Tischdienst in Korinth – Diakonie

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Aber wie ging es weiter? Wir wandern zurück in das Jahr 50. Die 1. Gemeinde in Jerusalem ist gewachsen. Da sind die, die schon immer da waren, jüdische Männer und Frauen, die in Jesus den Retter erkannt haben – manche von ihnen haben Jesus noch selbst erlebt. Es gibt auch Zugezogene. Sie kommen aus jüdischen Gemeinden im ganzen römischen Reich, aus Rom, aus Korinth, aus Städten überall dort, wo es jüdische Auslandsgemeinden gibt. Dort, in nichtjüdischer Umgebung, haben sie auch anders gelebt als die Leute hier in Jerusalem. Hier sind sie zu der Gemeinde gestoßen und bilden eine eigene Gruppe mit eigener Prägung. Weil sie griechisch sprechen, werden sie Griechen genannt und die Eingesessenen, die nur Hebräisch können, Hebräer. Nach der Arbeit treffen sich abends alle in Hausgemeinden, essen gemeinsam, beten und singen.

Aber es ist wie überall, wenn neue, anders geprägte dazukommen zu welchen, die schon immer da waren, wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen: Es gibt Spannungen. Wie heute auch zwischen Ansässigen, Zugewanderten, Alten, Neuen.
Lesung Apostelgeschichte 6, 1-7 (siehe unten)

Die Wahl der 7 Armenfürsorger, so haben einige Ausleger später diese Geschichte bezeichnet und sie so gedeutet: Sich um Arme zu kümmern, war von Anfang an wichtig. Als die Gemeinde größer wurde, hat es mit spontaner Hilfe nicht mehr geklappt, mit der Almosenausteilung, Hilfsgüterverteilung, Koordination der Spenden Es mußten Leute her, die das professionell machen können, die dafür ausgebildet und spezialisiert sind. 7 Leute wurden berufen und eingesegnet, 7 Diakone – es ist sozusagen die Geburtsstunde der Diakonie. Hilfe wird spezialisiert, fachgerecht geleistet. Und: Mit Händen tun, ist genauso wichtig wie die Verkündigung mit Worten. Sozialarbeit und Predigen, Diakonie und Kirche haben den gleichen Rang. Es gibt keine Hierarchie, noch keine Hierarchie.

Aber: War das wirklich so? Ging es tatsächlich um Almosenverteilung, um bedürftige Witwen, die versorgt werden mußten? Dienst und dienen, Diakonia und diakonein, diese Worte kehren immer wieder. Und: an den Tischen dienen. Das ist der Schlüssel.

An den Tischen dienen – waren das nicht jene Tische, an denen die Hausgemeinde abends zusammenkam, gemeinsam aß und betete? An den Tischen dienen – ging es um die täglichen Mahlfeiern der Gemeinde? Um den buchstäblichen Tischdienst und um die Verteilung der Hauarbeit, um Gemüseputzen, Kochen, Gechirrspülen und Aufräumen.

Die Pfingstburschen versuchen, die Geschichte aus der Bibel so nachzuspielen. Es treten auf: Die Hebräer, die eingesessenen, die mit Predigen ausgelastet sind ;        die Griechen, die zugewandert sind,     und die       Witwen, die ebenfalls zugewandert sind aus jüdischen Auslandsgemeinden. (Tisch aufbauen)
Eines Abends in Jerusalem. 2 Griechen und 1 Witwe sind auf dem Weg zur Hausgemeinde:

Spielszene (siehe Anhang)

Dienen, diakonein – das war damals Sache von Frauen und Sklaven. In einem antiken Bericht heißt es über eine Sklavin: „Sie öffnet dem Gast die Tür, meldet ihn an, transportiert das Gepäck, sol Öl und Leinzeug holen und den Gast ins Bad führen, Pferdefutter für sein Pferd kaufen und bittet ihn anschließend zum Mahl. Sie deckt den Gast im Bett zu, sie kocht für den Gast und schläft mit ihm, sie bringt ihre Herrin zu Bett und entfernt das Eßgeschirr.“ (Schottroff Lydias ungeduldige Schwestern 300)

