Abraham: Eltern opfern Kinder

Was für eine schreckliche Geschichte! Ein Vater macht sich auf den Weg, seinen Sohn umzubringen und Gott zu opfern. Er hält das für gottgefällig. In letzter Minute hält ein Engel ihn davon ab. Das Kind lebt. Aber die Familie zerbricht daran. Vater und Mutter leben fortan getrennt, vielleicht waren sie das vorher auch schon. Die Mutter stirbt kurz darauf. Was das Kind denkt und fühlt, spielt keine Rolle. Auf seine angstvolle Frage weicht der Vater aus.Abraham opfert Isaak. Das klingt wie eine Begebenheit aus grausamen Vorzeiten, die wir lange überwunden glauben. Aber die Geschichte hat ihre Kreise gezogen über die Jahrhunderte hinweg. Als Beispiel des Glaubens wurde Abraham hingestellt. In Isaak wurde das Sterben von Jesus vorgebildet angesehen als Opfer, das Heil bringt. Aus diesem Grunde gehört die Geschichte bis heute zu den Predigttexten in der Passionszeit.

Gott wurde zu einem Übervater, der Opfer und blinden Gehorsam verlangt, Gehorsam zu einem der wichtigsten Werte im Christentum und in der Erziehung. Kinder wurden nicht angeregt, zu hinterfragen, sich ein eigenes Urteil zu bilden und ihrer eigenen Verantwortung nachzuspüren und sie zu leben. So wuchsen Generationen von Erwachsenen heran, die gewohnt waren zu gehorchen und sich unterzuordnen. Eltern haben bis vor 100, 75 Jahren ihre Söhne geopfert für Kaiser, Volk und Vaterland, im 1. Weltkrieg, im 2. Weltkrieg.
„Ich habe ja nur meine Anordnung befolgt; ich habe nur einen Befehl ausgeführt.“ Mit dieser Begründung wurden auch im 20. Jahrhundert die schlimmsten Untaten gerechtfertigt. Menschen wurden nicht ermutigt, selbst zu denken und ihre Meinung zu vertreten. Die Angst, sich gegen Autoritäten aufzulehnen, hat vielen den Mut genommen, sich gegen Unrecht zu wehren.
Nein, Abraham ist in dieser Geschichte kein Vorbild für Glauben, für Mitgefühl, für Solidarität, wenn er seinen Sohn Isaak zum Berg Moria führt.

Zum Glück opfern Eltern ihre Kinder heute nicht mehr, oder?
Freilich – Vorstellungen, wie die Kinder sein sollen, haben Eltern heute auch. Gute Noten heimbringen, frühzeitig Klavier oder Flöte lernen, eifrig im Sport trainieren, beliebt sein, sich im Vergleich mit anderen sehen lassen können.
Eltern wird suggeriert, sie müßten schon im Kindergarten den Grundstock für die künftige Karriere legen und Weichen stellen. Mehrsprachige Kitas oder Kitas, die Tanzen, Musik oder Naturwissenschaften anbieten, liegen im Trend und haben in deutschen Großstädten lange Wartelisten.

Manchmal tragen Kinder an den Hypotheken ihrer Eltern. Sie sollen erreichen, was den Eltern nicht gelungen ist, den Beruf ergreifen, von dem eigentlich die Eltern geträumt haben, sollen Aushängeschild für die Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis sein.
Kinder schleppen sich mit den Problemen ihrer Eltern ab. Sie versuchen es vor anderen zu verbergen, wenn zuhause das Geld knapp ist. Wenn Vater oder Mutter trinken, werden sie eingesponnen in das Geflecht von Lügen, warum Mama oder Papa nicht auf Arbeit kommen können oder warum sie keine Schulfreundin nach Hause einladen können.
Kinder dienen zur Dekoration, als Aushängeschild, besonders bei Promis und in der Politik.
Kinder werden zur Waffe im Scheidungskrieg. Sie halten als Beziehungskitt her. Oder als Prügelknabe. Als Zuckerpüppchen, das mißbraucht wird.

