Gründonnerstag – Mahl der Träume

Das Abendmahl am Gründonnerstag ist ein Mahl der Träume. Auf unzähligen Bildern ist es gemalt, in unserem Altar dargestellt. Jesus und die Seinen essen das Passahlamm. Sie feiern den Gott, der die Menschen einst aus der Sklaverei befreite und sie auch heute noch in die Freiheit begleitet. Dieser Abend ist ein Fest. Das erste und auch das letzte. Sie sitzen zusammen, Jesus, seine Freundinnen und Freuden, enge und nahe. Sie essen Brot, sie trinken aus einem Kelch, sie hören Worte, die nie jemand zuvor gesagt und erdacht hat.
Was sie auf den vielen Wegen mit Jesus gesprochen, gesehen, erlebt haben: hier ist es wirklich geworden. Wovon Jesus sprach, vom Himmelreich, das greifbar nahe ist, die Sehnsucht, die er in sie eingepflanzt hat – es verdichtet, ja materialisiert sich gleichsam in den Stunden dieses Mahls. Es ist der Höhepunkt und Inbegriff von Gemeinschaft, des Traums von Gemeinschaft.
Dabei hat der Verrat schon seine Schatten auf den Traum gelegt. Bald würden sie wieder einsam sein, noch einsamer und leerer als vorher, bevor alles begann und sie nichts von Jesus wussten noch von dem Traum. Schon ein paar Stunden später würden sie, jäh von der Wirklichkeit aufgeschreckt, ableugnen, dass der Traum sie ergriffen hat, abstreiten, Jesus zu kennen.
So ist dieser Gründonnerstag umso kostbarer. Er feiert das Leben. Er zelebriert Gemeinschaft, er trotzt dem, was unaufhaltsam scheint. Er ist ein lebendig gewordener Traum, bedroht und verletzlich, aber so schön und so kraftvoll, dass er Steine von Gräbern zu rollen und die Wirklichkeit zu verändern vermag. Die Emmausjünger werden es noch erfahren.
Musik
Seht, der Träumer kommt daher. So kommt nun und lasst uns ihn töten. So wird man sehen, was aus seinen Träumen wird. (Gen 37,19f.). Diese Worte stehen auf einer Gedenktafel in Memphis. Sie stammen aus dem Alten Testament, aus der Josefsgeschichte. Josefs Brüder verschwören sich so gegen Josef, ihren auffälligen Bruder, der aus der Rolle tanzt und ein buntes Kleid trägt. Sie werfen ihn in ein Loch in der Wüste und verkaufen ihn schließlich als Sklaven nach Ägypten. Ihre Worte lassen ihren Hass erahnen auf den, er so anders ist. Der Träumer stellt die Ordnung in der Familie in Frage, er stellt ihre Welt in Frage. Das ist so beunruhigend, dass sie ihn aus dem Weg räumen müssen.
Seht, der Träumer kommt daher. Die Worte stehen auf einer Gedenktafel an einem Motel in Memphis, Tennessee. Am 4. April 1968 trifft hier ein tödlicher Schuß auf Martin Luther King, dessen Worte „Ich habe einen Traum“ die Welt verändert haben.
Jesse Jackson, Weggefährte und Pastor in Atlanta erinnert sich an ihn als „Träumer einer Minderheit mit einer Vision für viele. Träumer sterben oft jung. Träumer marschieren nach einem anderen Takt. Sie hören außergewöhnliche Dinge. Sie schwimmen gegen den Strom. Doch diese Träumer schlafen nicht! Sie träumen mit offenen Augen.“*
In seinen letzten Jahren war King zunehmend isoliert und Angriffen ausgesetzt. Er galt als gescheitert. „Martin Loser King“ wurde sein Name persifliert: Loser – der Verlierer. Es wurde über seine Ehe spekuliert. Er bekam nächtliche Telefonanrufe. Weiße Rassisten bedrohten ihn und seine Familie massiv.
„Ich wollte den Kampf aufgeben. Ohne den Kaffee anzurühren, saß ich am Küchentisch und grübelte darüber nach, wie ich von der Bildfläche verschwinden könnte, ohne als Feigling zu erscheinen. In diesem Zustand äußerster Mutlosigkeit legte ich Gott meine Not hin… In diesem Augenblick erlebte ich die Gegenwart Gottes wie nie zuvor. Mir war, als hörte ich eine innere Stimme, die mir Mut zusprach: ‚Stehe auf für die Gerechtigkeit! Stehe auf für die Wahrheit! Und Gott wird immer an deiner Seite sein!‘ Ich war bereit, allem ins Auge zu sehen.“