Wer diente, diakonein, stand unten auf der gesellschaftlichen Stufenleiter. So soll es nicht unter euch sein, hat Jesus gefordert: Wer groß sein will, der soll euer Diener sein. Dient einander (Mk 10,43). Wie ein Sklave hat er sich ein Handtuch umgebunden und seinen Freunden die Füße gewaschen. Mit der putzenden Frau hat er Gottes Reich verglichen, die das ganze Haus nach dem verlorenen Groschen absucht, oder mit der brotbackenden Frau, die den Sauerteig einknetet. Wenn alle zu Geschwistern werden, sind alle gleich, es gibt keine Unterschiede mehr, keine Hierarchien. Auch wenn die überlieferten Rollen und Verhaltensmuster auch damals noch viel tiefer als heute gesessen haben – die erste Gemeinde hat die Herausforderung durch Jesus ernst genommen. Wer kocht und putzt, das war auf einmal nicht mehr selbstverständlich. Es wurde darüber geredet und gestritten, wer wann dient, bedient, sich bedienen lässt. Das wurde nicht mehr so stillschweigend vorausgesetzt. Sicher war es so, dass zunächst Frauen das eingeklagt haben. Aber die Gemeinde hat ihren Impuls aufgegriffen, sie hat darum gerungen, wie die Arbeit aufgeteilt werden kann, neu aufgeteilt werden kann. Davon erzählt diese Geschichte, aber z.B.auch die Geschichte von Maria und ihrer Schwester Marta, die sich dagegen wehrt, dass die Hausarbeit an ihr hängen bleibt.

Über Hausarbeit und Rollenverteilung im zuhause, in der Kommune oder gar im Gottesdienst reden ist immer noch ungewohnt. Das war es für die 1. Gemeinden damals in Jerusalem noch viel mehr als für uns heute. Aber sie haben es als Thema erkannt das sie angeht, haben es sogar zum Gegenstand einer Vollversammlung gemacht. Und: Die, die es tun, üben ein geistliches Amt aus, im selben Rang wie das Redens in der Öffentlichkeit.

So ging es also nach Pfingsten weiter in den ersten Gemeinden. Und heute im Jahr 2012 in Holdenstedt ?
Wie teilen wir heute die Arbeit miteinander? Wer macht welche Arbeit und wie wird sie honoriert? Das sind Fragen auch für uns heute, auch in den Kirchen. In der Bundesrepublik verdienen Frauen im Schnitt über 20 % weniger als Männer. Wieso honorieren wir Tätigkeiten so unterschiedlich, wie kommt es, daß ausgerechnet traditionelle Frauenberufe, Sekretärin, Krankenschwester, Friseuse, vergleichweise schlecht bezahlt sind. Ein Kirchenältester erzählte mir letztens, im Betrieb seiner Frau gab es 2011 eine Jahresprämie für alle. Die Männer haben 200 Euro bekommen. Die Frauen 50 – und sie machen gleiche Tätigkeit.

Wie teilen wir Arbeit, Geld, Macht und Einfluß, auch weltweit? Wern wenn nicht wir ChristInnen, sollten danach fragen, zu welchem Lohn unsere T-Shirts in Indien genäht werden und unter welchen Bedingungen unsere Händys und Computer in Malaysia, dem diesjährigen Weltgebetstagsland, zusammengeschraubt werden? Und wer, wenn nicht wir in den Kirchen, sollten uns für Veränderung, für Gerechtigkeit starkmachen?
Die ersten Gemeinden können uns anregen, daß wir unsere Augen aufmachen und sensibel werden,dafür sensibel werden, daß wir Ungerechtigkeit überhaupt wahrnehmen, und überlegen,wie wir Menschen heute gut und gerecht miteinander leben können.

