzen Linie. Was da der Epheserbrief aufzählt, haben wir sehr wohl nötig, Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden, Glauben, Heil, Geistkraft. Das sind dann die ganz großen Herausforderungen, die weltweiten, und zugleich ihre Lösung. Wie kommt Abhängigkeit zustande, wie hängen globale Finanzwirtschaft, Umweltzerstörung und Gewalt zusammen, wie gestalten wir ein tragfähiges soziales Sicherungssystem? Dafür brauchen wir nicht den Teufel an der Wand, sondern klaren Durchblick, dicke Bücher, das Wissen von Sachverständigen, Diskussionen.
Ja, es geht um die Mächtigen und Gewaltigen, die Herren der Welt, wie es der Epheserbrief sagt. Doch ein Schwarz-Weiß-Raster hilft wenig weiter, um solche Mechanismen zu durchschauen, sondern komplexes Denken. Und leider gibt es auch nicht den einen Weg, wie Konflikte gelöst werden können. Zu Demokratie und Teilhabe sind es viele kleine Schritte, oft in ganz unterschiedliche Richtungen.
Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden, Glauben, Heil und Geistkraft sind Weg und Ziel zugleich, in meinem einzigen kostbaren Leben und auf unserer einzigen kostbaren Erde.

Eisenmann, stahlharter Ritter, wirf dein Schwert weg, hier sind Frauen und Kinder, niemand bedroht dich, auch die Männer nicht, sie träumen von weichen Umarmungen statt von Stahlgewittern.
Steig aus deiner Rüstung, sie ist ein Gefängnis, wirf sie ab wie eine Eierschale, entpuppe dich.
Komm heraus, lerne, was viel schwerer ist: geduldig sein und weise, klug. Öffne deine Hände. Traue dich. Werde Mensch.
Im Namen Jesu sage ich dir: Steh auf und geh.

 

Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis über Epheser 6, 10-17

Weitere Predigten in der Trinitatiszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

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