In Gedanken an seinen Tod sagte King: „Ich werde kein Geld hinterlassen. Ich werde keine vornehmen und luxuriösen Dinge hinterlassen. Ich möchte nur ein engagiertes Leben hinterlassen.“
Seht, der Träumer kommt daher. So kommt nun und lasst uns ihn töten. So wird man sehen, was aus seinen Träumen wird.
Musik
Träumer irritieren. Sie passen nicht in unsere rationale und durchkonstruierte Welt. Es muß alles funktionieren, der Alltag ist festgelegt. Wo kämen wir denn hin!
Träumerinnen und Träumer denken über die Welt hinaus. Sie stellen das, was wir erleben, in Frage und konstituieren Wirklichkeit neu. Das ist bedrohlich. So werden sie abgeschoben, lächerlich gemacht, mundtot. Martin Luther King steht für die vielen Menschen, die es wagen, laut von Gerechtigkeit zu träumen, von Freiheit und Gleichheit, und die dafür mit ihrem Leben bezahlt haben und bezahlen.
Seht, der Träumer kommt daher. So kommt nun und lasst uns ihn töten. So wird man sehen, was aus seinen Träumen wird.


Wo sind unsere Träume? Was ist aus ihnen geworden? Haben wir sie vergessen, versteckt, hinuntergeschluckt? Sind sie in den Mühlen des alltags zerrieben, im Tränen der Enttäuschung zerflossen? Wo ist es geblieben, was die Augen zum Leuchten bringt und die Welt verändert?
Die Menschen sitzen an einem Tisch: die Abendmahlstafel ist der Inbegriff eines Menschheitstraumes. Das Gastmahl. Der Tisch der Welt ist für alle gedeckt. Die Völker nehmen Platz, Ost und West, Süd und Nord, Schwarz und Weiß, Männer und Frauen, Alte und Kinder. Die Erde spendet reichlich Frucht, um den Hunger zu stillen, den Hunger nach Brot und nach Gerechtigkeit. Die Armen kommen zu ihrem Recht, die Vergessenen, die Geschundenen, die Verstoßenen und Entrechteten.
Das Abendmahl – ein Mahl der Träume. Jesus feiert am Gründonnerstag ein Fest gegen allen Widerschein. Mitten in Furcht und Verrat – Freude und Treue. Mitten in Haß und Tod – Liebe und Leben.
Der gewaltfreie Held endet meist tot.
Eine andere Frage jedoch bleibt:
Wer stirbt auf eine Art,
die ein Geschenk an die Geschichte darstellt?
(Daniel Berrigan)

„Gründonnerstag“ kommt von „greinen“, weinen, sagt die Sprachwissenschaft. Grün aber ist auch die Farbe der Hoffnung. Im Mittelalter war grün die Farbe der Liebe. Die Minnesänger haben die Liebenden besungen, im grünen Gewand. Gründonnerstag greifen die Schatten schon nach dem Häuflein der Träumenden. Das Greinen, Weinen ist nahe. Aber der Traum ist nicht verloren. Der Keim ist in die Erde gelegt. Das Grün von Liebe und Hoffnung wird sie verwandeln.   * zitiert nach: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sonntagsspaziergang/766371/

 

Andacht am 9.4.2009 (Gründonnerstag) über 1. Mose 37, 19 + 20

 

Zum Abendmahl:

Gott, wir träumen von Gemeinschaft. Aber in wachen Stunden vergessen wir solche Hoffnungen.
Unsere Träume nennen wir seltsam, unsere Schwestern und Brüder nennen wir Fremde.
Du rufst uns beim Namen.
Deine Arme hast du am Kreuz nach uns ausgestreckt.
Du rufst uns zu dir und nennst uns dein Volk.
So wie du breiten auch wir die Arme weit aus, umarmen neue Freunde und vergessene Träume.
Der gebrochene Körper, das vergossene Blut verwandle unsere Ängste
und erneuere unsere Visionen.
Versöhne uns und wecke die Freude in uns auf, damit unser Dank die Welt verwandelt. (aus den USA)

 

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