Zum zweiten: Ausgangspunkt war, daß viele Leute arm waren, bedürftig, Hunger hatten. Die Gemeindemitglieder damals haben sich darum gekümmert, daß niemand herunterfiel. Sie haben sich füreinander verantwortlich gefühlt.
Gemeinden, als Kirche mischen sich ein, wenn heutzutage Leute herunterfallen, übersehen werden. Der runde Tisch gegen Ausländerfeindlichkeit in Sachsen-Anhalt tagte vorletzte Woche in unserem Landkreis, und Propst i.R. Sens hat deutliche Worte gefunden, daß eins der Asylbewerberheime in unserem Landkreis nicht akzeptabel ist und die Würde der Menschen kränkt. Kirchen melden sich zu sozialpolitischen Fragestellungen zu Wort. Diakonie gehört zu Kirchen dazu. In Kelbra ist die älteste Einrichtung ein Kindergarten (Schmidt’sche Stiftung), die ABI feiert übermorgen 20-jähriges Jubiläum. Wir sind nicht Kirche,Gemeinde, ChristInnen, wenn wir nur unseren Glauben pflegen. Glauben und Engagement gehören zusammen.

Zum dritten: Ausgangspunkt war das „Murren“ der Griechischsprachigen gegen die Hebräischsprechenden, also ein Konflikt zwischen Eingewanderten, Zugezogenen, und Ansässigen. Die Gemeinde hat mehr gemacht als nur zu sagen: Unsere Türen sind offen, sondern sie hat sich mit ihrer Situation auseinandergesetzt und auf sie eingestellt. Wir gehen wir heute mit Eingewanderten und Ansässigen um, wie willkommen sind bei uns Menschen, die von anderswoher zuziehen, für Leute, die irgendwie anders sind, bunte Vögel, die anders geprägt sind, sich anders benehmen, sich anders ausdrücken? Wie denken und sprechen wir über sie? Wie einladend wirken unsere Kommunen, unsere Vereine, unsere Kirchen, unsere Schulen, unsere Kindergärten? Für die Gemeinden damals war es überhaupt keine Frage, daß sie dazugehörten, im Gegenteil. Sie hat ihre Benachteiligung wahrgenommen und 7 Leute dafür freigestellt.

Das sind lichte, göttliche Momente in der Geschichte der Kirche. Dieser Geist der Freiheit, der Gleichberechtigung, hat nicht immer geweht. Aber in solchen Anfängen nach Pfingsten war Gottes Geistkraft zu spüren. Da wurden Visionen wirklich und haben die Menschen zu Neuem beflügelt. Darum bitten wir auch heute zu Pfingsten, für unseren Ort, unsere Kirche, unsere Vereine.

Pfingstpredigt zu Apostelgeschichte 6, 1-7

Weitere Predigten zu Himmelfahrt, Pfingsten und Trinitatis: hier
Predigten in der Trinitatiszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

Apostelgeschichte 6 Spielszene

Ich habe in dieser Predigt Anregungen von Cornelia Coenen-Marx und von Luise Schottroff verarbeitet.

Apostelgeschichte 6, 1-7:
Als in jener Zeit die Zahl der Jüngerinnen und Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechisch sprechenden gegen die hebräisch sprechenden, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung vernachlässigt wurden. Da riefen die Zwölf die Jüngerinnen und Jünger zusammen und sagten: »Es ist nicht angemessen, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen, um an den Tischen zu dienen.  Seht euch, liebe Schwestern und Brüder, nach sieben Männern unter euch um, die einen guten Ruf haben, geistvoll und klug sind. Die wollen wir für diese Aufgabe einsetzen,  uns selbst jedoch dem Gebet und dem Dienst des Wortes widmen.«  Dieser Vorschlag gefiel der gesamten Versammlung. Und sie wählten sich Stephanus aus, einen zuverlässigen und von heiliger Geistkraft erfülltenMenschen, sowie Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia;  die stellten sie vor die Apostel: Sie beteten und legten ihnen die Hände auf .Und Gottes Botschaft  breitete sich aus, so dass die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in Jerusalem stark zunahm. 

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