Abraham ist bereit, Isaak zu opfern. Was geht in so einem Vater vor, was in Sara, der Mutter? Oder ist er seinen Vorstellungen, was Gott von ihm verlangt, so hilflos ausgeliefert wie manche  – zum Glück nicht alle – Eltern heute ihrer Sucht ausgeliefert sind oder  der grenzenlosen Wut und oder den unerfüllten Träumen und dem Wunsch, dem Kind möge doch das gelingen, was ihnen selbst nicht geglückt ist?

Wir feiern heute Erstabendmahl. Die Kinder haben eine Etappe auf ihrem Lebensweg erreicht. Sie werden selbständiger, gehen Schritte allein.
Die Geschichte von Abraham und Isaak kann uns als Eltern anregen darüber nachzudenken, wie wir zu unseren Kindern stehen. Die Zeiten, in denen Eltern und besonders Väter ihre Kinder als Besitz betrachtet und einfach über sie verfügt haben, sind vorbei. Geschichte ist für uns im Deutschland des Jahres 2017 auch, daß der Geheimdienst oder der Staat Eltern gefügig macht, indem er droht, ihren Kindern oder Geliebten oder Geschwistern würde Schlimmes passieren.

Wie können wir dazu beitragen, daß Kinder frei aufwachsen und nicht zu Opfern werden? Welche Werte geben wir ihnen mit? Oder besser: welche Werte leben wir ihnen vor?
Ich glaube, Isaak hätte Mitgefühl gebraucht. Dann wäre die Geschichte nicht so passiert. Isaak hätte auf eine ehrliche Antwort von Abraham gewartet, als er nach dem Opfer gefragt hat, ein Gespräch, kein Ausweichen und Herummogeln. Abraham hätte Rückgrat gebraucht, eine eigene Meinung und den Mut, Nein zu sagen. Er hätte um sein Kind kämpfen können. Er hätte sich mit Gott auseinandersetzen müssen: Verlangst du wirklich, daß ich dir mein Kind opfere? Forderst du blinden Gehorsam? Wie bist du und was heißt glauben?

In der Christenlehre haben die Kinder Gott – hoffentlich – anders kennengelernt. Jesus hat mit den Menschen geteilt. Er nennt Gewalt und Unrecht beim Namen und er ermutigt, es zu überwinden und andere Formen des Zusammenlebens auszuprobieren: Die Mächtigen halten die Völker nieder und tun ihnen Gewalt an. Aber so soll es unter euch nicht sein, und wer bei euch hoch angesehen und mächtig sein will, soll euch dienen …   (Mk 10,42 f.)

Gott verlangt nicht Opfer, sondern stellt sich auf die Seite der Opfer. Dann fallen uns auch andere Bilder und Namen für Gott ein. Lebendigkeit, Wahrhaftigkeit oder Barmherzigkeit. Schön sind deine Namen. Solch ein Gott verbreitet Freiheit und Menschenfreundlichkeit, damit Isaak und Frieda und Paul und Julius und Jonas und Lukas und Martin und August behütet und geliebt aufwachsen können.

Predigt am Sonntag Judica über 1. Mose 22,1-19; 23,2
Während der Predigt sind die Kinder beim Kindergottesdienst. Weder der Predigttext noch die Predigt sind für Kinder geeignet.

Vorschlag für eine Hinführung zum Predigttext:
Gott hatte Abraham und Sara versprochen, daß sie zu Ureltern eines großen Volkes werden, den Ureltern des jüdischen Volkes. Aber sie warteten vergeblich auf ein Kind. Als sie älter und älter wurden, mußte Saras Sklavin Hagar ein Kind für Abraham austragen. Doch nachdem Ismael, Hagars Sohn, geboren war, wurde Sara schließlich doch schwanger. Ihr Sohn Isaak war der verheißene Erbe, der Stammvater des jüdischen Volkes. Doch wenig später erzählt die Bibel über Abraham und seinen langerwarteten Sohn Isaak.

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