Mission queer – der äthiopische Finanzminister. Predigt über Apg 8,26-39

Das ist eine eigenartige Geschichte vom Finanzminister aus Äthiopien, der sich taufen lässt. die Geschichte davon, wie das Evangelium nach Afrika gelangt ist, ein anderer Kontinent, eine andere Welt, eine andere Kultur und Lebensweise.

Da ist der äthiopische Finanzminister. „Er war Nubier aus dem südlich von Ägypten gelegenen Gebiet am oberen Nil, zwischen Assuan und Khartum, dem heutigen Sudan. Das äthiopische Königreich war nämlich weder bevölkerungsmäßig noch geographisch mit dem heutigen Äthiopien (dem Gebiet im bergland östlich des oberen Nils) identisch. Es wurde stets von der Königin(mutter) regiert, die den Titel Kandake trug.“ (nach Roloff, Apg, 140)
Er hat es weit gebracht am Hof der Herrscherin. Er hat einen Schlüsselposten. Berater, Vertrauter der Kandake. Ein kluger Kopf wird er gewesen sein, selbst wenn er darum gekämpft, gerangelt, intrigiert haben sollte. Ohne Fähigkeiten hätte er’s nicht so weit gebracht. Hofbeamter war er. Am Hof wird es – damals wie später an unseren Fürstenhöfen Klatsch und Tratsch gegeben haben, Rangeleien, Intrigen, Gerüchte, manchmal gezielt ausgestreut. Wer am Hof bestehen wollte, mußte sich auf diesem Parkett bewegen können. Der Finanzminister noch dazu auf diplomatischem, internationalen. Und er wird weitreichende Kompetenzen gehabt haben. Was er entschied, hatte Auswirkungen. Auf ein ganzes Land, auf die Menschen, die darin lebten. Dessen wird er sich bewußt gewesen sein. – Und er ist Eunuch, ein Verschnittener, ein Kastrat. So war das damals für die, die in die höchsten Ämter aufstiegen am Hofe der Königin. Es war eine Ehre.
Dunkelhäutig ist er, der „schwarze Mann“. Haben die Kinder schon damals auch gesungen: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“?
Er hat keinen Namen. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen?
Keinen Namen, so wie auch heute Farbige einfach geduzt werden auf der Straße, einfach so, nur weil sie anders aussehen als wir. Diese Erfahrung müssen selbst ausländische Professoren machen. Der Finanzminister trägt keinen Namen in unserer Geschichte.
Und der, genau der kommt aus Jerusalem zurück mit religiösen Schriften im Gepäck. Genau dem begegnet Philippus. Genau der wird getauft.
Aber da ist jetzt zunächst einmal Philippus, christlicher Wandermissionar. Er kannte sich aus mit den – heute würden wir sagen – Leitlinien der Mission. In der Apostelgeschichte und in den Paulusbriefen spiegelt sich etwas von den Diskussionen jener Zeit wider, in der das Christentum in der modernen hellenistisch geprägten Welt Fuß faßte.

Denn zunächst war es ja so, dass Jesus der jüdische Messias war, Jude unter anderen Jüdinnen und Juden. Die ersten Gemeinden bestanden aus Juden. Die Männer waren beschnitten, sie hielten die Speisegebote, die Reinheitsgebote, den Sabbat. Sie lasen die Bibel, das heißt das Erste Testament, Gesetz und Propheten, beteten Psalmen. Auch Paulus ging ja in einer fremden Stadt zuerst in die Synagoge oder dahin, wo sich die jüdische Gemeinde traf. Der Weg zum Christentum führte über das Judentum. Und wer dazukam, mußte erst Jüdin, Jude werden, anfangs.
Philippus wußte darin als Wandermissionar Bescheid und bewegte sich in diesem Umkreis. Und wird auf einmal in die Wüste geschickt. Denn er soll auf die Straße von Jerusalem nach Gaza gehen, und die ist „öde“. Wüste, das ist mehr als nur ein Ort. Das ist ein Symbol. Israels Weg durch die Wüste, 40 Jahre, ein langwieriger, trockener Weg, immer wieder bedroht und immer wieder durch Gottes Nähe gerettet.
Die Wüste – das ist der Ort der Verlassenheit und der Versuchung. Ein „Wüstenaufenthalt“ – das kann auch die Zeit sein, in der eine wichtige Entscheidung ansteht eine Zeit, in der wir auf der Suche sind oder eine Durststrecke in unserem Leben. In der Wüste ist ein Mensch sich selbst ausgesetzt, auch neuen Erfahrungen, die er von sich aus vielleicht gar nicht machen will. Und doch erzählen viele Menschen im Rückblick davon, dass solch ein „Wüstenaufenthalt“ für sie mit wichtigen Erfahrungen verbunden war.
Wie wird es Philippus gegangen sein? Anfangs wird er gar nicht gewußt haben, was er da sollte, kam sich vielleicht abgestellt und überflüssig vor. Die Situation, die Menschen, die einem in der Wüste begegnen – fremd. In der Wüste erfährt man sich selbst – intensiver, fremd vielleicht, aber auch neu. Was geschieht mit Philippus in der Wüste?
Und hier begegnen sich die beiden. Zwei Männer aus verschiedenen Welten treffen aufeinander, zwei Welten voller Klischees:
Der Missionar aus der judenchristlichen, jüdisch-christlichen Welt, und der äthiopische Finanzminister. Der Weiße und der Schwarze. Der Europäer und der Afrikaner. Der mit Namen und der ohne. Der Jude und der, der niemals einer werden kann, weil er ein Eunuch ist. Der Christ und der Heide.
Und es trifft aufeinander, was die Klischees sprengt, die sich mit schwarz und weiß verbinden: der normal oder einfach oder halbgebildete Europäer und der hochkarätige und qualifizierte Afrikaner, Finanzfachmann, Banker, Top-Manager (so würden wir heute vielleicht sagen), der Missionar der einfachen Unter- oder Mittelschicht und der Minister, der sich auf höfischem, diplomatischen Parkett zu bewegen gewohnt ist. Afrika anders: Reich, gebildet, kultiviert, qualifiziert. Ist es eine Begegnung der Welten, auch heute?
Beide treffen in der Wüste aufeinander, dem Ort der Einkehr, der Versuchung, der Umkehr, der Veränderung. Es wird eine Begegnung, die sie beide verändert.
Der Kämmerer gewinnt Zugang zur christlichen Botschaft, über eine jüdische Schrift übrigens. Er liest aus dem Propheten Jesaja. Er tritt zum Christentum über und lässt sich taufen.
Und Philippus – er tauft ihn. Obwohl er weiß, dass einem Kastraten der Weg zum Glauben auf jüdischem Grund versperrt ist. Er tauft ihn, auch wenn von einem förmlichen Glaubensbekenntnis keine Rede ist. Er tauft ihn direkt nach ihrem Gespräch, das sicher länger wehrte, aber nicht so umfassend war wie die sonst übliche Taufunterweisung. Er macht ihm keine Auflagen, wie er sich etwa zu Hause, am Hof der Königin, verhalten soll oder dass er gar von seinem Umfeld und seiner Kultur Abschied nehmen soll.   Philippus überschreitet die Grenzen der herkömmlichen Mission, er nimmt die Entscheidung vorweg, dass Menschen ohne den Umweg über das Judentum dazugehören dürfen. Eine Entscheidung, die erst später in der Apostelgeschichte direkt aktuell und thematisiert wird, als Petrus zum Hauptmann Kornelius gerufen wurde und im Traum die Botschaft Gottes erhält, dass Rein und Unrein keine Rolle spielen.
Die Begegnung der beiden hat beide verändert, nicht nur den, der „missioniert“ wird, der den Glauben annimmt. Ich glaube, Mission ist hier keine Einbahnstraße, sondern geschieht, indem sich die beiden ernstnehmen und ein Austausch möglich ist.
Während ich mit dem Stichwort „Mission“ verbinde: aufstehen, auf die Leute zugehen, zu ihnen gehen, fällt hier auf, dass die Initiative von dem Afrikaner ausgeht: Er liest, er hat Fragen, er bittet um Erklärung, er lässt den Wagen halten und bittet um die Taufe, und er zieht seine Straße fröhlich. Wie wird er seinen neuen Glauben integriert haben?
Könnte das im übertragenen Sinne bedeuten: bereit sein, sich in die Wüste zu begeben, bereitstehen und bereit sein, sich selbst und den eigenen Glauben verändern zu lassen. Glaube ist ja nichts Starres und verändert sich immer wieder im Laufe des Lebens und der Geschichte.
Sich wie in der Wüste vorkommen, abgestellt, nicht so recht wissen, was daraus wird – und sich dann doch überraschend mit Fragen konfrontiert sehen.
Könnte das im übertragenen Sinne bedeuten: den anderen Menschen kommen lassen, ihn herankommen lassen, sich auf ihn einlassen, könnte das bedeuten: warten, bis der andere, die andere kommt mit ihren Fragen, ihren Wünschen, ihren Anstößen?
Wenn wir von unserem Glauben zu erzählen versuchen oder wenn ich Verlautbarungen lese, dann passiert es manchmal, dass wir Fragen beantworten, die unser Gegenüber gar nicht hat.
Im Internet hat ein Mann geschrieben: „Sicher warten viele darauf, vor allem die, denen die Kirche zu einer „fremden Heimat“ geworden ist. Ob das nicht auch oft an missglückter Wegbegleitung liegt, wo ihnen die Wahrheit von oben herab eingetrichtert werden sollte, statt dass sich einer auf ihre Ebene wagte?“
Philippus zeigt uns, wie echte Wegbegleitung aussehen kann:, indem ihre Suche ernst genommen und wahrgenommen wird, indem ihre Fragen und Bitten aufgenommen werden.
Dem Christentum wird immer wieder angekreidet, dass es in vergangenen Jahrhunderten die Völker, zu denen es gekommen ist, nicht ernst genommen hat und gewachsene soziale Strukturen, jahrhundertealte Kulturen einfach zerstört hat. In Mittelamerika etwa landeten die Bücher der Maja auf dem Scheiterhaufen und mit ihnen das Gedächtnis einer hochstehenden Kultur.

Ein Experte für Entwicklungshilfe erzählt: „Noch immer höre ich ihn rufen: ‘Laßt uns in Ruh’ mit eurer Entwicklungshilfe!’ Es war auf einer internationalen Konferenz in Paris. Ein schwarzer Lehrer kam nach vorn, wartete, bis der Saal ganz still war, dann rief er: ‘Laßt uns in Ruh’ mit eurer Entwicklungshilfe. Diese Hilfe hat uns nicht geholfen. Wenn ihr uns helfen wollt, dann zieht euch unsere schuhe an und geht auf unserem Weg und trinkt aus dem gleichen Wecher wie wir, und dann werden wir sehen, dass wir eure Lebenseinstellung nicht gebrauchen können.“ (Hoffsümmer Kurzgeschichten 1,233 S. 131)
Hier, in dieser Geschichte, hat Philippus der Versuchung widerstanden, mit seinem Glauben zugeleich seine eigene Kultur zu importieren und überzustülpen. Philippus hatte die Größe, den Afrikaner einfach ziehen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass dort, im Sudan, die Botschaft von Jesus sich ansiedelt und wächst auf eine Weise, die ihm selbst sicher sehr fremd gewesen wäre.
Und so kann Glauben sich entwickeln auf eine – im Sinne eines Kulturkreises – schwarze Weise. Ist es der Keim einer black theology, der hier angelegt wird?
Gott sei Dank heißt Mission z.B. in Afrika heute nicht mehr, den Leuten etwas aus- oder einzureden und überzustülpen, was ihnen gar nicht weiterhilft. Ich denke stattdessen an Dr. G. in Tansania oder an Dr. H., der seinen Jahresurlaub operierend in Kenia verbringt.
Aber wie sich Glauben und Lebensstil oder Kultur verhalten, diese Frage ist auch bei uns nicht so weit her geholt. Dietrich Bonhoeffer hatte in den 30er Jahren eine umfangreiche Sammlung von Platten mit Jazzmusik. Das war verpönt. In unserer Kirchenzeitung wurde noch in den 50er Jahren Jazz vehement bekämpft, im besten Einklang mit staatlicher Meinung übrigens, denn er kam ja vom Erzfeind USA. Was sich in der Kirche gehörte, das waren Choräle, am besten von Bach, mit Orgelbegleitung, und überhaupt „ernste Musik“. Dass in unseren Kirchen Rockmessen stattfinden, war noch vor ein paar Jahrzehnten undenkbar. Nach wie vor gibt es Streit, wenn in den Großstädten Rave-Gottesdienste stattfinden oder wenn Kirche sich bei Biker-Treffen einbringt.
Wie gehen wir in der Kirche mit anderen Lebensstilen, mit einem anderen sozialen Umfeld als dem der durchschnittlichen KirchgängerInnen um? Dem des Farbigen, des Bankers, des Hochgebildeten, dem der Spaß- und Erlebniskultur, der Generation X, Es ist eine echte Frage, und diese Frage ist auch durch unsere Erzählung in der Apostelgeschichte über die Begegnung und Entscheidung der beiden nicht erledigt.
Im übrigen: Philippus und der Minister, beide sind Männer. Wie wäre die Begegnung verlaufen, wenn es zwei Frauen gewesen wären, die sich getroffen hätten? Eine Missionarin und…?
„Die Erzählung über die Mission im Süden und den Erfolg am Eunuchen ist wie manche andere Missionserzählung der Urchristenheit eine Geschichte über die Kirche von morgen. Diese Kirche folgt dem göttlichen Wink. Sie ist bereit, auf die Straße hinauszugehen. Sie ist fähig, anderen eine wegweisende Auslegung zu vermitteln. Sie hat die innere Freiheit, Grenzen des religiösen Vorurteiles (ein Eunuch), der Rasse (ein Nubier), des Volkes (ein Afrikaner), der Religion (ein Heide), des Raumes (weit jenseits alles Gewohnten) usw. zu überschreiten. Und sie ist weise genug, die Initiativen des Gewonnenen als erstes, wenn auch vielleicht verstecktes Glaubenszeugnis zu erkennen und aufzunehmen (auch wenn dadurch Ordnungsfragen – Taufe unterwegs? ohne Katechese? – ungeklärt bleiben) und dem Gewonnenen die Freiheit zu geben, seines Glaubens froh zu leben.“ (Gottfried Schille,ThHKNT 5, 217)

Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis über Apostelgeschichte 8, 26-39

Weitere Predigten zur Taufe: hier
Predigten in der Trinitatiszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s